RMS-Scriptorin. Markenzeichen von Louis Ocra
Louis setzt sich an seinen Flügel und komponiert einige Winter Lieder. Es läutet. Harald steht mit Zita und großem Gepäck vor der Tür. Er bringt ihm eine Lesepfeife mit. „Lieber Harald wie soll ich denn bei der Pfeife zum Tabakgenuss kommen? Da braucht man viel zu viel Puste." „Dachte die sieht so schön aus und der Name ist sehr ansprechend." „Ja. Ich dekoriere sie in der Bibliothek als Augenschmaus. Neben meiner Meerschaumpfeife. Die ist auch nur zum Ansehen geeignet. Das sieht sehr gut aus." Louis kreiert sich eine eigene Tabakmischung. Er nimmt Virginia Feinschnitt Natur und reichert diese mit Whisky an. „Wann fährt der Zug?", fragt Harald. „In zwei Stunden. Wir brechen am Besten gleich auf. Meine Koffer sind bereits im Wagen." „Na, da kann es ja losgehen."
Sie nehmen den Nachtexpress. Auf dem Bahnsteig werden sie von dem Zugbegleiter nach ihren Billets gefragt. „Sie haben das Schlafwagen Abteil Nr. 25, meine Herren. Das ist dort entlang." Er weist ihnen den Weg. „Ich nehme das obere Bett.", sagt Louis. Sie packen ihre Toilette-, Schlafsachen und Hundeplaits aus. Jeder Vierbeiner hat seine eigene Reisedecke mit gesticktem Monogramm unter einer kleinen Krone und sein Plüschtier. Zorro einen Stoffterrier und Zita einen schon sehr zerfetzten Dackel. Der bekannte Geruch ihrer Sachen vermittelt ihnen auch in der Fremde Geborgenheit. Nachdem sie sich für die Nacht eingerichtet haben, schlägt Harald vor: „Lass uns in den Speisewagen gehen. Wir essen zu Abend. In drei Stunden haben wir einen kurzen Aufenthalt. Den wir für unsere Hunde nutzen können." Um ihre Sprach Kenntnisse auf zu frischen, haben sie sich am Bahnhof ein Französisches Rätselheft geholt. „Weißt du ein anderes Wort für Haus mit 8 Buchstaben?", fragt Harald. „Bâtiment", sagt Louis. „Passt. Unser Gehirnjogging ist ein netter Zeitvertreib." Harald rätselt weiter. Sie gönnen Zorro und Zita einen kurzen Auslauf. Auf dem Bahnsteig beobachten sie wie Wagons abgekoppelt werden. Zurück in ihrem Abteil erhalten die Hunde je ein Parmaschinken Plätzchen als Belohnung und Betthupferl. Sie lassen ihre Blicke hinaus in die dunkle Nacht gleiten. Überall kleine Lichter. Wie eine Spielzeug Welt rast alles an ihnen vorbei. Das Rattern des Zuges untermalt die Fahrt. Die monotonen Zuggeräusche sind ein gutes Schlafmittel. Ihr Frühstück nehmen sie in ihrem Abteil ein. Der Nachtexpress bringt sie nach Zermatt. Als sie eintreffen, ist es helllichter Tag. Von dort nehmen sie eine dreiviertel Stunde später den berühmten Alpine Classics Glacier Express. Im legendären Pullman genießen sie die Landschaft. Sie überqueren einige spektakuläre Viadukte. Reizvoll sind die zu gefrorenen Seen. Dort erblicken sie einen Gamsbock. Stolz trägt er sein Winterkleid mit dunkelbrauner Ober- und weißer Unterseite. Die ganze Landschaft ist in einen winterlichen Zauber gehüllt. Sie zieht an ihnen vorbei wie ein Filmstreifen. Auf diese Weise gelangen sie vom Matterhorn in Richtung Piz Palü. Gegen 18 Uhr treffen sie an ihrem Ziel ein: St. Moritz.
