Kippelige Wippung
Einem Bild von Marlis Albrecht zu begegnen, ist wie an einem geöffneten Fenster vorbeizugehen. Es wird uns Betrachtern eine Szenerie, ein Geschehen gegenwärtig, das man sekundenschnell emotional und mit einem Augenaufschlag aufnimmt, und beim Weitergehen wirkt es dann fort.
Auf den Bildplatten von Marlis Albrecht, die mit Farbe, Wachs und verschiedenen anderen Materialien getränkt sind, begegnet uns eine wunderbare Momentaufnahme, eine offene, eine, die nichts zu verbergen hat, in der aber auch alles geschehen kann. Ein Szenario, das in seinem Erzählmodus ebenso frei fließen kann wie das pastose, warme Wachs, das die Künstlerin erkoren hat "ihr" Material, ihre Sprache, zu werden.
Und ich, unbeobachtet, wie ich bin, schaue hin, wieder und wieder. Genieße es, Spektanteiner fremden Welt, eines Tête-à-Tête oder eines Pas de deux zu sein oder einfach einer Gruppe grölender Männer und zahlenmäßig nicht weniger Frauen zuzuschauen, die sich über die Spezies "Kerl" amüsieren (gibt es da doch einen Funken heimlicher Bewunderung auf der femininen Seite für den einen oder anderen Haudegen?).
Die Magie Albrechtscher Malerei liegt in der Freiheit des Moments und der offenen Deutung. Viel zu plump wäre es ihr, eine fertige Story zu liefern. Keine Lösungen, keine Geländer, an denen man sich optisch durchs Bild hangeln könnte, und schon gar keine vorgefertigten Erzählstränge! Nie bedient sie in ihren "Still-Lifes" gängige Klischees, sondern kreiert immer wieder neue Sekunden. Die Künstlerin geht dabei locker und frech mit Sujet, Raumaufteilung und Farbgebung um. Sie gießt, malt, kratzt hervor, sucht, gibt und findet.
"Darstellung pur" könnte man sagen, wobei das auch nicht ganz zutrifft. Denn in ihrer Liebe zur Darstellung verliert Marlies Albrecht sich zartfühlend, wie beispielsweise in die Ornamentik eines Kleidungsstückes oder in die detaillierte Darstellung eines ihrer so typischen Wachsgesichter. Sie reflektiert darin Details einer realistischen Aufnahme, die sie in ihre Formensprache übersetzt und sich zu eigen macht, voller individueller Poesie, Wärme und Liebe.
Die Figuren der Albrechtschen Wachsbilder (den Bienen sei Dank!)inweis entspringen in ihrem Tun unserer, ihrem Aussehen nach einer eigenen Welt. Sie sehen menschlich aus, sind es aber nicht. Es sind eigenständige Wesen, mit eigenem Staat, Währung und König(in). Gerade weil sie uns Menschen so ähnlich sind, macht es uns eine diebische Freude, ihr Tun zu beobachten, denn dies ist unserem ebenso gleich wie das Aussehen. Vielleicht sogar noch etwas näher daran - ganz nah!
Auch die Beschaffenheit der Hauttypen zeigt Parallelen: Durch die diversen, lasierend schimmernden Wachsschichten entsteht der Eindruck menschlicher Haut in all ihrer Tiefe - faszinierend! Gerade das Material Wachs gibt der Künstlerin die Möglichkeit, Schicht um Schicht aufzubauen, gleichsam wie eine Bildhauerin, die durch die Dreidimensionalität noch mehr Räumlichkeit in der künstlerischen Darstellung etabliert und Leben schafft. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen in unsere Galerie kamen, als erstmalig Malbrecht-Arbeiten den Wänden ein neues Gesicht zauberten, und sie fast immer ausverkauft ist - obwohl sie die Bilder nicht verschenkt.
Selbst ein Teil dieser Welt zu werden und diese Welt in unsere einzureihen, ist ein freud- und lustvoller Prozess. Wenn man ein Bild von Marlis Albrecht gesehen hat, vergisst man es nicht. Und wird das nächste ob seiner Einmaligkeit alsbald wiedererkennen.
Malbrecht, so ihr Künstlername, verliert sich im Malprozess, beim Wachsbaden (ein Begriff, so schön, dass ich ihn ihr rauben musste), bringt sich in ihm ein und verliert sich ganz darin. Nur wenige Künstler habe ich erleben dürfen, die sich so daran reiben, so ein Wollen und gleichzeitig Tun haben. Aber ich glaube, das brauche ich Ihnen gar nicht zu sagen. Man spürt es den Bildern an.
Michael Marius Marks