Mythos der Bibel
Am 26.Dezember 2004 gab es ein Seebeben bei Sumatra im indischen Ozean. Ein dadurch ausgelöster Tsunami forderte weit über 200.000 Tote. Heutzutage sind Fotoapparate und Videokameras so weit verbreitet, dass diese größte unter den Naturkatastrophen der jüngsten Zeit vielfältig dokumentiert ist. Verheerende Flutkatastrophen und Überschwemmungen hat es gewiss zu allen Zeiten und an vielen Stellen auf unserem Globus gegeben. Erzählungen davon gehören zum Überlieferungsgut vieler Kulturen.
So verwundert es überhaupt nicht, wenn sich auch in der Bibel eine Erzählung einer großen Flutkatastrophe findet. Bei dieser Erzählung handelt es sich um eine Übernahme und Bearbeitung aus dem babylonischen Kulturkreis, es ist die Gilgamesch-Überlieferung. 1
Wir benennen sie nach dem Protagonisten des Epos, nach Gilgamesch. Eine viel ältere Erzählung wurde etwa um das Jahr 1200 v.Chr. auf Steintafeln aufgezeichnet. Der Gott Ea hat den Plan des Götterrates an seinen Schützling Gilgamesch verraten. Er warnt ihn vor der bevorstehenden großen Flut zur Vernichtung der Menschen. Er befiehlt ihm ein Boot zu bauen, so groß dass Platz für Menschen und Tiere darin ist. Auch Saatgut der Pflanzen soll Gilgamesch mit in das Schiff nehmen. Nach sieben Tagen war Gilgamesch mit dem Bau eines schwimmenden Hauses fertig. Dann setzt der große Regen ein, der selbst die Berge überflutet. Als Grund für die starken Regenfälle wird die Laune der Götter genannt, die Menschen zu vernichten. Der Schützling Gilgamesch kann mit den Seinen überleben. Als schließlich die Sonne wieder in die Dachluke scheint, lässt Gilgamesch eine Taube heraus. Sie kommt zurück, weil sie nirgends einen Platz zum Landen findet. Einer später gestarteten Schwalbe ergeht es ebenso. Erst ein Rabe, am siebenten Tag hinausgelassen, kehrte nicht mehr zurück. Da wusste Gilgamesch, dass das Hochwasser abgeflossen war. Durch den schützenden Rat des Gottes Ea hatte Gilgamesch mit den Seinen überlebt. Grund genug, danach ein Dankesopfer abzuhalten.
In der Bibel steht der Bericht über die große Flut im 1.Mose Kapitel 6,5 – 9,17. Der biblische Erzähler hatte die Geschichte von der großen Flut in der Schule in Babylon gelernt. Viele Einzelheiten tauchen in der Bibel wieder auf. Z.B. testen Gilgamesch und Noah gleichermaßen mit einem Raben und einer Taube, ob das Hochwasser abgeflossen ist. Der Protagonist der Bibel heißt Noah, er wurde von Gott als untadelig befunden. Nur er darf mit seiner Familie die Flutkatastrophe überleben, und mit ihm jeweils ein Paar von jeder Tierart. Auch Noah feiert sein Überleben mit einem Brandopfer.
Einige Details der biblischen Erzählung
Für den Leser bleiben zunächst Fragen offen. Wann soll denn diese Flutkatastrophe stattgefunden haben, die spätere Bibelleser als Sündenflut oder mit dem veralteten Ausdruck „Sintflut" bezeichnen? Die Bibel macht keinerlei zeitliche Angaben. Auch das legendäre Alter von Noah mit 600 Jahren vor der Flutkatastrophe und dem Alter 601 nach der Überschwemmung hilft wenig für eine zeitliche Datierung. Selbst die Dauer der eigentlichen Flutkatastrophe bleibt verwirrend unklar. Noah besteigt sein Schiff 7 Tage vor Beginn der Flut, dann regnet es 40 Tage lang ununterbrochen, danach wartet er noch zweimal 7 Tage, bis das Land wieder trocken ist und die Taube nicht mehr zu dem Schiff zurückkehrt.