Der Schweizer Wintersportort ist untrennbar mit der ältesten Bobbahn der Welt verbunden: Die Olympia Strecke St. Moritz- Celerina. Da der Bobsleigh zu dem Nachbarort Celerina führt, hat sich der Name St. Moritz-Celerina für diese Bahn eingebürgert. Nicht nur dies unterstreicht seine Einmaligkeit. Zudem ist dieser Bobrun die einzige Naturbahn. Harald und Louis lassen sich natürlich eine Touristenfahrt in dem legendären Eiskanal nicht entgehen. „Hast du keinen Babbel?", fragt Harald. „Nein. Ich bin schon als kleiner Junge gerne die höchsten Rutschen hinunter." „Ich hab ein richtiges Kribbeln im Bauch. Aber bin riesig gespannt." Aufgeregt gehen sie zur Anmeldung an den Taxistand. Sie erhalten einen Helm, ihre persönliche Nummer für den Bob und Taxirider-Pin. Sie probieren die Helme an. Nun müssen sie warten. „Weißt du eigentlich woher die Bezeichnung Bob stammt?", fragt Louis seinen Freund. „Nein. Ein Bob ist ein Bob." „Das englische Wort Bob bedeutet Ruck. 1897 wurde der erste Bobclub hier gegründet. Überwiegend Engländer erfreuten sich dieses Zeitvertreibs. Zu Beginn dieses Sports saßen die Fahrer und versuchten durch ruckartiges Zurück und nach Vorne den Schlitten anzutreiben. To bob. Daraus resultiert der Name.", expliziert Louis. Plötzlich ertönt über den Lautsprecher: „An den Start gehen Harald de Fontaine und Louis Ocra mit ihrem Bob Nummer 14." Sie klettern in das Vierergefährt. Louis setzt sich hinter den Fahrer. Es folgen Harald und der Bremser. Sie winken und lächeln für das Erinnerungsphoto am Starthaus. Das den mythischen Namen Dracula trägt. Die Bahn wird frei gegeben. Zuerst geht es in eine Linkskurve, die Wall Corner. Automatisch lehnen sie sich nach rechts. Der Bob gewinnt immer mehr an Geschwindigkeit. Sie schießen in 75 Sekunden durch den über 1600 m langen Eiskanal. Der sich aus 19 Kurven zusammensetzt. Das Highlight ist der Horse Shoe. Beide halten die Luft an. Der Bob rast die Wand dieser hufeisenförmigen Steilkurve hinauf. Für den Bruchteil einer Sekunde kleben sie in der Wand. Überall Eis. Sie spüren wie sie ein Sechsfaches der Erdanziehungskraft in den Bob presst. Der extreme Geschwindigkeitsrausch lässt ihren Adrenalinpegel emporschießen. In der Martineau Corner haben sie ein Tempo von 135 Stundenkilometern. Der vierte Mann betätigt die Bremsen. Die Bremsrechen kratzen über das Eis. Der Schnee stobt hinter ihnen. Der ansteigende Auslauf unterstützt den Bremsvorgang. Geschafft! Sie steigen aus, nehmen ihre Helme ab und liegen sich überglücklich in den Armen. „Das war ein Feeling. Einfach unbeschreiblich. Grandios.", strahlt Harald. „Ja. Ich würde am liebsten gleich noch einmal hinunter donnern.", gesteht Louis. Pilot und Bremser gratulieren den Frischlingen. Ihre signierten Urkunden für die bestandene Fahrt liegen am Taxistand für sie bereit.
Ihr Weg ins Hotel führt sie an einer Galerie vorbei. In der Etalage ist ein Druck von Johannes Martini ‚Start der Bobbahn 1905' ausgestellt. Er thematisiert das Ereignis von1904, dem Gründungsjahr des Bobruns in St. Moritz. „Das ist das richtige Mitbringsel für Frau Hateck.", sagt Louis. Geht in das Geschäft und kommt mit dem Werk in einer mit Geschenkpapier eingewickelten Rolle heraus.
Nachdem sie sich ein paar Tage akklimatisiert haben, mieten sie sich von Europas höchst gelegensten Sportfluplatz in Samedan einen Hubschrauber. Sie lassen sich zum Persgletscher am Fuß des Piz Palü befördern. Während des Fluges bietet sich ihnen die Alpenwelt in einem herrlichen Panorama. Es herrschen klare Sichtverhältnisse. Der Pilot setzt den Hubschrauber sachte auf dem Gletscherfeld auf. Harald und Louis entsteigen dem Helikopter und legen sich ihre Skier an. „Schau mal, das Bergmassiv sieht aus wie eine gefaltete Gesteinsformation", meint Louis. „Mich erinnert das eher an drei Fratzen", entgegnet Harald. Ein erfahrener Führer begleitet sie. Die Abfahrt geht vom Persgletscher zum Morteratsch. Vorbei an tiefen Gletscherspalten, machen sie am Ende des Morteratschgletschers Halt. Anton zeigt ihnen die drei Gletscherhöhlen. In Folge des Klimawandels sind unter der Gletscherzunge drei Eishöhlen entstanden. „Es wird vermutet, dass sie nicht lange bestehen. Sie wurden erst letzten Winter entdeckt.", erklärt ihr Führer. Sie erhalten Einblick in eine kurzweilige Höhlenlandschaft. „Einfach faszinierend", staunt Harald. „Die charakteristischen Eisformationen bieten eine bleibende Erinnerung. Ich hol mal meine Kamera heraus. Das muss ich festhalten. Daran können wir uns nicht oft genug satt sehen." „Schau dir die höhlenartigen Formen an, die das Eis stellenweise gebildet hat." Louis macht auf einzelne beachtenswerte Stellen aufmerksam. Anton leuchtet ihnen die dunklen Partien aus. Er legt hinten eine blau schimmernde Lampe auf den Boden. „Das ergeben phantastische Aufnahmen." Harald schwenkt seine Kamera überall hin.
