Titelgeschichte des spirituellen Ratgebers "Deus Homo" vom Karlsruher Autor Rainer SauerHier möchte ich insbesondere auf den Titel des vorliegenden Buches eingehen, um seine Hintergründe und seinen Sinn etwas näher zu beleuchten. Und auch um eventuell ein komplexeres Verständnis, also tiefere Einblicke in das Gesamtwerk und dessen zentrale Aussage zu ermöglichen. Der Begriff Gottmensch hat sich für mich aus folgendem Grunde geprägt: wir neigen allzu oft dazu, unsere Größe, unsere schöpferische Kraft, unser Wahres Sein und vor allem das Absolute unserer Unsterblichkeit und Vollkommenheit zu leugnen. Wenn wir uns denn überhaupt mal in die Nähe unserer wahren Herkunft trauen, also erahnen, wer oder was wir wirklich sind, benutzen wir dann zumeist ängstlich eher abschwächende Attribute, die unsere sogenannten guten Seiten beschreiben, was sich dann auf unser Menschsein bezieht und als Anteile unserer Menschen-Natur gesehen wird. Und uns somit als Mensch mit einer eben göttlichen Eigenschaft definiert. Wir bleiben, egal wie besonders diese Eigenschaft auch sein mag, „nur" Mensch mit einer Qualität, die er hat oder auch nicht hat, aber auf gar keinen Fall in seiner Essenz dies als Ganzes ist. Eine vollkommene Identifikation mit dem Göttlichen fällt uns äußerst schwer, und wir ziehen es darum vor, wenn wir in Berührung mit dem Göttlichen sind, das Göttliche getrennt von uns einzuordnen und uns allerhöchstens die Eigenschaften des Göttlichen als einen positiven Charakterzug zuzusprechen.
In der Begegnung mit der universellen Weisheit, insbesondere in Einheits-Erfahrungen, hält diese uns beengende Definition einem direkt erfahrenen, weitaus größerem Bild und Verständnis unserer Wesenheit nicht stand. Hier erleben wir ungetrennt, also „eins" mit dem gerade verbundenen Wissen, daß wir spirituelle Wesen mit menschlicher Erfahrung sind und nicht nur Mensch mit einer gelegentlichen spirituellen Erfahrung. Mit anderen Worten: wir sind unsterbliche geistige, göttliche Wesenheiten mit einer begrenzten, also vergänglichen irdischen und menschlichen Erfahrung. Und nicht etwa Mensch mit vergänglicher Existenz und begrenztem Potential an spiritueller oder göttlicher Erfahrung. Das möchte ich im Titel zum Ausdruck bringen und das ist die
Kern-Aussage des Begriffs „Gottmensch" im wesentlichen. In der intensiven Gottes-Erfahrung ist es uns zugänglich, uns unmittelbar mit Gott zu identifizieren und uns nicht nur als Teil von ihm wahrzunehmen. In diesem Augenblick der totalen Verbundenheit sind die Worte Ich bin Gott durchaus angemessen und die Charakterisierung Ich bin göttlich ist in diesem Zusammenhang „nur" ein Ausdruck des sich immer noch Getrenntfühlens. Dabei meine ich selbstverständlich nicht die Identifikation mit der fiktiven „Person Gottes", sondern das „Einssein" mit dem göttlichen Prinzip, das in allem existiert, die ultimative Verschmelzung, die Fusion, das „Einswerden und -sein" an sich. Jenes göttliche Prinzip, also die Kraft, welche als übergeordnete Autorität im gesamten Sein und Nicht-Sein besteht und als die einzige Realität in allem existent ist.
Dieses können wir, auch wenn dies „nur" eine vom Menschen geschaffene subjektive Beschreibung ist, der Einfachheit halber Liebe nennen. Als Arbeitsgrundlage ist der Begriff „Liebe" im Verhältnis zu anderen Begrifflichkeiten meines Erachtens vorteilhaft und deshalb von mir bevorzugt. Das göttliche Prinzip an sich wirklich zu definieren halte ich für grundsätzlich ausgeschlossen. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ist es unmöglich, mit unserem begrenzten menschlichen Auffassungsvermögen eine derart unvorstellbare Größe zu begreifen und schon gar nicht möglich, sie in ein von uns gezeichnetes Bild einzupassen. Definition bedeutet in diesem Zusammenhang immer Begrenzung. Ich möchte an dieser Stelle erinnern, daß dies in seiner ultimativen Absolutheit nur erlebbar in unserer eigenen inneren Einheitserfahrung ist. Eine andere Form, also eine äußerliche Ehrfahrbarkeit dieses Wissens, gibt es da nicht. Was auch Sinn macht, weil somit gewährleistet ist, daß wir alle als spirituelle Wesen unsere eigene individuelle menschliche Erfahrung des Göttlichen in uns machen können und eigentlich sogar unbedingt machen müssen. Der Begriff „Gottmensch" beschreibt unsere ursprüngliche Wesenhaftigkeit als Gott und unsere vorübergehende Existenz als Mensch, der sich dies bewußt macht, sich dessen bewußt wird und ist.