Hüte machen Kleider!
Kleider machen Leute? Nein, Hüte machen Kleider! Der richtige Hut wertet jedes Kleidungsstück auf.War der
Hut früher in Europa ein unentbehrlicher Bestandteil der Ausgehkleidung, so besteht seine wichtigste Funktion heute darin, den Kopf gegen Kälte, Nässe oder Sonnenstrahlung zu schützen. Nur bei offiziellen Anlässen wird teilweise auch heute noch von Frauen das
Tragen eines Hutes erwartet, wie zum Beispiel beim Pferderennen im englischen Ascot. Die wahre
Hut-Liebhaberin braucht jedoch keinen besonderen Anlass, einen Hut zu tragen – für sie gehört er, genau wie Schuhe und Handtasche, zum Alltag.
Der Hut im 20. Jahrhundert
Einen Hut zu tragen symbolisierte im frühen 20. Jahrhundert den sozialen Wohlstand der Trägerinnen. Während die Hüte um diese Zeit gigantisch groß und üppig mit Federn, Blumen und Bändern geschmückt waren, kamen in den 1920er Jahren schmale Hüte in Mode, die die Kurzhaarfrisur des Bubikopfes nicht vollständig verdeckten. Wenn eine Frau damals als gut angezogen gelten wollte, wagte sie sich nicht ohne Kopfbedeckung auf die Straße.
Seit den 1950er Jahren hat der Hut schließlich weitgehend die Verwendung als allgemeine Kopfbedeckung eingebüßt. Mitte der 50er Jahre vereinigte sich die gesamte Hutwirtschaft in der "Arbeitsgemeinschaft Hut" für die Hartwig Gottwald, Werbeleiter einer Hutfabrik, eine erfolgreichen Werbekampagne unter dem Slogan "Man trägt wieder einen Hut" durchführte. Er veranstaltete Hutparaden und Strohhutturniere in den Einkaufsstraßen der Großstädte und in Luxuskurorten. Dennoch konnten alle Anstrengungen den Bedeutungsverlust des Hutes nicht stoppen. Ende der 1960er Jahre machten bunte Kopftücher sowie die Leder- und Strohhüte der Hippies der Hutmode im engeren Sinne ein Ende, und das Hutmacherhandwerk verlor an Bedeutung.
Das unverwüstliche Panama-Stroh
Die moderne Hutindustrie, deren Hüte man in Kaufhäusern erhält, setzt auf preiswerte Ware, die man einfach wegwirft, wenn sie zerdrückt oder verfärbt ist. Für wahre Hut-Liebhaber ist diese Vorstellung natürlich völlig inakzeptabel, denn sie tragen ihre handgearbeiteten, zeitlosen Hüte, für die sie ein Vermögen hinblättern, sehr lange, manchmal sogar länger als zehn Jahre – sofern sie aus feinstem Filz oder Panama-Stroh sind. Panama-Stroh nennt man das Toquilla-Stroh des Scheibenblumengewächses „Carludovica palmata" aus Ecuador, auch „Panama-Hut-Pflanze" genannt. Hüte aus diesem Stroh werden stets mit Hand geflochten und erhalten anschließend durch Feuchtigkeit, Wärme und Druck ihre spezifische Form. Je nach Dicke der Faser kann die Herstellung sehr langwierig und aufwendig sein, so dass Panama-Hüte sehr teuer sein können – manche seltene Exemplare kosten gar mehrere Tausend Euro. Bei Hüten, die im Kaufhaus als Panama-Hüte zwischen 50 und 100 Euro verkauft werden, handelt es sich um Hüte im Panama-Stil, jedoch nicht um echte Panama-Hüte – die wären für die Kaufhäuser schlichtweg zu teuer.
Einen guten Panama-Hut, aber auch jeden anderen guten Hut erkennt man daran, dass man ihn zusammengerollt im Koffer transportieren kann, ohne dass Fasern beschädigt werden.
Der Hut, das praktische Accessoire
Frauen tragen Hüte aus unterschiedlichen Gründen – zum einen, um sich eine individuelle Note zu verschaffen oder um den Weg jenseits des Mainstreams zu gehen, zum anderen, weil sie Hüte einfach lieben. Der Hut ist ein sehr praktisches Accessoire, vor allem, wenn man täglich mit dem Fahrrad unterwegs ist – bei den einen hält Dreiwettertaft die Frisur in Form, bei anderen der Hut, so wie das bei mir der Fall ist. Ich habe den Hut als praktisches Accessoire vor vielen Jahren entdeckt und seitdem das Haus nie mehr „unbehütet" verlassen.
Kleider machen Leute? Nein, Hüte machen Kleider!
Der entsprechende Hut wertet jedes Outfit auf – und zwar immer dann, wenn man glaubt, zu einem besonderen Anlass nichts zum Anziehen zu haben. Anstatt sich ein feierliches Kleid für ein einmaliges Ereignis zu kaufen, greift man lieber gleich zum Hut. Der richtige Hut wertet das nicht ganz so feierliche Kleid ungemein auf. Hut-Liebhaberinnen mit zahlreichen Hüten in Hutschachteln auf dem Schrank, wie ich, wissen das – anders als die meisten Frauen, die sich (und auch nur zu besonderen Anlässen wie Todesfall oder Hochzeit) den Hut zum Outfit kaufen, kauft die passionierte Hut-Trägerin das Outfit zum Hut. Sie steht im Laden und fragt sich, ob dieser Mantel, diese Jacke oder dieses Kleid zu diesem oder jenem Hut passen würden, und wenn die Antwort nein ist, lässt sie den Kauf bleiben. Es gibt allerdings auch Hüte, die zu jedem Outfit passen. Und, wie der Hutmacher Maik Schulz sagt: „Besonders nette Kleider bekommen zur Belohnung einen Hut".
Wo gibt's die schönsten Hüte?
Schöne und vor allem qualitativ gute Hüte zu finden ist nicht ganz so einfach, vor allem, wenn man in einer kleinen Stadt wie Heidelberg wohnt – da muss man sich schon mal in den Zug setzen und in die nächste Großstadt fahren.
Die schönsten Hüte im 1930er Jahre Stil macht der Hutdesigner Maik Schulz – nicht ganz billig, aber sie sind zeitlos schön und halten jahrelang. Man bekommt sie zum Beispiel bei „Hut Hanne" in Stuttgart. Sehr edel und unverwüstlich sind auch die Strohhüte von Bronté aus haarfein geflochtenem Stroh, die man in ausgewählten Hutgeschäften erhält. Bei Roeckl findet man auch ab und zu sehr schöne Hüte. Bei einem Strohhut sollte man vor allem auf die Verarbeitung und die Qualität des Strohs achten – ist das Stroh zu hart, wird man an dem Hut nicht lange seine Freude haben.
Cornelia Lohs