In Morteratsch angekommen, verabschieden sie sich von Anton und kehren in ein gemütliches Wirtshaus ein. Sie sind froh sich in der Stube aufwärmen zu können. Eine fröhliche Stimmung schlägt ihnen entgegen. Die einladende Atmosphäre mit rustikalen Holztischen, auf denen eine Kerze brennt, lädt zum Verweilen ein. Der Wirt begrüßt sie herzlich: „Gruezi miteinander. Was darf ich Euch bringen?" „Wir möchten Ihr legendäres Gletscherfondue einmal kosten.", bestellt Harald, während sich die beiden ihrer dicken Sachen entledigen. Das Gletscherfondue wird aus Champagner mit Trüffeln, Kirschwasser und diversen Gewürzen kredenzt. Der Wirt serviert ihnen dazu einen guten Tropfen Weißwein.
Für den Rückweg setzen sie sich in einen Schlitten. In warmen Decken gehüllt, geht die Fahrt im Zweispänner nach St. Moritz zurück. Ihnen gegenüber sitzt eine vermummte Gestalt. Als er sich einmal nach vorne wendet, wird der Blick frei auf eine Pistole, die er unter der Jacke umgeschnallt hat. Harald und Louis blicken einander entsetzt an. Der Mann setzt sich wieder gerade hin. Die beiden versuchen sich nichts anmerken zu lassen. Ohne weitere Zwischenfälle gelangen sie zum Hotel. Der Unbekannte verschwindet Richtung Dorf. Die beiden reichen dem Portier ihre Skier und folgen ihm unaufmerksam. Sie sehen ihn noch gerade in eine schmale Seitengasse abbiegen. Als sie die Stelle erreichen, betritt er eines der Häuser. Es handelt sich um den Hintereingang eines Schuhgeschäftes.
„Vorerst können wir nicht mehr in Erfahrung bringen.", stellt Louis fest. „Wenn wir hineingehen, erkennt der Fremde uns aus der Kutsche. Das wäre zu auffällig. Lass uns zum Hotel zurückkehren." „Ja, es wird höchste Zeit, dass wir uns um Zita und Zorro kümmern.", fügt Harald besorgt hinzu.
In ihrem Hotel findet zur Zeit ein Kongress über die ‚Zukunft des Weltalls' statt. Abends sitzen sie in der Eingangshalle vor dem lodernden Kaminfeuer. Ein Herr setzt sich zu ihnen auf das große Ledersofa. „Sie sind doch Louis Ocra, der berühmte Detektiv? Darf ich mich Ihnen vorstellen? Mein Name ist Henry Galis." „Richtig, Louis Ocra und Harald de Fontaine.", begrüßen sie den Fremden. „Dürfen wir Sie zu einem Glas Sherry einladen?" „Danke, das nehme ich gerne an. Sind auch Sie Teilnehmer der Tagung?" „Nein, wir verbringen hier unseren Winter Urlaub." „Oh, das ist schade. Sie müssen wissen, ich habe einen Weltraum-Aeronaut für Tourismus konstruiert und suche einen Partner, um ein entsprechendes Unternehmen zu gründen. Es handelt sich dabei um ein von mir konstruiertes Raumschiff, dass in einer bestimmten Ellipse um die Erde kreist. Aufgrund spezieller technischer Erfindungen eine erschwingliche Reise. Sie können sich dies wie einen Zug vorstellen, der auf einem unsichtbaren Gleis um unseren Planeten schwebt." „Das ist hoch interessant. Ich bin Hobby Astronom. Ihr Vorhaben klingt sehr viel versprechend." „Wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen nachher meine Pläne zeigen." „Das ist sehr zuvor kommend von Ihnen. Ich kann es kaum erwarten diese futuristische Aussicht einsehen zu dürfen." Louis ist hoch erfreut. „In wenigen Minuten beginnt ein Vortrag, den ich nicht verpassen möchte. Sagen wir hier um 22 Uhr?" „Das ist uns sehr recht." Nachdem Herr Galis gegangen ist, meint Louis: „Mensch Harald, weißt du, was uns da bevorsteht? Ich kann es kaum abwarten." „Ja. Auch ich bin sehr gespannt auf seine Visionen." Sie gehen ins Restaurant und lassen sich ihr Abend Menü servieren. Mit zwei extra Portionen für Zorro und Zita. Es ist in diesem Haus üblich, das die vierbeinigen Gäste mit am Tisch sitzen dürfen. Um 22 Uhr warten Harald und Louis. Doch vergebens. Wer nicht auftaucht, ist Herr Galis. „Er hat sicher jemand anderen gefunden, der sein Unternehmen fördert. Das ist ihm wohl wichtiger.", meint Louis tief enttäuscht. „Da hätte er uns doch zumindest kurz Bescheid geben können." „Sicher, aber wir sind doch völlig Fremde. Es war eh merkwürdig, uns direkt in seine Geheimnisse Einblick zu gewähren. Komm, nehmen wir noch einen Drink an der Bar, eh wir uns verziehen."
