Margot Käßmann - Evangelische Kirche
Jede Religionskritik sollte gleichermaßen eine Gesellschaftskritik sein. Völlig unabhängig davon, ob man an die Existenz eines Gottes glaubt oder dessen Existenz widerlegen möchte, besteht unbestreitbar ein menschliches Bedürfnis danach zu glauben. Und dieses sollte sehr ernst genommen werden. Ich würde mich zwar als religionskritischen und beizeiten sogar als religionsfeindlichen Menschen bezeichnen, doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass jede Form von Religiosität und Spiritualität das Potential einer alternativen Utopie liefert zu dem gesellschaftlichen Realitätsprinzip, in dem wir leben.
So polemisch und populistisch das auch klingen mag, es wird mir wohl niemand widersprechen, wenn ich behaupte, dass heutzutage das Eskapismusbedürfnis besonders groß ist. Ob es jemals anders gewesen ist, soll an dieser Stelle nicht verhandelt werden, ich bezweifle es jedoch.
Weltwirtschaftskrise, neoliberale Menschenbilder, Sozialstaatabbau – diese Probleme werden von den Gesellschaften, in denen wir leben, effektiv nicht mehr gemeistert, was natürlich daran liegt, dass die gesellschaftlichen Strukturen und Machtverhältnisse, auf denen sie aufbauen, die Probleme mitverschuldet haben. Es kann also wirklich niemandem zum Vorwurf gemacht werden, sich in ein (christliches) Ideal zu flüchten, was eben ganz anders funktioniert, als unsere Gesellschaft das tut. Natürlich werden Begriffe wie „Nächstenliebe" besonders populär in einer Zeit, in der Nächstenliebe mit Karriere nichts zu tun hat. Die Anfrage regelt eben auch hier den Markt.
Gerade die Evangelische Kirche, die sich ständig modernisieren will, um dem Zeitgeist zu entsprechen und sich von dem Erzfeind der katholischen Kirche abzuwenden, muss gemäß einer kapitalistischen Logik alles tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Nicht umsonst sind die evangelischen PfarrerInnen die lautesten, wenn es darum geht, die aktuellen Missbrauchsskandale zu kritisieren.
Jede Institution, so auch die Evangelische Kirche, braucht ein Image, um konkurrieren zu können und Kunden einzufangen. Dabei verhält sie sich nicht anders als eine Partei, ein Konzern, eine Sekte, usw.
Margot Käßmann sollte also dieses neue Gesicht sein. Aufmerksam habe ich ihre ersten Karriereschritte als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche verfolgt.
Die Zutaten für ein neues, modernes, entschlacktes Image der Evangelischen Kirche waren gegeben: Margot Käßmann ist jung, geschieden, hat sich vom Proletarierkind hochgearbeitet und ist eine moderne Karrierefrau. Sie bietet simple Lösungen des Afghanistankonflikts (religiöse Lösungen sind leider im seltensten Fall komplex, das widerspricht ihrer Abhängigkeit vom Populismus auf Bildzeitungsniveau), ist gegen den Umbau von Kirchen in Moscheen und für Synagogen und taucht auf jeden nur erdenklichen Veranstaltung auf, um Präsenz zu zeigen, die signalisiert: seht her, ich bin das neue Gewand der Evangelischen Kirche. Auffällig ist dabei in meinen Augen besonders eins: Margot Käßmann redet viel, und was sie erzählt, ist meistens sogar relativ beeindruckend, doch redet sie wenig über das Christentum. Ich habe mir die Zeit genommen, ihre Reden zu analysieren, und bin dabei zu dem Schluss gekommen, dass sie äußerst geschickt vorgeht, da sie etwas macht, was die Religion schon immer sehr gut konnte: sie ist opportunistisch. Religion wendet sich gegen negativen und positiven gesellschaftlichen Fortschritt und beruft sich dabei auf einen kruden Mix aus archaischen Menschen- und Familienbildern im Rahmen einer christlichen Utopie. Erst wenn es nicht mehr anders geht, beansprucht Religion die schwer erkämpften Errungenschaften jener, die sie vormals reaktionär kritisiert und kleingemacht hat, für sich (Homosexualität ist nur ein Beispiel unter vielen). Die CDU ist ein realpolitisches Paradebeispiel für diesen Opportunismus, da sie nunmehr mit einem Parteiprogramm auftritt, was linke, grüne und sozialdemokratische Elemente beinhaltet, da auch eine CDU/CSU langsam erkennen muss, dass „sozial und umweltfreundlich" gerade wieder wahnsinnig angesagt ist. Dass sich die Wahlversprechen in einen neoliberalen Albtraum entwickelt haben, mit einem gefährlichen und dummen Guido Westerwelle an der Spitze, sollte indes niemanden mehr verwundern. Wer aus machtpolitischen Gründen sein Programm umschreibt, von dem ist nicht viel Konsequenz zu erwarten. Der Fairness halber sollte ich hinzufügen, dass es alle anderen selbstverständlich auch so machen. Vielleicht sollte die CDU trotzdem im Rahmen einer Outsourcingmaßnahme einfach das C aus ihrem Namen streichen. Das wäre dann wenigstens ehrlich, oder?
