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Macht Viagra kriminell?

Autor: Tommy | Erstellt am: 01.08.2010 | Gelesen: 847
Kategorie: Gesundheit - Medizin & Chirurgie | Bewertung: Unbewertet
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(Online-Artikel.de) - Noch nie ist eine Pille auf den Markt gekommen, bei der das Missbrauchspotential so groß ist.

Kann Viagra kriminell machen?
Kann Viagra kriminell machen?
Viagra hat Nebenwirkungen, wie alle Medikamente. Was die blauen Rhomben aber von anderen Arzneimitteln unterscheidet, ist der soziale Sprengstoff, den sie bergen. Noch nie ist eine Pille auf den Markt gekommen, bei der das Missbrauchspotential so groß ist. Der Münchner Psychiater Götz Kockott beispielsweise schätzt, dass sehr viele gesunde Männer Viagra einnehmen könnten einfach so, um beim Thema Sex noch einen Kick mehr zu erleben. Professor Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, geht davon aus, "dass ein massenhafter Probierkonsum entsteht".

Und auch in den dunkleren Nischen der Gesellschaft wird Viagra kaufen eine Rolle spielen: Es wird zum Standardrepertoire vieler Bordelle gehören und vermutlich, so prognostiziert ein Hamburger Urologe zynisch, "zu einer hohen Mors in coitu Rate führen". Aber noch andere Auswüchse befürchten Kritiker: Pornodarsteller könnten sich die Gesundheit ruinieren, um veritable Erektionen für Fernsehaufnahmen zu produzieren. Bei Partnertauschpartys gibt's die Pille so selbstverständlich wie anderswo einen Gin Tonic. Mit einem Wort: Die Sexindustrie wird boomen, angeheizt von Viagra.

Doch nicht nur Menschen mit übersteigerten erotischen Wunschvorstellungen werden Viagra einwerfen. Auch die Zahl der Verbrechen könnte dank des erektionsfördernden Wirkstoffes steigen, befürchten Kritiker. Vergewaltiger und Kindsentführer könnten dank der Pille noch unberechenbarer werden oder durch Viagra zu der Tat erst angeregt werden. "Seit Viagra Thema ist, rätseln wir alle über die Frage, ob durch das Medikament die Zahl der Sexualstraftaten ansteigen wird", berichtet Rudolf Egg. Für ihn ist sie "derzeit nicht eindeutig zu beantworten. Solange man keine konkreten Erfahrungen hat, lässt sich nichts Sicheres sagen." Schließlich, so Egg, ginge es bei Viagra ja nicht darum, das sexuelle Verlangen zu steigern, sondern die sexuelle Funktionsfähigkeit zu erhöhen.

Aber auch wenn Viagra nicht als direkte Wirkung zu Straftaten führt, so habe das Medikament zumindest einen indirekten Effekt, schon allein deshalb, "weil die bloße Existenz eines solchen Mittels Phantasien und Begehrlichkeiten weckt". Der stärkste Impuls ergibt sich aus einem relativ neuen Phänomen: Egg nennt es die "Sexualisierung der Gesellschaft". "Sehr viele Dinge im Alltag werden bereits unter sexuellen Aspekten gesehen", sagt Egg. Millionen haben Zugriff zu schlüpfrigen Angeboten im internet, in Talk Shows werden sämtliche Spielarten des Sex breitgetreten von der harten Sadomasonummer bis hin zur Sodomie. Telefonsex, Hardcore Videos, unverhüllte Anzeigen in Tageszeitungen: Sex ist alltäglich, allgegenwärtig. In Zeitschriften prahlen Paare mit ihren Superleistungen im Bett. Mittels dubioser Sextests ("Haben Sie schon einmal mit einem Priester geschlafen ?" " Hatten Sie weniger als fünfzehn Liebhaber?" "Wann hatten Sie zuletzt Sex zu dritt?") können Frauen in Magazinen herausfinden, ob sie eher zum altbackenen Typ Mauerblümchen oder zum vermeintlich zeitgemäßen Typ Supervamp gehören. Auffrisierte Statistiken gaukeln ein reges, abwechslungsreiches Sexleben des durchschnittlichen deutschen Paares vor. "Das bringt ganz normale Menschen mit durchschnittlichen Bedürfnissen in Zweifel, die vorher nie welche hatten", sagt Egg. "Sie beginnen sich vielleicht zu fragen: Stimmt noch alles hei mir? Warum fessle ich eigentlich meine Frau nicht ans Bett oder lasse mich von ihr auspeitschen?" Sex werde zudem immer mehr als Leistungssport gesehen, klagt der Psychologe "und Viagra schwimmt mit auf dieser Welle".

Dadurch allein steigt natürlich die Zahl der Sexualstraftaten nicht. Aber eines dürfe man nicht aus den Augen verlieren, warnt Egg: "Sexualstraftäter sind häufig Menschen, die sich minderwertig und schwach fühlen. Sie sind sexuell frustriert, fühlen sich von Frauen zurückgewiesen und neigen deshalb zu Gewalt oder nähern sich Kindern. Je mehr der Leistungsaspekt beim Sex betont wird, um so mehr fühlen sich diese Männer betroffen." Viagra bewirke eben fatalerweise genau dies: die Betonung des Leistungsaspektes im Bett. Länger, härter, häufiger.

Noch eine weitere Gefahr sieht Egg: "Sexualstraftäter könnten Viagra als Ausrede für ihr Verhalten benutzen" nach dem Motto: Die Tablette führe zu unkontrolliertem triebhaftem Verhalten und sei deshalb schuld an dem Verbrechen. Trotz aller Zweifel und Ungeklärtheiten sei er jedoch "gedämpft optimistisch, dass durch Viagra die Zahl der Sexualstraftäter nicht ansteigen wird". Unbestritten bleibe aber, dass "auch Sexualstraftäter Viagra einnehmen werden, genauso wie andere Männer. Art und Häufigkeit der durch sie begangenen Delikte können sich verändern." Und noch ein Bereich dürfte durch Viagra beeinflusst werden: Auch einige Thailand Touristen, die im Urlaub Kinder missbrauchen, haben vermutlich Viagra im Gepäck.
 
 
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