In der Nacht fällt Neuschnee. Morgens früh im unberührten Schnee die ersten Schritte zu setzen, ist jedes Mal ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Sie entdecken und enträtseln einige Tierspuren. „Schau, das war bestimmt ein Schneehase", findet Harald. Louis sieht die Fährte eines Fuchses. Übermütig tollen Zorro und Zita im hohen Schnee. Plötzlich schnuppert Zorro und springt in hohen Sätzen davon. Louis schreit: „Zorro!" Doch der eigensinnige Terrier geht seines eigenen Weges. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als ihm zu folgen. Bellend steht er hinter einem morschen Holzverschlag. Als sie um die Ecke blicken, sind sie erstarrt. Vor ihnen liegt Herr Galis im vom roten Blut durchtränkten Schnee. „Da hätten wir noch lange warten können." „Harald, du bist unmöglich." „Ja Mensch, den Schock muss ich doch auch erst verarbeiten." „Du hast Recht. Aber nun ist es unsere Aufgabe die Kanton Polizei zu benachrichtigen." Im Hotel angekommen, informieren sie den Portier und bitten ihn die notwendigen Schritte zu unternehmen. Kommissar Raeck trifft ein. Dieser ist wenig erfreut Louis Ocra zu begegnen. Er hält rein gar nichts von Privat Ermittlern. Kurz angebunden, lässt er Ocra seine Abneigung unmittelbar spüren und verweist sie vom Tatort. „Ein extrem unfreundlicher Zeitgenosse.", meint Harald. „Von so einem lass ich mich doch nicht aufhalten. Wo wir einmal involviert sind, gehen wir diesem Mordfall auf den Grund.", bestimmt Louis.
Zuerst erkundigen sie sich an der Rezeption nach Herrn Galis. „Professor Galis hat Gestern eingecheckt. Er war Teilnehmer des Kongresses." „Welche Zimmer Nummer hatte er?" „Das ist auf Ihrer Etage Nummer 316." „Vielen Dank." Louis und Harald nehmen den Fahrstuhl. Als sie aus dem Lift treten, sehen sie einen Schatten die Treppe hinunter huschen. Nummer 316 ist am anderen Ende des Ganges. Vor dem Zimmer steht der Wäschewagen. „Ich kann das Personal nirgends sehen. Vielleicht findet sich der Generalschlüssel auf dem Wagen." Louis schaut nach. „Ich hab ihn", sagt Harald und schließt auf. Zu ihrem Entsetzen liegt in dem Raum das Zimmermädchen. Louis beugt sich zu ihr und fühlt die Halsschlagader. Er schüttelt den Kopf und blickt sich um. Alles ist durchwühlt. Er zieht ein Taschentuch heraus und ruft an der Rezeption an. „Ich muss ihnen leider den Mord an ihrem Zimmer Mädchen auf der dritten Etage melden. Benachrichtigen Sie die Polizei." Louis legt den Hörer auf die Gabel. In jeder Suite ist ein anderes Nostalgie-Telefon installiert. Als besondere Interieur Accessoires. „Ob der garstige Raeck wieder kommt? Der wird kaum erfreut sein, uns hier anzutreffen.", prophezeit Harald. Er soll Recht behalten. Der Kommissar ist aufgebracht. „Sie haben hier nichts verloren!" Horn wütend verweist er sie auch von diesem Tatort. „Jetzt haben wir uns aber einen Feind par excellence geschaffen.", stöhnt Harald. „Offensichtlich ist der Professor wegen seines Planes ermordet worden. Der Täter scheint ihn hier gesucht zu haben." „Ob er die Konstruktion gefunden hat?", fragt Harald. „Keine Ahnung. Bei so viel Unordnung meist nicht.", mutmaßt Louis. „Dieser Schatten, der die Treppe hinunter huschte, geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Irgendwie meine ich, wir müssten noch einmal bei diesem Schuhgeschäft vorbei schauen." „Dann nichts wie hin.", feuert Harald ihn an. Das Geschäft ist geschlossen. „Sollen wir es einmal an der Hintertür probieren?", schlägt Harald vor. „Wir können es versuchen." Sachte öffnen sie die einfache Pforte. Aber in dem Flur sind alle Türen verschlossen. Der Gang führt zum Hof hinaus. Eine Kellerklappe steht versuchend offen. „Lass es uns dort probieren.", flüstert Louis. Leise steigen sie hinab. Unten angekommen, schaffen sie sich erst