Doch zurück zu Käßmann. Das Christentum (mehr muss ich dazu wohl nicht anführen, jeder kennt die religiösen Floskeln, sie ähneln sich in allen großen Weltreligionen) taucht meist am Ende ihres Redebeitrags auf. So redet sie viel über Anderes, was auch viel wichtiger ist als ihre religiösen Inhalte, lässt dabei aber niemals außer acht, in taktisch klugen Momenten darauf zu verweisen, dass sie der Kopf der Evangelischen Kirche ist, all ihre klugen Worte also letztendlich für nichts anderes stehen als die Evangelische Kirche selbst. Das ist ungefähr so klug wie der Imagewechsel von Mcdonald's Anfang 2000, wo man sich entschied, unter dem Imagedeckmantel der Gesundheitseuphorie weiterhin kulinarischen Vandalismus zu verkaufen. Margot Käßmann ist das, was jede/r heutzutage sein muss, um erfolgreich in einer Spitzenposition zu sein: sie ist eine moderne Geschäftsfrau. Das unterscheidet sie nicht von einem Guido Westerwelle, einem Ackermann oder einer Angela Merkel.
Man muss sich bei ihrem penetranten Personenmonopol schon fragen, warum die Evangelische Kirche nicht endlich einen Ultraprotestantismus zulässt: jeder soll glauben, wie er möchte. Das Christentum braucht kein Oberhaupt, alles andere ist menschlicher Größenwahn. Die Antwort liegt natürlich auf der Hand: ohne die zielorientierte Struktur, die auch den Kern des Zusammenhaltes der Evangelischen Kirche bildet, wäre sie nicht erfolgreich.
Nun hat die Käßmann also gesoffen, und Deutschland – diesen Eindruck habe ich zumindest – freut sich. Ist offenherzig schadenfroh, dass ein Moralapostel doch nicht besser ist, als die Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat. Dass die Utopie, die sie verspricht, am kleinsten gemeinsamen Nenner scheitern muss: ihrer eigenen Person. Mir liegt es fern, sie zu kritisieren, aber ich bin noch nie betrunken Auto gefahren und habe indes schon mehr ausprobiert als Alkohol. Natürlich kann man jetzt den Zeigefinger erheben und sagen: sie hätte jemanden totfahren können. Aber viel wichtiger sind die Reaktionen nach einem solchen Eklat: es geht wie immer um einen immensen Glaubensverlust. Wie auch in der Huberaffäre muss nun ein Individuum den Kopf herhalten, um das große Ganze nicht zu gefährden, denn individuelles Versagen ist selbstredend nicht das Versagen der Evangelischen Kirche. Im Falle Käßmann ist das einfach: sie selbst muss den Kopf in die Schlinge legen, andere Möglichkeiten hat sie auch gar nicht. Sie kann nicht sagen: mein Generalsekretär ist betrunken gefahren. Ich glaube ihr sogar, dass es ihr Leid tut, genauso wie es einem VW-Vorstandsmitglied leid tut, mit Prostituierten erwischt zu werden: es schadet dem Image der Firma, und diese winzige Erkenntnis lässt jedes noch so ernst gemeintes Schuldeingeständnis zu hohlen Phrasen verkommen. Vielleicht wäre es ganz erfrischend, wenn sie einfach zugeben würde, wie es dazu gekommen ist? Dass es auch mal gut tut, sich einen reinzukippen, und sei es nur, um wenigstens einen Abend lang etwas besser drauf zu sein. Aber das wäre selbst für Afghanistanmargot ein zu heißes Eisen. Hier geht es schließlich um die eigene dreckige Wäsche.
Am Ende bleibt die wichtige Erkenntnis, dass Margot Käßmann unter den gleichen Zwängen leben und vor allen Dingen arbeiten muss, wie alle anderen – und dass selbst ihr persönlicher Gott diesen Zwängen nicht gewachsen ist.