Als die Mauer 1989 fiel, befürchteten andere Völker und ihre Politiker eine neue Übermacht Deutschland. 20 Jahre später feiert fast die ganze Welt die Deutschen. Viele Deutsche aber zweifeln am Wert der Vereinigung und können ihr Glück nicht begreifen. Ein Aufruf zur Freude von Lars-Henrik Wacker.
Unglaublich: Am Pariser Place de la Concorde stimmen sich die Franzosen mit Beethovens „Ode an die Freude" ein und veranstalten ein Riesenfest zur Deutschen Einheit. Frankreich widmet den 11. November künftig nicht mehr dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges, sondern der deutsch-französischen Freundschaft, ein weiterer Meilenstein in der Beziehung der beiden Nachbarländer. Der Kongress der USA jubelt der Bundeskanzlerin zu. Die US-Amerikaner sehen in der Ostdeutschen Angela Merkel ganz zu Recht ein Symbol für den Sieg der Freiheit über den Kommunismus. Sie bewundern, wie die Deutschen ihre nationale Wiedervereinung geschafft haben. Der Mauerfall 1989 war nicht nur der Schritt zur deutschen Einheit, sondern auch das Ende des kalten Krieges. Ein weiterer Schritt in unser heutiges Europa. Ein anderes Beispiel kommt aus Spanien. In der nordspanischen Stadt Oviedo erhält der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit (SPD), stellvertretend für alle Berliner den international hoch angesehenen Prinz-von-Asturien Preis. Spanien ist von der vereinten deutschen Hauptstadt begeistert. Sie reisen in Scharen dorthin und schicken ihre Schulklassen nach Berlin, damit sie europäische Geschichte hautnah erleben können. Jetzt sind 20 Jahre vergangen und die Welt feiert Deutschland für seine friedliche Revolution. Alle Politiker, die vor der neuen Übermacht Deutschlands warnten, wurden Lügen gestraft.
Doch was machen wir? Wir lassen den Freudentaumel von 1989 einfach verschwinden. Im Osten nörgeln viele, dass ein sozialer und ökonomischer Gleichstand noch nicht erreicht ist, und romantisieren die DDR. Im Westen wird geschimpft, dass die Wiedervereinigung viel zu teuer sei. Außerdem gewinnt die Linke, eine Nachfolgerpartei der in der DDR regierenden SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland), immer mehr an Stimmen dazu. Einen Titel haben wir sicher: „Weltmeister im Jammern", denn darin sind wir bereits eine Einheit.
Wir sollten uns einmal die Situation vor Augen führen und begreifen, dass die Wiedervereinigung ein mutiges Kunststück war. Gleich mehrfach stand das Schicksal des Volksaufstands auf des Messers Schneide. Nicht auszudenken, wie Deutschland, Europa und die Welt heute aussehen würden, wenn damals Panzer der Sowjetunion und der Bruder-Regime die Demonstranten blutig niedergewalzt hätten. Es wäre wohl eine weitere schwarze Stunde der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts geworden. Doch eine Kombination aus Mut und Vernunft, einem starken politischen Trio (Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Willy Brandt) und einer großen Portion Glück führten zum Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands. Niemand konnte garantieren, dass sich die Freiheitsbewegungen in Polen, Ungarn und der CSSR (Tschechoslowakei) durchsetzen würden. Bestimmt hätte niemand gedacht, dass Michail Gorbatschow seine Macht und die Existenz der Sowjetunion aufs Spiel zu setzen bereit war. Oder was wäre passiert, wenn US-Präsident George Bush senior und EU-Kommissionspräsident Jaques Delors den Deutschen nicht vertraut hätten?
Der 9. November 1989 - der Tag, an dem die Mauer fiel - ist ein Tag, den die Bevölkerung und besonders Jugendliche nie vergessen dürfen. Wir müssen weiterhin an einer demokratischen, sozialen und liberalen Bundesrepublik Deutschland arbeiten, die sich auch anderen Problemen stellt. Zudem ist der Wiedervereinigungsprozess noch nicht abgeschlossen. Wir müssen uns weiterhin an die Worte von Willy Brandt erinnern: „Abgeschlossen ist der Prozess des Zusammenlebens erst, wenn wir nicht mehr wissen, wer die neuen und wer die alten Bundesbürger sind." Wie recht er doch hat….

Endlich geschafft: Die Mauer wurde nach mehr als 28 Jahren gestürmt