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Minaretten: Berechtigte Kritik gleich Islamophobie?

Autor: freeminds | Erstellt am: 13.12.2009 | Gelesen: 880
Kategorie: Politik - Gesellschaft & Soziales | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Re­sü­mee vom of­fe­nen und de­mo­kra­ti­schen Dis­kurs am 10.​12.​2009

Aus der Werbekampagne der Schweizer
Aus der Werbekampagne der Schweizer "Minaretten-Initiative"
Ver­such einer frei­en und de­mo­kra­ti­schen Stel­lung­nah­me von kri­ti­schen Mus­lim/in­nen

Kein Thema ist im Mo­ment in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on über den Islam so ak­tu­ell wie das Er­geb­nis der Volks­ab­stim­mung gegen den Bau von Mo­sche­en (wohl­ge­merkt mit Mi­na­ret­ten) in der Schweiz. Die em­pör­ten Re­ak­tio­nen und emo­tio­na­li­sier­ten Schluss­fol­ge­run­gen waren nicht un­be­kannt und kamen daher nicht ganz un­er­war­tet: Macht sich etwa die so ge­nann­te Is­la­mo­pho­bie in der Schweiz breit? Wer­den Mus­lim_in­nen nun auch po­li­tisch dis­kri­mi­niert? Haben die Schwei­zer_in­nen nur Vor­ur­tei­le ge­gen­über den Islam? Sind sie gar frem­den­feind­lich? Wie kam es zu die­ser über­ra­schen­den Ab­leh­nung?

Das Schwei­zer Volks­ab­stim­men gegen den Bau von Mo­sche­en mit Mi­na­ret­ten möge die wach­sen­de Is­lam­feind­lich­keit zei­gen. Viele so ge­nann­te Mi­na­ret­ten- Geg­ne­rIn­nen mögen auch frem­den­feind­lich sein.

Doch um uns nicht in so­zio­lo­gi­schen Deu­tungs­mus­tern auf­zu­hal­ten und so­zio- öko­no­mi­schen Spe­ku­la­tio­nen („Mus­lim_in­nen sind die neuen Sün­den­bö­cke") zu ver­ir­ren, wol­len wir den­noch Stel­lung neh­men. Was be­deu­tet das Er­geb­nis des um­strit­te­nen Schwei­zer Volks­ent­scheids für uns, Free Minds, als In­itia­ti­ve Re­form­be­we­gung des Is­lams? Wel­chen Stand­punkt neh­men wir ein? Rüs­ten wir uns mit in­tel­li­gen­ten und po­li­ti­sie­ren­den Ar­gu­men­ta­tio­nen gegen das Er­geb­nis auf oder so­li­da­ri­sie­ren wir uns mit den so ge­nann­ten „be­trof­fe­nen" Main­stream- Mus­lim_in­nen und Mul­ti­kul­ti- An­hän­ger- in­nen?

In der deutsch­spra­chi­gen Öf­fent­lich­keit wur­den viele Ana­ly­sen vor­ge­stellt, die die­ses Er­geb­nis unter den Kon­text einer wach­sen­den, po­li­tisch mo­ti­vier­ten Is­la­mo­pho­bie stell­ten. Diese mögen aus so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher Sicht das so­zio- psy­cho­lo­gi­sche Ver­hal­ten der Schwei­zer_in­nen er­klä­ren und ihre Ab­leh­nung be­grün­den. Je­doch tan­giert diese Dar­stel­lung nicht mal an­satz­wei­se an die ge­sam­te Wirk­lich­keit, zu der eben auch die Aus­le­gung und Aus­übung des Is­lams, die exis­tie­ren­den mus­li­mi­schen Fa­mi­li­en, viele is­la­mi­schen bis fun­da­men­ta­lis­ti­schen Ge­mein­schaf­ten und Ver­bän­de ge­hö­ren. Eine Ana­ly­se ohne das herr­schen­de Bild des prak­ti­zier­ten Islam im Blick zu haben, wird dem ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Zu­stand über­haupt nicht ge­recht.

