Aus der Werbekampagne der Schweizer "Minaretten-Initiative"
Versuch einer freien und demokratischen Stellungnahme von kritischen Muslim/innenKein Thema ist im Moment in der öffentlichen Diskussion über den Islam so aktuell wie das Ergebnis der Volksabstimmung gegen den Bau von Moscheen (wohlgemerkt mit Minaretten) in der Schweiz. Die empörten Reaktionen und emotionalisierten Schlussfolgerungen waren nicht unbekannt und kamen daher nicht ganz unerwartet: Macht sich etwa die so genannte Islamophobie in der Schweiz breit? Werden Muslim_innen nun auch politisch diskriminiert? Haben die Schweizer_innen nur Vorurteile gegenüber den Islam? Sind sie gar fremdenfeindlich? Wie kam es zu dieser überraschenden Ablehnung?
Das Schweizer Volksabstimmen gegen den Bau von Moscheen mit Minaretten möge die wachsende Islamfeindlichkeit zeigen. Viele so genannte Minaretten- GegnerInnen mögen auch fremdenfeindlich sein.
Doch um uns nicht in soziologischen Deutungsmustern aufzuhalten und sozio- ökonomischen Spekulationen („Muslim_innen sind die neuen Sündenböcke") zu verirren, wollen wir dennoch Stellung nehmen. Was bedeutet das Ergebnis des umstrittenen Schweizer Volksentscheids für uns, Free Minds, als Initiative Reformbewegung des Islams? Welchen Standpunkt nehmen wir ein? Rüsten wir uns mit intelligenten und politisierenden Argumentationen gegen das Ergebnis auf oder solidarisieren wir uns mit den so genannten „betroffenen" Mainstream- Muslim_innen und Multikulti- Anhänger- innen?
In der deutschsprachigen Öffentlichkeit wurden viele Analysen vorgestellt, die dieses Ergebnis unter den Kontext einer wachsenden, politisch motivierten Islamophobie stellten. Diese mögen aus sozialwissenschaftlicher Sicht das sozio- psychologische Verhalten der Schweizer_innen erklären und ihre Ablehnung begründen. Jedoch tangiert diese Darstellung nicht mal ansatzweise an die gesamte Wirklichkeit, zu der eben auch die Auslegung und Ausübung des Islams, die existierenden muslimischen Familien, viele islamischen bis fundamentalistischen Gemeinschaften und Verbände gehören. Eine Analyse ohne das herrschende Bild des praktizierten Islam im Blick zu haben, wird dem gesamtgesellschaftlichen Zustand überhaupt nicht gerecht.
Immer wieder werden in offenen Diskursen über das Thema Islam grundlegende Fragen wie die individuelle Emanzipation aus religiös argumentierten Fesseln blockiert, weil vor diesen innergemeinschaftlichen Fragen und Probleme soziale und politische Debatten über ideologische Grundsätzlichkeiten bedient werden müssen. Die reaktionäre und rückschrittliche Auslegung und Ausübung des Islam hingegen jubeln und haben allen Grund zur Freude. Gläubige Muslim_innen sind sich in diesem schwammigen und oberflächlichen Prozess ihrer wichtigen und repräsentativen Funktion durchaus bewusst, da sie als einzig legitim und universal anerkannt sind und meinen das authentische Bild der Muslime_innen vertreten zu können. Das ist nun mal so, wie es ist. Der Islam, so wie ihn „die Muslim_innen" leben, ist ihre Religion. Die freie Ausübung der Religion ist ein Grund- und Menschenrecht. Punkt. Alles andere ist Diskriminierung und Ausgrenzung.
Die unhinterfragte Toleranz gegenüber so genannten gläubigen Familien und Gemeinschaften, zu denen eben auch Moscheen als Treffpunkt und Anlaufstelle gehören, prägt seit jeher das Bild des gelebten Islam in Europa. Die äußere und innere Andersartigkeit der Muslim_innen wird mit kulturrelativistischen und sogar sozio- ökonomischen Argumenten hingenommen selbst um den Preis, dass innerhalb der geduldeten, geschlossenen Sphären undemokratische und rückschrittliche Lebensweisen gepflegt, z.B. muslimische Mädchen zum Kopftuch- Tragen und züchtigen Leben gezwungen werden.
Wir als Angehörige von Free Minds fühlen uns durch das Schweizer Volksabstimmen nicht ausgegrenzt und bedroht, weil die geforderten Moscheen mit Minaretten ganz offensichtlich unserer modernen, offenen und demokratischen Reformbewegung im Islam widersprechen und sie sogar aktiv verhindern. Die Frage nach dem traditionalistischen und religiösen Stellenwert von Moscheen mit Minaretten ist für das Verständnis dieser Position aufschlussreich. Zunächst sind es fragwürdige, repressive, demokratie- und frauenfeindliche Strukturen in und um Moscheen, die gegen den Bau weiterer abgetrennten Moscheen sprechen. Die strikte und teils sexistisch argumentierte Geschlechtertrennung ist dabei ein herausragendes Beispiel. Auch die patriarchalische Ordnung in Moscheen, wonach der geistliche Führer und insgesamt die Männer der Gemeinschaft Entscheidungen treffen und Handlungen festlegen, machen Moscheen nicht zu harmlosen Bauten für die Ausübung der Religion. Die herrschenden Gemeinschaften sind immer noch nicht ernsthaft danach bestrebt, diese gravierenden Probleme zu beseitigen, die Strukturen demokratischer und freier zu gestalten. Im Gegenteil im Zusammenhang mit dem Ergebnis und den breiten Solidaritätserklärungen aus politischen und multikulturellen Kreisen mit „gläubigen" Muslim_innen und Gemeinschaften werden im Namen der blinden und fahrlässigen Toleranz, diese den luftleeren und kritikfreien Raum nutzen, um die innergemeinschaftlichen Probleme zu kaschieren und innerhalb die fragwürdigen Dogmen weiter zu predigen. Islamophobie wird zum Schlagwort, womit man im Inneren zum Beispiel jeden Schrei der Muslima nach Befreiung zerschlagen kann. Wen kümmert es schon, wenn Massen von stimmlosen Mädchen und Frauen innerhalb geschlossener Kreise ein rechtloses Dasein fristen, während das Grundrecht von symbollastigen Betonklotzen einzuschränken droht? Moscheen mit Minarette und Frauen mit Kopftücher gehören zum erwünschten Bild der Vielfalt von Kulturen und des friedlichen Miteinanders auch wenn hinter ihnen grausame Wahrheiten stecken. Diese unangenehmen Erscheinungen haben bei vielen Kulturrelativist_innen keine inhaltliche Relevanz, die in dieser Debatte mit ihrer Ignoranz und Desinteresse sehr enttäuschen. Schließlich liege es nach jenen im Wesen von Religionsgemeinschaften: Bei christlichen oder jüdischen Gemeinschaften gebe es ja recht häufig dieselben Anachronismen und Probleme? Oder?
Und überhaupt geht es mehrheitlich auch nicht um den Islam, sondern um die gesamtgesellschaftliche negative Haltung gegenüber Muslim_innen und ihre soziologischen Gründe, die sehr schnell und einfach als Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz oder Sündenbock- Haltung identifiziert werden konnten. Die scharfe Kritik an dem Ergebnis war reiner Selbstzweck ohne wirklich betroffene Muslim_innen im Blick zu haben. Wen kümmert's, wenn Menschen irgendwo unterdrückt werden, wenn dieser Zustand keine Ideologie bedienen kann?
Bedauernswert, dass Toleranz und Gleichgültigkeit oftmals Hand in Hand gehen.