Gilda und Rigoletto
Ich sah sie viele Male und war immer eine der Letzten, die applaudierten bis zum damaligen "eisernen Vorhang". In unserem herrlichen Jugendstiltheater waren immer schon große Sänger engagiert. Leider ließ Hitler die kunstvollen Jugendstilornamente mit Holz verkleiden. Ich kaufte mir dann eine Schallplatte, lernte von dieser die schönsten Arien und schmetterte sie je nach Laune heraus. In der Zeit, es war kurz vor Kriegsende, hatte ich mit einem Opernsänger eine zufällige Begegnung, den ich gleich als den Mörder Sparafucile erkannte. Nach angeregten Gesprächen musste er mir vor dem Holstentor seinen Part aus dem Quartett im 4. Akt vorsingen. Ich begegnete ihm persönlich nie wieder, aber hörte ihn als 'Bass' noch viele Male. In den folgenden Jahren versäumte ich niemals die Rigoletto-Aufführungen in unserem Theater. In Verona kam ich auch einmal in den Genuss dieser Oper. Ich hatte Pech, wegen eines aufziehenden Gewitters wurde die Oper im 2. Akt abgebrochen. Nun kann ich es kaum noch erwarten, den Rigoletto wieder zu erleben...
Am Sonntag sah und hörte ich nun endlich wieder "meinen Rigoletto". Als sich nach der Ouvertüre der Vorhang öffnete, bekam ich einen leichten Schock. Videos tanzten auf einer grauen Leinwand. Als diese verschwand, stand auf der Bühne eine große Videowand mit Blick hinter die Kulissen. Alles übrige war kahl und trist. Der Herzog (Dmitri Golovnin) erschien ungepflegt in einem billigen Strassenanzug. Er wurde von Mädchen mit Häschenköpfen betätschelt. Er sang, seine Stimme empfand ich zu blass und rau. Doch im Laufe des Geschehens steigerte sich seine Stimme fast zum Heldentenor.
Der Mädchen vernaschende Herzog hatte eine Tochter eines Edelmannes entehrt. Rigoletto (Antonio Yang), der Hofnarr, verspottete ihn zynisch ob seiner Trauer. Darauf verhängte der Vater (Monterone/ Frank Blees a. G.) über den Wüstling und Rigoletto einen Fluch, der sich an Rigoletto am Ende bitter erfüllte. Von allen Rigoletto-Aufführungen habe ich noch nie so einen wundervollen Bariton gehört. Ich sage nur "Weltklasse". Trotz der kalten und tristen Kulisse kamen seine Gefühle wie Zynismus, Zorn, Rache und Vaterliebe voll in seiner Stimme zum Ausdruck. Auch als Schauspieler war er sehr gut. Er hatte eine wunderschöne Tochter (Olga Peretyatko), die die Hofschergen für seine Geliebte hielten. Sie wurde vom Vater streng bewacht und durfte nur die Kirche besuchen, aber gerade dort verliebte sie sich in den Herzog, der als Student verkleidet war.
Durch einen Trick entführten die Hofschranzen Gilda, und Rigoletto half ihnen nichtwissend mit verbundenen Augen dabei. Die Schande für den Vater und die Tochter war grausam. Aus Rache verdingte Rigoletto einen Mörder (Sparafucile/ Wilhelm Schwinghamer), der den Herzog töten sollte. Trotz der neuen Affäre des Herzogs zu der Schwester des Mörders ließ Gildas starke Liebe nicht nach. Sie ließ sich statt seiner ermorden und der Fluch Monterones wurde wahr. Nun brach Rigoletto vor Schmerz vollkommen zusammen. In dem Sack fand Rigoletto Gildas Blut. Das Abschiedsduett lief teilweise wieder über Video und Gilda war in meinen Augen wohl schon ein Engel. Und nun noch zu Gildas Stimme. Sie klang glasklar und selbstbewusst bis in die höchsten Töne. Der Hofschergenchor und alle Mitsänger verdienen ein großes Lob. Die kalte Videokulisse hat der Musik und den herrlichen Sängern nicht geschadet. Selbst Victor Hugo, der das Drama geschrieben hat, hätte wohl nichts dagegen einzuwenden.
Zum Schluss wünsche ich dem Theater Lübeck und seinem Ensemble einen herzlichen Glückwunsch zum 100jährigen Bestehen!
Erna Königwww.unser-luebeck.de