Immer wie­der wer­den in of­fe­nen Dis­kur­sen über das Thema Islam grund­le­gen­de Fra­gen wie die in­di­vi­du­el­le Eman­zi­pa­ti­on aus re­li­gi­ös ar­gu­men­tier­ten Fes­seln blo­ckiert, weil vor die­sen in­ner­ge­mein­schaft­li­chen Fra­gen und Pro­ble­me so­zia­le und po­li­ti­sche De­bat­ten über ideo­lo­gi­sche Grund­sätz­lich­kei­ten be­dient wer­den müs­sen. Die re­ak­tio­nä­re und rück­schritt­li­che Aus­le­gung und Aus­übung des Islam hin­ge­gen ju­beln und haben allen Grund zur Freu­de. Gläu­bi­ge Mus­lim_in­nen sind sich in die­sem schwam­mi­gen und ober­fläch­li­chen Pro­zess ihrer wich­ti­gen und re­prä­sen­ta­ti­ven Funk­ti­on durch­aus be­wusst, da sie als ein­zig le­gi­tim und uni­ver­sal an­er­kannt sind und mei­nen das au­then­ti­sche Bild der Mus­li­me_in­nen ver­tre­ten zu kön­nen. Das ist nun mal so, wie es ist. Der Islam, so wie ihn „die Mus­lim_in­nen" leben, ist ihre Re­li­gi­on. Die freie Aus­übung der Re­li­gi­on ist ein Grund- und Men­schen­recht. Punkt. Alles an­de­re ist Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung.

Die un­hin­ter­frag­te To­le­ranz ge­gen­über so ge­nann­ten gläu­bi­gen Fa­mi­li­en und Ge­mein­schaf­ten, zu denen eben auch Mo­sche­en als Treff­punkt und An­lauf­stel­le ge­hö­ren, prägt seit jeher das Bild des ge­leb­ten Islam in Eu­ro­pa. Die äu­ße­re und in­ne­re An­ders­ar­tig­keit der Mus­lim_in­nen wird mit kul­tur­re­la­ti­vis­ti­schen und sogar so­zio- öko­no­mi­schen Ar­gu­men­ten hin­ge­nom­men selbst um den Preis, dass in­ner­halb der ge­dul­de­ten, ge­schlos­se­nen Sphä­ren un­de­mo­kra­ti­sche und rück­schritt­li­che Le­bens­wei­sen ge­pflegt, z.B. mus­li­mi­sche Mäd­chen zum Kopf­tuch- Tra­gen und züch­ti­gen Leben ge­zwun­gen wer­den.

