Infanterist
Die wackelige grüne Nachtsichtkamera zeigt ein Gebäude, in dessen Kamin punktgenau eine lasergeleitete Rakete steuert. Das ganze Prozedere wird kühl vom Piloten kommentiert. Dann...: Explosion, eine riesige Staubwolke und ein trockenes "Mission completed". Wohl jeder erinnert sich noch an die Bilder in den Fernsehnachrichten, die vom ersten Irak-Krieg, dem Desert Storm berichtet haben.
Rund 20 Jahre später: Wackelige Youtube-Bilder zeigen US-Marines, die sich Haus um Haus durch ein afghanisches Dorf arbeiten. Plötzlich: wildes, metallisches Geknatter, Körper werfen sich zu Boden, Verzweiflung in den Gesichtern der jungen Soldaten. Stimmen rufen durcheinander. Ein Soldat schreit getroffen auf und wird von seinen Kameraden grob in Deckung gezogen.
High Tech oder Mann gegen Mann?
Größer können die Gegensätze nicht sein. Anfang der Neunziger, der so genannte saubere Krieg, fast wie im Videospiel. Blut, Geschrei, Chaos nur auf Seiten der Getroffenen. Heute, Krieg in seiner klaren Brutalität und junge Soldaten, denen der Schrecken offen ins Gesicht geschrieben steht. Häuserkampf, Kampf in seiner elementarsten Form.
Wo ist er geblieben, der saubere Krieg? Die Antwort ist relativ einfach. Es gab ihn nie. Schon 1991 starben Menschen durch die lasergesteuerten Bomben. Der einzige Unterschied 20 Jahre später ist, dass man durch youtube und zahlreiche so genannte embedded Journalists live dabei ist.
Steriler Krieg - ein Widerspruch in sich, denn Krieg bedeutet in seiner letzten Konsequenz immer Sterben und Sterben kann niemals sauber sein. Was sich allerdings verändert hat, seit den Zeiten von Schwert und Lanze ist die Vielseitigkeit des Tötens und seine Begleiterscheinungen.
Welt ohne Ordnung
Unsere Welt wird immer komplexer. Information ist jederzeit, an jedem Ort und blitzschnell verfügbar. Waren vor 15 Jahren einfache Luftbilder noch schwer aufzutreiben, so sorgt der US-Konzern Google heutzutage dafür, dass Lieschen Müller aus Bitterfeld jeden Vorgarten in San Francisco auf ihren heimischen Bildschirm holen kann. Gleichzeitig leben Menschen im Dreck, steuern Eselskarren und steinigen Frauen. Gegensätze die Kluften aufreißen, die sich immer weiter vergrößern und Unweigerlich auf einen großen Krach zusteuern. Ganz so, wie es der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington in seinen Thesen in "Clash of Civilizations" geschildert hatte. Gräben, die durch soziales und wirtschaftliches Ungleichgewicht entstanden sind, reist religiöser Fundamentalismus noch weiter auf. Und letztlich findet sich, ein noch pickeliger achtzehnjähriger Jüngling der US-Arbeiterklasse, zigtausend Meilen entfernt, in den afghanischen Bergen und kämpft gegen bärtige Taliban, die noch niemals jenseits des Pamir-Gebirges gereist sind. Und diese Dritte-Welt-Kämpfer wehren sich mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Sprengfallen und unorthodox vorgetragene Angriffe. Oder sie tragen ihre Attacken mit Terrorismus ins Land ihrer Feinde.
Asymmetrischer Krieg
Diesen Kampf ungleicher Gegner, mit vollkommen unterschiedlichen Strategien bezeichnet man als asymmetrischen Krieg. Und die Unterschiede dieser Kriegsführung werden immer größer: So gibt es in den entwickelten Armeen den Infanteristen der Zukunft, dessen Restlichtverstärkerbrille die Nacht zum Tag macht, der um die Ecke schießen kann und dessen Torso gegen Detonationsdruck und Splitter geschützt ist.
Gefunkt wird schon längst über leichte Headsets und Helmkameras senden Livebilder an die Einsatzführungszentrale. Computertechnik hält Einzug in den archaischen Kampf Mann gegen Mann. Dem gegenüber stehen Wut, Fanatismus und die Erkenntnis, dass sich technischer Fortschritt die Art und Weise des Krieges verändert, an dessen Ende aber immer noch die gleiche Konsequenz steht, wie schon vor über tausend Jahren: Der Tod der Kämpfer und vieler Unschuldiger.
Stefan Schmid