Wer junge Leute beobachtet, die mit ihrem Handy beschäftigt sind, dem wird auffallen, dass sie eigentlich kaum telefonieren. Das liegt wahrscheinlich nicht daran, dass sie ihr
Prepaid Handy zuende telefoniert haben, sondern eher daran, dass ihr Mobiltelefon ein große Spielwiese darstellt, auf der man unendlich viel anstellen kann. Da gibt es zum Beispiel die Musik-Freaks, die ihr Handy als MP3-Player benutzen. Hier sind noch nicht mal Kopfhörer vonnöten, die neuesten Modelle haben derartig gute Lautsprechersysteme, dass man staunend daneben steht, wenn sie ertönen. Satte, transparente Sounds aus vielleicht zwei Quadratzentimeter großen Lautsprechern. Da können gleich mehrere mithören. In der Regel haben diese Geräte auch noch UKW-Empfang und so kann man auch die aktuellen Chart-Notierungen per Radio verfolgen. Wenn man früher einen Song oder ein Album eines Künstlers gut fand, hat der Freund oder die Freundin sie für uns kopiert; entweder auf einer MC oder auf CD.
Mit den modernen Mobiltelefonen, die meist über eine Bluetooth-Funktion verfügen, kann man in Sekundenschnelle seine Lieblings-Hits hin und her tauschen, ohne dass dafür externe Datenträger benutzt werden müssen. Da gibt es auch die Fans von kleinen geheim aufgezeichneten Filmchen. Die Bild-Auflösung ist nicht besonders und die Qualität meist mies, aber es geht um den Inhalt. Wenn der spektakulär ist, stört die Form kaum. Obwohl in der Schule ein Handyverbot herrscht, kümmern sich manche nicht darum und riskieren einen Verweis. Dafür bekommen sie manchmal einen extrem wütenden Lehrer vor die heimlich hingehaltene Linse, der sich gar nicht so aufführt, wie man das von einem Studienrat erwarten würde. Man sieht auch vielleicht nicht den Anlass, der diese Reaktion provoziert hat. Aber genau aus dem Grund ist das Filmchen so interessant.
Wenn es aus dem Zusammenhang gerissen, die Runde macht, ist es natürlich äußerst denunzierend. Um aber dieses Filmchen gleich vom Mobiltelefon aus an seine Freunde herumzuschicken, darf die
Prepaid Card nicht leer telefoniert sein. Sonst muss man den Umweg über den Internet-PC machen. Wenn man also gerne „Dr. Müller rastet aus" in Umlauf bringen will, wäre man mit einer
Handy Flatrate besser ausgestattet. Da kann man sich mit dem gleichen Mobiltelefon auch hinterher beim Lehrer für seine Unverschämtheit entschuldigen und hoch und heilig versprechen, dass man es nie wieder tun wird. Und wenn man charmant genug argumentiert hat, kommt man vielleicht noch um einen Verweis herum.
Andreas Mettler