Wir als An­ge­hö­ri­ge von Free Minds füh­len uns durch das Schwei­zer Volks­ab­stim­men nicht aus­ge­grenzt und be­droht, weil die ge­for­der­ten Mo­sche­en mit Mi­na­ret­ten ganz of­fen­sicht­lich un­se­rer mo­der­nen, of­fe­nen und de­mo­kra­ti­schen Re­form­be­we­gung im Islam wi­der­spre­chen und sie sogar aktiv ver­hin­dern. Die Frage nach dem tra­di­tio­na­lis­ti­schen und re­li­giö­sen Stel­len­wert von Mo­sche­en mit Mi­na­ret­ten ist für das Ver­ständ­nis die­ser Po­si­ti­on auf­schluss­reich. Zu­nächst sind es frag­wür­di­ge, re­pres­si­ve, de­mo­kra­tie- und frau­en­feind­li­che Struk­tu­ren in und um Mo­sche­en, die gegen den Bau wei­te­rer ab­ge­trenn­ten Mo­sche­en spre­chen. Die strik­te und teils se­xis­tisch ar­gu­men­tier­te Ge­schlech­ter­tren­nung ist dabei ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel. Auch die pa­tri­ar­cha­li­sche Ord­nung in Mo­sche­en, wo­nach der geist­li­che Füh­rer und ins­ge­samt die Män­ner der Ge­mein­schaft Ent­schei­dun­gen tref­fen und Hand­lun­gen fest­le­gen, ma­chen Mo­sche­en nicht zu harm­lo­sen Bau­ten für die Aus­übung der Re­li­gi­on. Die herr­schen­den Ge­mein­schaf­ten sind immer noch nicht ernst­haft da­nach be­strebt, diese gra­vie­ren­den Pro­ble­me zu be­sei­ti­gen, die Struk­tu­ren de­mo­kra­ti­scher und frei­er zu ge­stal­ten. Im Ge­gen­teil im Zu­sam­men­hang mit dem Er­geb­nis und den brei­ten So­li­da­ri­täts­er­klä­run­gen aus po­li­ti­schen und mul­ti­kul­tu­rel­len Krei­sen mit „gläu­bi­gen" Mus­lim_in­nen und Ge­mein­schaf­ten wer­den im Namen der blin­den und fahr­läs­si­gen To­le­ranz, diese den luft­lee­ren und kri­tik­frei­en Raum nut­zen, um die in­ner­ge­mein­schaft­li­chen Pro­ble­me zu ka­schie­ren und in­ner­halb die frag­wür­di­gen Dog­men wei­ter zu pre­di­gen. Is­la­mo­pho­bie wird zum Schlag­wort, womit man im In­ne­ren zum Bei­spiel jeden Schrei der Mus­li­ma nach Be­frei­ung zer­schla­gen kann. Wen küm­mert es schon, wenn Mas­sen von stimm­lo­sen Mäd­chen und Frau­en in­ner­halb ge­schlos­se­ner Krei­se ein recht­lo­ses Da­sein fris­ten, wäh­rend das Grund­recht von sym­bol­las­ti­gen Be­ton­klot­zen ein­zu­schrän­ken droht? Mo­sche­en mit Mi­na­ret­te und Frau­en mit Kopf­tü­cher ge­hö­ren zum er­wünsch­ten Bild der Viel­falt von Kul­tu­ren und des fried­li­chen Mit­ein­an­ders auch wenn hin­ter ihnen grau­sa­me Wahr­hei­ten ste­cken. Diese un­an­ge­neh­men Er­schei­nun­gen haben bei vie­len Kul­tur­re­la­ti­vis­t_in­nen keine in­halt­li­che Re­le­vanz, die in die­ser De­bat­te mit ihrer Igno­ranz und Des­in­ter­es­se sehr ent­täu­schen. Schließ­lich liege es nach jenen im Wesen von Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten: Bei christ­li­chen oder jü­di­schen Ge­mein­schaf­ten gebe es ja recht häu­fig die­sel­ben Ana­chro­nis­men und Pro­ble­me? Oder?

Und über­haupt geht es mehr­heit­lich auch nicht um den Islam, son­dern um die ge­samt­ge­sell­schaft­li­che ne­ga­ti­ve Hal­tung ge­gen­über Mus­lim_in­nen und ihre so­zio­lo­gi­schen Grün­de, die sehr schnell und ein­fach als Is­la­mo­pho­bie, Frem­den­feind­lich­keit, In­to­le­ranz oder Sün­den­bock- Hal­tung iden­ti­fi­ziert wer­den konn­ten. Die schar­fe Kri­tik an dem Er­geb­nis war rei­ner Selbst­zweck ohne wirk­lich be­trof­fe­ne Mus­lim_in­nen im Blick zu haben. Wen küm­mert's, wenn Men­schen ir­gend­wo un­ter­drückt wer­den, wenn die­ser Zu­stand keine Ideo­lo­gie be­die­nen kann?

Be­dau­erns­wert, dass To­le­ranz und Gleich­gül­tig­keit oft­mals Hand in Hand gehen.
 
 
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