Bild: Mareen Fischer
Das 1923 erstmals beschriebene Capgras-Syndrom beschreibt eine psychische Störung, bei der Erkrankte glauben, ihr Partner wäre tot und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Im Zuge der vermehrten Kommunikation über soziale Netzwerke wird Identität im 21. Jahrhundert neu definiert und zeigt teilweise Parallelen zu den Symptomen des Capgras-Syndroms. Entsteht hier eine neue mediale Krankheitsform?
Ein ungewöhnliches Mordmotiv bereitet forensischen Psychiatern in den letzten Jahren vermehrt Kopfzerbrechen. Weltweit wurden seit 2003 in über 130 Fällen Männer und Frauen von ihren Partnern ermordet, weil diese glaubten, der andere wäre bereits tot und durch einen Doppelgänger, ein sogenanntes Double, ersetzt worden. Diese einst seltene psychiatrische Störung wird durch das Capgras-Syndrom beschrieben, geht auf den Psychiater Josep Capgras zurück und gehört der Gruppe der Missidentifikationssyndrome an.
Doch was erklärt den rasanten Anstieg der "Capgras-Morde"?
Unter anderem die Virtualität, legen Medienwissenschaftler und Philosophen in seltener Einigkeit nahe. Soziale Netzwerke wie Facebook beförderten nur scheinbar die Individualität des Einzelnen. Indem sich jeder in seiner Individualität inszenieren müsse, stellten Facebook und StudiVZ die Identität des Subjekts, die Kohärenz des Selbst in Wahrheit zur Disposition. Diese Zweifel an der Identität des Anderen, an seiner "Echtheit", zeigen deutliche Parallelen zur fehlenden Identifikation des Anderen beim Capgras-Syndrom: Der Partner wird zwar körperlich erkannt, aber emotional nicht. Dadurch wird ein Spannungszustand ausgelöst, und diese Dissonanz kann erst wieder durch das Konstrukt des Doppelgängers aufgelöst werden.
Werden wir uns bald neuen medialen Krankheitsformen gegenüber sehen? Wird es zu einer Epidemie von Capgras-Morden kommen? Gibt es das Capgras-Syndrom überhaupt? Oder soll es nur etwas erklären, was seit Jahrtausenden die Menschheit mit namenlosem Grauen erfüllt: die irrationale Angst vor Doppelgängern und das Geheimnis der Duplizität?
Mareen Fischer