Durch den Bürgerkrieg (1975-1990) und während der syrischen Besatzung entstandenes Vakuums, profitierten insbesondere panarabistische und islamistische Kräfte, aber auch die muslimischen politischen Kräfte im Allgemeinen. Die islamitisch-fundamentalistische Hisbollah baute mit Hilfe Syriens und des Irans ihre militärische Macht aus und setzte sie nicht nur gegen Israel ein, sondern auch gegen Libanesen, was sie zu einer iranischen Kraft erhebt.
Nach der "Zedernrevolution" im Jahre 2005, die infolge der Ermordung des ehemaligen Premiers Al Hariri ausbrach, war Syrien unter dem wachsenden Druck gezwungen, seine Streitkräfte aus Libanon abzuziehen. Die antisyrische christliche Opposition kehrte ins Land zurück. Das politische Gewicht der Christen wuchs zwar, blieb jedoch angesichts ihrer politischen Zersplitterung erst einmal bescheiden. Im gegenwärtigen sunnitisch-schiitischen Machtkampf sind die christlichen Parteien in beiden Lagern vertreten. Während sich der ehemalige Erzfeind Syriens General Aoun der von Hisbollah geführten Opposition angeschlossen hat, arbeiten die Falangistenpartei und die Lebanese Forces mit den anderen liberalen Kräften des 14. März strategisch zusammen.
Dieser Konflikt, der sich in der Frage der Bewaffnung der Hisbollah-Miliz kristallisiert, reflektiert in erheblichem Maße auch die regionale Konfrontation zwischen den USA, Israel und Saudi-Arabien mit der Achse Syrien-Iran. Die Geheimdienste der damaligen syrischen Besatzungsmacht haben viele Libanesen nach Syrien verschleppt, die sich gegen ihre Politik im Libanon stellten, oder dem christlichen Widerstand angehörten. Es sind über 600 namentlich bekannte Libanesen registriert, die zum größten Teil ohne Gerichtsverhandlung in syrischen Haftanstalten verschwunden sind. Das syrische Regime weigert sich von politischen Gefangenen und Entführten zu sprechen, nennt allerdings nur weniger als Hundert Inhaftierte, die angeblich Straftaten begangen hätten. Syrien liess jedoch nach einem Bericht der „Nationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Syrien" von 23.06.2009 23 libanesische Inhaftierte, die Straftaten wie Schmuggel, Mord und Drogendelikte begangen haben sollen.
Immer mehr Christen verlassen das Zedernland. In den vergangenen zwei Jahren sind rund 300.000 Kirchenmitglieder ausgewandert. Es wird von über 1,3 Millionen Kirchenmitgliedern gesprochen, die noch im Lande leben und bilden damit etwa 30 Prozent der vier Millionen Libanesen. Vor fünf Jahren waren es noch rund 40 Prozent. Die anhaltende Auswanderung der Christen aller Konfessionen aus dem Libanon basiert auf wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gründen, doch auch die Angst vor radikalen Islamisten und Unruhen spielt eine große Rolle.
Der Libanon bot verfolgten Christen im Nahen Osten jahrelang ein Asyl und eine neue Heimat. Sie haben allerdings von der einsetzenden Entwicklung in Libanon nicht viel profitieren können. Auch heute finden chaldo-assyrische Christen im Libanon Asyl, doch ihr Status ist noch nicht geregelt. Viele Eingebürgerte dürften nun wieder wählen.
Die ca. 3,2 Millionen wahlberechtigten Libanesen, die nur im Lande wählen dürfen, beteiligten sich mit 54,08%, was einen Rekord bildete. Doch in Beirut sprach der Wahlausschuss von einer Wahlbeteiligung von 38,66%. Der Forscher Antoine Basbus kommentierte in France24 die Wahlen und schrieb, dass die Hisbollah die Wahlen nicht verlor, da diese ihre Sitze im Parlament behalten konnte, sondern der Verlierer ist Michel Aoun. Aoun verlor seinen Anspruch die Mehrheit der Christen im Libanon und insbesondere in den meisten christlichen Kerngebieten zu vertreten. Er drehte jedoch durch und erlaubte sich Beleidigungen gegen den maronitischen Patriarchen Mar Nasralah Sfeir und den syrisch-orthodoxen Erzbischof George Saliba zu äussern. Die Rolle Aouns in der kommenden Phase ist fraglich, zumal auch Beobachter davon reden, dass die Hisbollah ihn fallen lassen will. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 08.06.2009: „ General Michel Aoun hatte sich mit seiner "Bewegung der Freien Patrioten" vor der Wahl mit der äußerst selbstbewussten Hisbollah verbrüdert - und wurde für so viel Opportunismus nun deutlich abgestraft". Aoun beabsichtigte einen Antrag auf Annullierung der Wahlen in Elmetn und ElMour und reichte seinerseits eine Klage wegen Verfälschung und der Nutzung von gefälschtem Material gegen den Fernsehkanal OTV ein. Laut Elhayat von 16.06.2009.