einmal ein Bild der Lage. Sie befinden sich in einem Kellerraum. Links steht eine Tür auf. Ihnen gegenüber an der Wand ist ein Gitter zu dem Nebenraum, der beleuchtet ist. Aus diesem hören sie mehrere Stimmen. Louis gibt Harald ein Zeichen eine Räuberleiter zu machen. Langsam tastet sich Louis an der Wand zu der Luke empor. Er sieht fünf Mann in dem Raum, um einen simplen Holztisch sitzen. „Die Pläne sind nirgends zu finden.", bemerkt einer. „Der Alte hat mir nie Einsicht in seine Ideen gelassen. Der vertraute mir nicht. Daher hat er mich auch gefeuert.", berichtet ein aalglatter Dunkelhaariger. Louis erkennt in ihm den Vermummten aus der Kutsche. „Als wir ihn zusammen geschlagen und eingeschüchtert haben, hat er nichts verraten. Wir mussten ihm daher mit dem Lötkolben einheizen." „Wenn du nicht ausgerutscht wärst und seine Halsschlagader durchbohrt hättest, wüssten wir jetzt wo die Pläne sind.", schimpft ein Rothaariger. „Aber wo können die verdammten Sachen sein?", fragt ein kleiner Untersetzter. „Wir müssen sie heute Abend bei dem Chef abliefern oder sehen keinen Zaster. Um wieviel Uhr müssen wir in der Villa sein?" Harald wird es langsam zu schwer. Er muss Louis absetzen. Erschöpft reibt er sich seine Hände. Louis legt den Finger auf die Lippen und schiebt Harald behutsam aber drängend zum Ausgang. Sie gehen schnellen Schrittes über den Hof und mischen sich unter die Fußgänger. „Da saßen fünf Mann, die haben den Galis gefoltert und mit einem Lötkolben ermordet. Der aus der Kutsche hat einmal bei dem Professor gearbeitet. Galis hat ihm aber nicht vertraut und entlassen. Die Konstruktionen wissen sie nicht wo sind. Aber heute Abend treffen sie den Chef in einer Villa." „Ob es sich um die allein stehende Villa außerhalb des Dorfes handelt?", meint Harald. „Wir müssen es ausprobieren. Ein Versuch ist es wert."
So kommt es, dass sie sich an diesem Abend warm anziehen und sich in der Nähe der besagten Villa auf die Lauer legen. „Mensch ist mir kalt. Wie lange müssen wir denn noch warten? Wenn es nun die falsche Villa ist?" „Nur den Mut nicht verlieren!" Louis ist sich seiner Sache sicher. Nach drei Stunden werden sie für ihr Ausharren belohnt. Ein Kleintransporter fährt vor. Sie können in dem Fahrer den Assistenten erkennen. Das Tor öffnet sich und der Wagen fährt auf das Besitztum. „Wie kommen wir da hinein? Sollen wir etwa über die Mauer klettern?", fragt Harald. „Du sagst es. Komm - nichts wie hin!", spornt Louis ihn an. An einer Stelle wächst direkt an dem Mauerwerk des Anwesens ein knorriger Baum, der leicht zu erklettern ist. Doch auf der anderen Seite geht es tief hinab. Bei einem Sprung könnten sie sich den Knöchel oder noch Schlimmeres verstauchen. Sie müssen langsam an der Wand hinuntergleiten. „Hoffentlich haben die keine Wachhunde." Louis blickt sich um. „Daran habe ich gar nicht gedacht. Wir hätten etwas Leckerchen mitnehmen sollen." „Dazu ist es jetzt zu spät. Die Luft scheint rein zu sein. Los weiter!" Sie nähern sich dem Haus. Ein altes, hohes Gebäude mit vielen Zimmern aus dem 19. Jahrhundert. In einem der oberen Räume brennt Licht. Das Rankengerüst ist instabil. Es bietet keine Möglichkeit hinauf zu kommen. Sie klettern auf das Garagendach. Von dort auf einen Baum. Dann auf den Balkon. „Wenn uns hier einer beobachtet wie wir fensterln.", denkt Harald und bekommt fast einen Lachkrampf. Da beide sehr sportlich sind, ist es für sie kein Problem, sich elegant auf den Balkon zu schwingen. Dort angekommen, lugen sie vorsichtig in das Zimmer. Die Versammlung befindet sich zum Glück nicht unmittelbar vor dem Fenster. Auf der rechten Seite steht eine gebieterische Person. Flankiert von zwei bewaffneten Leibwächtern. Ziemlich kleinlaut steht die Gruppe der Fünf ihm gegenüber. Louis und