An anderer Stelle heißt es, das Wasser stieg 150 Tage lang und fiel 150 Tage lang. So bleibt in jeder Weise eine Fehlanzeige für eine konkrete zeitliche Einordnung der biblischen Angaben.
Auch die Art der Flutkatastrophe ist buchstäblich in den Fluten untergegangen. Handelt es sich um ein Hochwasser nach den sprichwörtlich gewordenen „sintflutartigen" Regenfällen? Oder kam das Wasser „von unten" wie bei einem Tsunami? Wir lesen: Im 600. Lebensjahr Noahs, am 17. Tag des 2. Monats, öffneten sich die Schleusen des Himmels und die Quellen der Tiefe brachen von unten aus der Erde hervor.
Wenn schon zeitliche Angaben ausgeschlossen werden, wie steht es um geografischen Angaben? Der Platz an dem das „Hausboot" gezimmert wird, bleibt ungenannt. Es findet sich kein Ortsname. Das Abheben der riesigen Holzkonstruktion gelingt jedenfalls. Sie erweist sich als schwimmtauglich. Wir erfahren nicht, wieweit sich der schwimmende Kasten von seinem Startplatz entfernt hat. Allerdings endet die Wasserfahrt auf einem Berg. Hier findet sich eine Ortsangabe für die Landberührung. In der babylonischen Fassung heißt der Name des Berges Nißir. In der biblischen Fassung ist es ein Berg des Araratgebirges, auf dem das hölzerne Hausboot aufsitzt. Ein Berg spielt insofern eine Rolle, als das Wasser 5 Meter über dem höchsten Berg gestanden hat. Eine Flucht vor der Flut auf einen Berg wird ausgeschlossen. Eine geografische Festlegung soll offensichtlich gerade nicht gemacht werden. Sucht man ein heutiges Land oder einen geografischen Punkt für diese Irrfahrt, dann geht man in die Irre. Einen Ort für die Katastrophe will der biblische Erzähler gerade nicht angegeben. Das Wasser überschwemmt die ganze Erde und vernichtet alle Menschen. Es soll jeden betreffen.
Halten wir fest: Die Fragen nach dem wann? und nach dem wo? sollen im Sinne des biblischen Erzählers gerade nicht geklärt werden.
Er konzentriert sich auf das Warum? Und da fehlt es nicht an Eindeutigkeit. Weil die Menschen schlecht sind, müssen sie weg. Der HERR sah, dass die Menschen auf der Erde völlig verdorben waren. Alles, was aus ihrem Herzen kam, ihr ganzes Denken und Planen, war durch und durch böse. Das tat ihm weh, und er bereute, dass er sie erschaffen hatte.Gottes Entschluss steht fest: Ich will die Menschen wieder von der Erde ausrotten – und nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere auf der Erde, von den größten bis zu den kleinsten, und auch die Vögel in der Luft. Es wäre besser gewesen, wenn ich sie gar nicht erst erschaffen hätte (1.Mose 6,5-7)
Die besondere Lebenseinstellung des Noah, nämlich „in enger Verbindung zu Gott zu leben", schließt ihn von der Vernichtungsaktion aus. Sinn und Zweck der Flut ist: Wer nicht im Sinne Gottes lebt, muss weg! An Mitleid mit den Ertrinkenden denkt der Erzähler nicht. Wer gottlos ist, wird grausam vernichtet. Mit Noah will Gott einen neuen Anfang für künftige Generationen machen. „Vermehrt euch und bevölkert die Erde".
Die Absicht der Erzählung
Hatten wir festgestellt, dass hinter der Erzählung von der großen Flut eine bestimmte Absicht steckt, so müssen wir weiter nach einem größeren Zusammenhang des Erzählten fragen. Unverkennbar stammt das Katastrophenszenario aus Mesopotamien. Es kann kaum zweifelhaft sein, dass es in einem Land zwischen zwei großen Strömen in geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit häufig Überschwemmungen gegeben hat. Das allein wäre noch kein Grund für die Übernahme in das Alte Testament. Wir müssen die mythologischen Erzählungen der biblischen Frühzeit in einen größeren Zusammenhang stellen.
