Modelleisenbahn H0
Und wirklich gibt es wohl sonst nirgends dieses unvergleichlich sanfte Gefühl von kindlicher Freude. Strahlende Kinderaugen und das wissende Lächeln derer, die die
Modelleisenbahn H0 schon ein Leben begleiten, sind sich einig bei der Betrachtung dampfender Stahlrösser und schöner Landschaften, filigraner Figuren und realistischer Betriebsabläufe. So breitet sich eine Oase außerhalb der Realität aus und ist doch eine Nachbildung der Realität - in diesem Wunderland. Das alles lässt sich im Maßstab 1:87 detailliert verwirklichen. Darum ist diese Modellgröße nicht ohne Grund das Erfolgsmodell der Modellbahn schlechthin und am weitesten verbreitet. Das hat zur Folge, dass hier auch die meisten Gebäudemodelle, Signale, Straßenlampen, Autos und Figuren angeboten werden. Was kann man damit nicht alles machen?
Die Größe
H0 ist klein genug um auch in einer normalen Wohnung unterzukommen, aber groß genug um viele Teile auch noch mit Geschicklichkeit und viel Liebe selbst zu bauen. Da gibt es selbstgebaute Bäume, die in der erforderlichen Menge aus dem Handel unbezahlbar wären, kleine Büsche und Sträucher, die überhaupt kaum angeboten werden, aber auch Felder und Wiesen mit vorbildgerechten Ackerfurchen und Grasflächen. Die Bahngleise können sauber eingeschottert werden, was bei kleineren Maßstäben oft schon die Fähigkeit eines Mikrochirurgen erfordern würde. Selbst Oberleitungen, die heute ja dank der fortgeschrittenen Digitaltechnik funktionslos sein können, müssen keine stromführenden Leitungen mehr sein, die maßstäblich den Durchmesser von Kanalrohren haben. Sie können in H0 aus Spulendrähten in Zehntelmillimeter Stärke selbst verlötet werden. So entsteht eine Welt, fast wie echt. Und weil diese Welt Hunderttausende begeistert, sind hier nun sicher einige Bemerkungen dazu angebracht.
H0 ist eigentlich keine Spurweite, sondern eine Nenngröße, in der alle Verkleinerungen im Maßstab 1:87 dargestellt werden. Das gilt für Häuser, Lokomotiven und Menschen - und alles andere, von Weichenlaternen bis zu Hunden und Katzen. Die Spurweite von 16,5 mm bezieht sich auf die Regelspur der großen Eisenbahn von 1435 mm. Es gibt aber auch Kleinbahnen. Die heißen nun nicht etwa so, weil sie kleiner als in H0 dargestellt werden, sondern weil ihre Spurweiten kleiner, der Fachmann sagt „schmaler", sind. Die Meterspurbahn, deren Spurweite im Original 1000 mm beträgt, darum heißt die so, hat Waggons in normaler Modellhöhe und - länge im Maßstab 1:87. Nur die modellgerechte Spurweite beträgt 12 mm und wird H0m genannt. Manche Schmalspurbahnen begnügen sich sogar mit einer Spurweite von 750 mm.
Auch die wird in H0 maßstäblich dargestellt, H0e genannt und hat eine maßstäbliche Spurweite von 9 mm. Kipploren und Rungenwagen zum Langholztransport fahren oft auf noch kleinerer Spur. Die Industriebahn wird H0i genannt und hat eine Spurweite von 6,5 mm. Das alles ist die Welt von H0 und darum werden ihre tollen Möglichkeiten nicht genügend beachtet, wenn nur die 16,5 mm als „Spurweite H0" bezeichnet werden. Wesentlich ist nur, dass immer der Maßstab 1:87 eingehalten wird. Doch ganz so absolut stimmt das nun auch schon wieder nicht, denn oft erscheint das eigentlich Richtige, falsch zu sein. Unsere Augen lassen sich gern täuschen und dann müssen wir die Modelle, abweichend vom genauen Maßstab, dem anpassen, sonst wirkt das „irgendwie komisch" - obwohl es richtig ist.

Die Botaniker verraten uns, dass alte Eichen bis zu 40 m hoch werden. Setzen wir aber so einen Methusalem maßstäblich auf unsere Anlage, sagt jeder: „Das ist aber Spur 0 im Maßstab 1:43,5." Rechnen wir nach: 40 m sind in 1:87 eine Modellhöhe von rund 46 cm! Ein Baum der, maßstäblich richtig, einen halben Meter aus der Modellbahnanlage herauswächst, muss als zu groß empfunden werden, von der Kronengröße mal ganz abgesehen, die bei 30 m Durchmesser auch rund 35 cm beanspruchen würde. Das ist der Platz für eine ganze Drehscheibe! Also verkleinern wir sinnvoll. Lange Personenzugwagen neigen in engen Kurven dazu, die Stirnseiten stark abzuknicken und die Wagenseiten über das Gleis hinaus zu schieben. Das sieht scheußlich aus - und darum werden viele der langen Waggons maßstäblich etwas verkürzt. Modellbahnanlagen der Epoche V haben natürlich auch Windkraftanlagen in der Landschaft. Die haben aber im Original Bauhöhen von 150 m und mehr. Man wagt schon gar nicht mehr zu rechnen. . . und nur ganz Mutige stellen fest, dass das sage und schreibe 1,72 m Modellhöhe wären! Das sollte man lassen. Hier wird das Richtige falsch.
In umgekehrter Richtung gibt es aber sehr Erfreuliches zu berichten. Waren die Häusermodelle in den vergangenen Jahrzehnten, ohne Notwendigkeit, so stark verkleinert, dass eine Modellfigur im ersten Stock nicht mehr aufrecht stehen konnte, hat sich hier der Trend zum Maßstäblichen durchgesetzt. Moderne Gebäudekonzeptionen aus den letzten Jahren habe meistens die richtige Größe. Das gilt natürlich für normale Häuser und nicht für das Straßburger Münster! Somit haben wir es immer mit maßstäblichen Kompromissen bei der Modelleisenbahn H0 zu tun. Darum ist der Begriff „Nenngröße" auch richtig, weil er auf eine ultimative Festlegung der Modellgrößen verzichtet. Es ist die Geschicklichkeit und das Formgefühl des Profis, hier selbst den richtigen Mittelweg zu finden. Es ist aber auch die Freiheit des Modelleisenbahners, seine Träume so zu verwirklichen, dass der leichte Weg zum kleinen Glück, stets ein Lächeln über seine Züge gleiten lässt.
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Modelleisenbahn H0Thomas Prosi