Harald gucken sich an und legen die Stirn in Falten. In dem Chef erkennen sie einen bekannten Politiker, der sich einen seriösen Ruf verschafft hat. Die Scheiben sind zu dick, um etwas von der Unterredung zu hören. Behutsam begeben sie sich auf den Rückzug. In ihrem Mietauto überlegen sie, was nun zu tun ist. „Das ist eine verflixte Angelegenheit. Den Raeck können wir kaum um Hilfe bitten.", überlegt Louis. „Lass uns eine Nacht darüber schlafen. Vielleicht fällt uns etwas ein und morgen sieht alles klarer aus.", vertröstet Harald. Louis fährt zum Hotel zurück. „Ich frag mich dauernd, wo die Unterlagen sind. Galis muss sich unsicher gefühlt haben und sie an einem sicheren Ort versteckt haben. Aber wo?" „Du Louis, soweit ich mich entsinne, geraten in solchen Fällen, diejenigen, die mit dem Ermordeten Kontakt hatten für die Verbrecher unter Verdacht etwas zu wissen. Also sind wir doch in Gefahr.", ängstlich schaut Harald zu seinem Freund hinüber. „Wir müssen von nun an besonders wachsam sein." Nachdenklich begeben sie sich in ihre Zimmer.
Am anderen Morgen ist Raeck und sein Team in der Empfangshalle. Verwundert blicken sich Harald und Louis an. Auf ihrem Weg in den Frühstücksraum kann es Raeck sich nicht verkneifen die beiden herauszufordern: „Da ist ihnen wohl etwas entgangen. Ich war direkt verwundert, als ich sie einmal nicht an einem Tatort vorfand. Für so etwas ist eben doch ein Spezialist gefragt." Gentlemen like nehmen die beiden die Attacke nicht zur Kenntnis und setzen ihren Weg fort. Die Kellnerin klärt sie auf: „Ein Teilnehmer des Kongresses ist heute morgen tot in seinem Zimmer aufgefunden worden. Er wurde mit dem Telefonkabel erwürgt. Einige Gäste reisen bereits überstürzt ab." „Das ist nicht zu verwundern bei dieser Mordserie.", meint Louis. Zu Harald gewandt: „Vermutlich haben sie bei diesem Opfer nach den Plänen gesucht. Nachdem sie ihn gefragt hatten, mussten sie ihn ermorden, weil er sie identifizieren konnte." „Nun ist dir eine Lösung für unser Problem eingefallen?", fragt Harald. "Ich dachte wir könnten dem Portier sagen, dass der Vermummte, der aus der Kutsche stieg, bewaffnet war und in dem Schuhgeschäft zu finden ist. Wir müssten ihn bitten dies dem Kommissar mitzuteilen. Ohne uns zu erwähnen.", schlägt Louis vor. „Nicht schlecht. Lass es uns gleich in Angriff nehmen." Der Portier ist gerne bereit ihnen behilflich zu sein. Anschließend setzen sie sich in das Fourier, lesen die Tageszeitung und beobachten. „Ich frag einmal den Empfangschef nach einer Liste der Teilnehmer von dem Kongress.", sagt Louis und steht auf. Nach einer Weile kommt er mit der Aufstellung zurück. „Das letzte Opfer ist ein Mitarbeiter von Professor Ottew aus Moskau. Herr Polenki. Wir müssten uns einen herauspicken und nach den Ereignissen bei dem Referat vorgestern befragen. Wie wäre es mit Herrn Lanrou aus Hamburg? Er hat Zimmer Nummer 116. Auf ihr Klopfen öffnet ein kleiner grauhaariger Herr. „Sie wünschen?" „Mein Name ist Ocra, dieser Herr ist de Fontaine. Wir kannten Herrn Galis und möchten gerne Näheres über den Abend vor seinem Tod erfahren." „Kommen Sie doch bitte herein." Sie setzen sich auf das kleine Sofa. „An dem Abend habe ich Herrn Galis nur zweimal kurz gesehen. Zunächst unterhielt er sich mit Herrn Polenki. Danach sprach er ziemlich aufgebracht mit einem mir unbekannten Herrn. Doch anscheinend kamen die beiden überein. Der Fremde legte den Arm um Galis und sie gingen gemeinsam heraus.", berichtet Herr Lanrou. „Wissen Sie noch wie der Fremde ausgesehen hat?" „Das war so ein aalglatter schwarzhaariger Typ." „Haben Sie vielen Dank für Ihre Informationen.", verabschieden sich die beiden. „Jetzt wissen wir, dass der Assistent Galis von dem Vortrag weg gekidnappt hat. Wir müssten mehr über diesen