Die neue, abrahamitische Religion -heute auch als „Jahwe-allein-Bewegung" benannt- begann erst nach dem babylonischen Exil. Zum Verständnis: Der babylonische König Nebukadnezar vernichtete im Jahr 587 v.Chr. die Stadt Jerusalem und den Staat Juda. Ein Teil der überlebenden Bevölkerung wurde nach Babylon deportiert. Unter den Nachfahren erhielten die begabten jungen Männer eine Schulausbildung in Babylon. Diese judäische Bildungselite hat im Schoß der mesopotamischen Mult-Kulti-Gesellschaft mit religiösem Synkretismus eine eigenständige Religion hervorgebracht. Das ist die abrahamitische Religion.
Älteres Überlieferungsmaterial, das mündlich tradiert worden ist, wird literarisch bearbeitet. Es ist der Grundstock für das Alte Testament. Vom Standpunkt der babylonischen Entstehungszeit aus blickt man zurück, um alte Erzählungen für die neue Religion niederzuschreiben. Daher sind die vor-abrahamitischen Geschichten des Alten Testaments von Legenden umrankt.
Die Verbindung zwischen Gott und seinem Volk ist im Alten Testament an die Gestalt eines Abraham geheftet. Im Zuge eines Rückblicks wird die Zusage Gottes („Bund") in eine chronologisch nicht fixierbare Urzeit zurück verlegt. Es soll der Anschein entstehen, als habe es den abrahamitischen Gott schon früher als den alleinigen gegeben. Noah hält zu Gott und überlebt. Die von Gott abtrünnigen Sünder hat die große Flut vernichtet. So wird die Vorlage aus Mesopotamien literarisch in den Dienst der abrahamitischen Religion eingebunden. Die abrahamitische Religion interpretiert aus dem Blickwinkel des babylonischen Exils heraus tradierte Erzählungen so, als wären sie frühere Religionsgeschichte. Dieses Geschichtsbild ist mythologisch. Es beginnt mit dem Anfang der Welt. Die Erschaffung der Welt – das ist ein Werk ihres Gottes. Ihr Gott wusste auch, wie er mit unfolgsamen Menschen (Sündern) umgehen kann. Durch eine große Flut hat er alle Abtrünnigen hinweggeschwemmt.
Bemerkenswert ist die große Freiheit des biblischen Erzählers. Mit aller Freiheit bearbeitet er die Vorlage aus der Götterwelt Mesopotamiens. Er radiert den Namen des Gilgamesch aus und setzt den seines Gottesmannes Noah ein. Warum haben das die alten Judäer gemacht? Sie brauchten eine Story, um ihren Glauben in Worte zu fassen. Er beinhaltet den Appell zum Aufbruch, um ein neues Leben zu beginnen. Von Babylon wollten sie weg zu neuen Ufern, vom Ort der Unfreiheit weg zu einem gemeinsamen Leben in einem neuen Jerusalem. Man wollte in einem Gottesstaat leben, in dem Gottes Gebot Staatsgesetz sein soll. Dafür musste man kräftig Werbung machen. Denn das Land ihrer Vorfahren war durch Nebukadnezar zerstört. Das Ziel ihrer Reise, Jerusalem, lag in Trümmern. Zu dem Zeitpunkt eines geplanten Neuanfangs brauchten sie dringend Menschen, die mit ihnen in das Land der Väter wandern wollten.
Unsachgemäße Verknüpfung
Nach einer urzeitlichen Jahreszahl zu suchen, oder eine Überflutungsschicht auszugraben, das ist als Beleg für eine Forderung „die Bibel hat recht" vollkommen untauglich. Wer solches beabsichtigt, vergewaltigt den biblischen Text von der Sintflut. Hatten wir doch gesehen, dass der Verfasser gerade keine Jahreszahl und keinen Ort des Geschehens nennt. Dessen ungeachtet haben Versuche einer archäologischen Beweisführung über die biblischen Erzählungen eine lange Tradition. Werner Keller hatte mit seinem Buch „Und die Bibel hat doch recht: Forscher beweisen die historische Wahrheit" die Richtung vorgegeben. In jüngster Zeit haben die Autoren Ryan und Pitmann.2 mit ihrem Buch zur angeblichen Entschlüsselung der Sintflut nachgelegt.