Mann in Erfahrung bringen. Galis war in Paris tätig. Vielleicht hat er eine Haushälterin, die uns weiterhelfen kann. Ich such einmal die Nummer heraus.", erklärt Louis. „Ich hol Zita. Dann können wir nachher mit den Hunden spazierengehen." „In Ordnung - bis gleich." Die beiden gehen in ihre Zimmer. Louis sieht die Telefon Nummer auf der Anmeldeliste nach und lässt sich mit Paris verbinden. „Bonjour. Mon nome est Louis Ocra. J'ai fait la connaissance de monsieur Galis. Son meutier est un ancien assistant du professeur. Il a noir cheveu. Peut être vous connaissez son nome?" „Merci beaucoup. Au revoir Madame Galis." In dem Moment kommt Harald völlig aufgelöst zu Louis: „Zita ist weg. Dieser Zettel lag auf meinem Tisch." Harald reicht ihn Louis. „Wenn Ihnen das Leben Ihres Hundes lieb ist, kommen Sie um 12 Uhr zur Bobbahn. Bringen Sie die Pläne und ihren Freund mit. Keine Polizei!" „Mensch Harald, die haben Wind davon bekommen, dass wir mit Galis gesprochen haben. Wie du befürchtet hattest. Das war bestimmt auch dieser Assistent. Er heißt Martin Gour. Frau Galis erinnerte sich an ihn. Er war ihr sehr unsympathisch. Da bleibt uns nicht viel Zeit. Es ist bereits halb 12.", sagt Louis während er seine Revolvertrommel kontrolliert. "Komm, lass uns gehen!", freundschaftlich nimmt er Harald am Arm mit nach Draußen. Die Bobbahn ist nicht weit. „Wie verhalten wir uns jetzt?" Harald sieht Louis ängstlich an. „Abwarten." In dem Moment tritt von hinten Gour an sie heran. Er drückt ihnen den Lauf seiner Pistole in den Rücken. „Da entlang!", kommandiert er barsch. Hinter einer Baracke wartet der Lieferwagen. Die beiden werden durchsucht. „Ach ne. Die nehm ich mal direkt an mich. So etwas kann Ihrem Möpp ne Pfote kosten. Versuchen Sie bloß keine Tricks.", raunzt einer der Entführer. Sie müssen einsteigen. Im Inneren werden sie grob in eine Ecke gesetzt. „Wo haben Sie die Unterlagen von Galis? Leugnen Sie nicht. Wir wissen, dass Sie sich mit ihm länger unterhalten haben." „Wir haben die Pläne nicht. Hätten Sie ihn nicht entführt, hätte er Sie uns um 22 Uhr des Abends gezeigt, Herr Gour. Übrigens wenn Sie uns auch umbringen, wird mein Anwalt ihren Namen und den Ihres Auftraggebers Herrn Weikens an die zuständigen Behörden weiterleiten." Louis greift voll an. „Wo haben Sie meinen Hund? Wie geht es ihr?", fragt Harald. Zuerst fordernd, dann etwas kleinlauter. Ihnen begegnen nur abweisende Blicke. „Fahr zum Chef!", befiehlt Gour und setzt sich nach vorne neben den Fahrer. Vor der Villa müssen sie aussteigen. Unhöflich werden sie aufgefordert ins Haus zu gehen. „Seid ihr wahnsinnig geworden?" Herr Weikens ist erbost über die Zeugen. „Sie wussten bereits über alles Bescheid." Ein lautes Jammern von Zita ist aus dem Nebenraum zu hören. „Holt den verdammten Köter da raus!" Zita kommt angestürmt. Harald nimmt sie schnell auf den Arm. „Ich bin Privat Ermittler. Vielleicht kann ich Ihnen die Pläne besorgen. Mich persönlich interessiert das Orbit Projekt ebenfalls. Wie wäre es mit einer Partnerschaft?", versucht Ocra seine Gegner in diesem Moment zu ködern. „Ach so stellen Sie sich das vor. Woher soll ich wissen, ob ich Ihnen trauen kann?" „Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Wir müssen das riskieren!" „Ihr Freund bleibt als Geisel hier!", ordert Weikens an. „Sie können gehen." „Harald –" „Raus hier und beeilen Sie sich!" Unsanft wird Louis hinaus geleitet. Sie fahren ihn in die Nähe seines Hotels. Ocra lässt sich an der Rezeption die Schlüssel geben und geht langsam in sein Zimmer. Dort angekommen hastet er zu seiner Aktentasche und stülpt ihren Inhalt auf sein Bett. Nichts. Dann öffnet er den seitlichen Reißverschluss und wird fündig. Er hält die einerseits futuristischen und andererseits katastrophalen