Zweifellos ist diese Arbeit eine interessante geologische Studie zur Veränderung des Schwarzen Meeres. Vor 10.000 Jahren war dieses noch ein Süßwassersee, von den Griechen Euxinos-See genannt. Den Sedimenten nach ist der See etwa um das Jahr 5.500 v.Chr. durch Eindringen von Salzwasser gekippt. Durchaus denkbar, dass dieses mit gewaltigen geologischen Veränderungen einherging. Diese sogenannte outflow-Hypothese ist unter Wissenschaftler nicht unumstritten. Auch die Datierungen schwanken. Die Landverbindung zwischen Europa und Asien soll bereits um 6.700 v.Chr. durchbrochen worden sein. Das Mittelmeer ergoss sich in einer ungeheuren Flutkatastrophe in den vormaligen Binnensee.
Doch ist damit ein Rätsel der Bibel entschlüsselt? Die eigentliche Frage muss lauten: Ist es überhaupt berechtigt, dass die Autoren Ryan und Pitmann ihre Forschungsergebnisse mit dem biblischen Flutbericht in Verbindung bringen? Die schriftlichen Vorlagen für den biblischen Erzähler stammen nicht aus dem nordpalästinensischen Raum, sondern aus Mesopotamien. Mehr noch: Der Mythos verfolgt eine ganz andere Absicht, als geschichtliche Ereignisse festzuhalten. Der biblische Mythos interpretiert Geschichten so, als drücke sich in ihnen das Handeln ihres Gottes Jahwe aus, der erst durch die abrahamitische Religion zu einem alleinigen Gott wurde. Es ist ein grundsätzlicher Irrweg, den frühen, vorexilischen biblischen Geschichten ein historisches Faktum zuordnen zu wollen. Dahinter steht die Einschätzung, die Bibel habe nur dann Recht, wenn das Berichtete durch historische Fakten zu belegen oder zu beweisen ist. Solche Belege machen indes die Bibel nicht glaubhafter. Die biblische Wahrheit wird nicht durch die Forschungsergebnisse des Historikers untermauert. Sie bleibt mythologisch. Nein, die Geschichte von der großen Flut will keine Vergangenheit überliefern. Als ob es nicht genügend Katastrophen in der Menschheitsgeschichte gegeben hätte. Sie will Werbung machen für die abrahamitische Religion. Der Gott, der in dieser Erzählung handelt, ist der Gott mit dem wir verbunden sind. (Gott machte einen 'Bund' mit Noah.) Das ist die Absicht der Erzählung.
Zur Frage einer Vergegenwärtigung
Wenn an die Sintflutgeschichte eine strittige Frage herangetragen werden muss dann die, wie kann man sie heute vermitteln? Wie hören unsere Kinder die Sintflutgeschichte? Nehmen wir ein Beispiel! Ein Kind hört im Religionsunterricht die biblische Flutgeschichte. Es kann gewiss nicht das Leid und Elend der Opfer verstehen – dazu fehlt es einem Kind an Lebenserfahrung. Doch mit der Sehnsucht eines kleinen Abenteurers würde es sich gern oben auf den Wellen sehen. Da ist doch Action pur. Das Kind wird vielleicht die Frage stellen: Hat es die Sintflut der Bibel wirklich gegeben? Hoffentlich schenkt ihm sein Religionslehrer reinen Wein ein und sagt: „Das ist nur eine Geschichte". Dieser Schritt ist unerlässlich. Er führt weg von dem Missverständnis, nur weil etwas in der Bibel steht, muss es sich wirklich so zugetragen haben. Das Rätsel ist die Religion, die es zu entschlüsseln gilt, nicht aber Ort und Zeit einer Flutkatastrophe.
[1] Jochen Rabast, Engel im Gepäck. Spuren zum Alten Testament, 2009,
ISBN 978-3-8372-0562-6, 10,80 €
Hier findet sich auch der Wortlaut für beide Versionen
[2] Pitmann/Ryan, Ein Rätsel wird entschlüsselt, deutsche Ausgabe 1999,
ISBN 3-7857-0878-5
Dr.Jochen Rabast