Konstruktionspläne in seinen Händen. Schnell fertigt er eine Copie an. Rollt sie zusammen und ruft Weikens an. „Ich habe die Pläne. Wir können einen Austausch auf neutralem Gelände vornehmen. Kommen Sie ohne Ihre Handlanger um 16 Uhr auf die Eislaufbahn! Sonst können Sie das Geschäft vergessen!" Weikens geht auf seinen Vorschlag Not gedrungen ein. Da er ihn hat beobachten lassen, weiß er, dass Ocra keinen Kontakt zur Polizei aufgenommen hat. Punkt 16 Uhr erscheinen die beiden Parteien auf dem Gelände und nehmen die Übergabe vor. Als Harald mit Zita wohl behalten bei Louis ist, ertönt die Stimme von Raeck: „Hände hoch! Sie sind alle verhaftet!" In Windeseile sind sie von einigen Uniformierten umstellt und fest genommen. „Zum ersten Mal bin ich froh diese Stimme zu hören. Aber warum werden wir verhaftet?" Harald ist überrascht von einem Schock in den nächsten zu gelangen. Auf dem Revier stellt sich heraus, dass Raeck Ocra und de Fontaine für die Mörder hält. Daher ist er Ocra gefolgt. Es nimmt einige Zeit in Anspruch Raeck von ihrer Unschuld zu überzeugen. Unwirsch setzt er beide vor die Tür.
„Louis, ich bin völlig geschafft und total urlaubsreif!" „Lass uns erst einmal verschnaufen. Wir haben dringend Entspannung nötig." Nach einigen Behandlungen im Wellness Bereich ihres Hotels setzen sich beide zu einem ausgiebigen Diner in den Speisesaal. Es ist die Feier der dunkelsten Nacht. Ab Morgen wird es immer heller. Als Festtags Menü wählen sie: Gespickten Hasenrücken mit Apfelrotkohl und Salzkartoffeln mit Petersilie. Als Dessert Rotweincreme. Zorro und Zita wird als erster Gang eine Scheibe Hunde-Weihnachtswurst, als zweiter für Zorro ein Rentier Ragout und für Zita eine Weihnachtsgans serviert. Ihr dritter Gang besteht aus je einem Stück Hundechriststollen. Das festliche Hunde-Menü wird freudig verputzt. „Woher wusstest du, wo die Konstruktionspläne sich befanden?" „Ich dachte, vielleicht haben die Verbrecher Recht und Galis hat tatsächlich bei uns die Pläne in Sicherheit gebracht. Er muss uns wohl für sehr seriös gehalten haben.", sagt Louis verlegen. „Das sieht man uns doch an.", schmunzelt Harald. In dem Moment kommt Zorro mit einem gewaltigen Satz angesprungen. Louis will gerade einen Schritt tun und plumpst hin. Zorro auf ihn. „Oh ja. Wir sind enorm seriös.", lacht Louis und tollt mit Zorro. „Aber wenn wir die Pläne doch hatten wie wollte er sie uns denn zeigen?" „Dafür wird er sich mit uns verabredet haben um uns ins Vertrauen zu ziehen. Galis hatte seinen ehemaligen Mitarbeiter vermutlich entdeckt und war misstrauisch geworden. Als wir eincheckten, erinnere ich mich Galis bereits einmal kurz im Augenwinkel gesehen zu haben. Meine Aktentasche hatte ich ein wenig abseits gestellt. Dies bot ihm die Möglichkeit das Orbitaneum Projekt zu verstecken." „Aber in den Händen dieser Verbrecher stellten sie eine große Gefahr dar." „Meinst du ich hätte dem Weikens die originalen Unterlagen gegeben? Natürlich habe ich ein paar wesentliche Veränderungen vorgenommen, so dass sie Funktions unfähig sind." „Was machen wir Morgen?", will Harald nun wissen „Wenn Zorro nicht noch eine Leiche ausbuddelt, können wir unseren Urlaub genießen und ich kann an meiner Arbeit über die Engandiner Seenplatte weiter forschen." „Übrigens ich habe in St. Moritz Dorf einen exquisiten Tabakladen entdeckt. Lass uns doch nächste Woche eine Sylvester Mixture erschnuppern." "Prima Idee. Bei Gefallen nehme ich dieses Ziel mit in mein Werk auf." Zum Abschluss dieses Festtages genießen sie ihre Pfeife mit einer Rotwein verfeinerten Mixtur. Im Hintergrund prasselt das Kaminfeuer. Der Pianist jazzt ‚White Christmas'. St. Moritz ist in eine winterliche Schneedecke eingehüllt. Überall leuchten die hellen Lichter.
©Rosa-Marita Schrouff www.rms.de.to