Die Wahlen haben zum grössten Teil die politischen Fronten im Libanon gefestigt. Der Abgeordnete Michel Elmur koalierte nun mit dem „14. März-Bündnis". Dieses gewann eine Mehrheit von 71 der 128 Sitze im Parlament. Die Regierung deren Premier ein Sunnit sein muss, wird von dem Chef der Future Koalition Saad Hariri gebildet.
Die Armenische Partei Taschnaq verschärfte die Konflikte und verwickelte sich in Machenschaften der Hisbollah und der syrischen Geheimdienste, die sie ihre politische Kraft kosten kann. Beobachter reden von einem Verzweifelungsakt in Richtung Hisbollah, um die politische Macht über die Armenier im Libanon zu erhalten. Eine Spaltung innerhalb der syrisch-orthodoxen Gemeinde im Libanon war zu beobachten.
Ferner reichte das Syrisch-orthodoxe Erzbistum von Monte Libanon eine Anzeige wegen Veruntreuung von Geldern, Diebstahl, Bestechung Verfälschung gegen seinen Priester Elias Yacoub Elaakari ein, der für Aoun auf Stimmenfang gewesen war.
In der Stadt Zahle mit einer starken Präsenz der Lebanese-Forces und der großen syrischen Gemeinde, konnte das „14. März"- Bündnis alle 7 Sitze gewinnen. Die Syriac Union of Libanon und die assyrische SHURAYA-Partei konnten weitgehend ihre Anhängerschaft für die Abstimmung zugunsten der Lebanese Forces mobilisieren und es zeichnete sich in Zahle, Hadath und Sed El-Bouchrieh eine hohe Wahlbeteiligung der assyrischen und syrischen Konfessionen ab. Doch das politische System im Libanon sieht nur einen Sitz für alle christliche Minderheiten vor, jedoch eine realistische ethnische Vertretung im Parlament existiert nicht.
Seine Seligkeit der maronitische Patriarch, versuchte die Aussagen der Politiker zu kommentieren und sagte, „(...) natürlich der Verlierer wird Vorwände finden, die seinen Verlust rechtfertigen (...)". Hisbollah liess wissen, dass sie kein Gewicht in die Wahlen setzten, damit die Kräfte der 14. März weiterhin die Regierungsverantwortung tragen. Doch es war bekannt, wie Hisbollah alles daran setzte, dass Wähler aus dem Ausland ins Land gebracht werden. Sie mobilisierte die schiitischen Wähler für sich um ihre Verbündeten zu wählen und scheute keine Kosten.
Der Führer der islamistischen Hisbollah griff sogar den maronitischen Patriarchen wegen seiner Äußerungen an und nahm ihm das Recht weg, Position zu bestimmten politischen Themen zu nehmen, während er als religiöser Führer eine iranische Privatarmee mit unerlaubten Waffen führt. Dieser Angriff wurde als „inakzeptable Beleidigung" bewertet. Der Angriff richtete sich jedoch seitens der mit der Hisbollah verbündeten Kräfte vom 8. März stark gegen das Oberhaupt der syrischen Kirche der Maroniten von Antiochien und des gesamten Ostens.
Hisbollah, die in den USA als Terrororganisation gilt, erhöhte nach den Wahlen ihren Ton und verlangte die Legitimierung ihrer Waffen, als Bedienung einer Zusammenarbeit. Dies beweist zugleich die Verlegenheit der Hisbollah durch den Ausgang der Wahlen und der Unruhe im Iran. Sie wartet nun auf den Befehl des Gelehrten im Iran, unter dessen Herrschaft (Wilayat ul-Faqih) diese reagiert. Hisbollah lehnte in den Orten des Vizevorsitzenden Qasem einen Dialog mit den Kräften des 14. März-Bündnisses ab. Nasrallah traf jedoch Junbulat. Sie haben gemeinsam die vergangene Phase analysiert und auch die Phase nach dem Abkommen von Doha und die libanesischen Wahlen.
Die Hisbollah bezieht sich auf den Koran und verfügt über seine eigene authentische Interpretation nach schiitischer Version, die nur der Herrschaft des Höchstgelehrten gehorcht. Das Ziel der Gründung eines Gottesstaates, eine islamische Republik, ist strategisch, und in diesem Gottesstaat ist kein Platz für Freiheit und Souveränität des Menschen. Der Mensch wird danach beurteilt, wie er den islamischen Vorschriften - nach ihrer Interpretation folgt. Es wird darin kein Platz bleiben für freie Ausübung der Religion für alle Christen in Libanon. Das Dilemma ist jedoch, dass auch einige Ostchristen und christliche politische Kräfte dabei aus Eigeninteresse und aus politischer Unreife diese islamistischen Organisation bei der Ausführung ihrer Pläne unterstützen.
Der weitere Erfolg fundamentalistischer Strömungen in den arabischen und islamischen Ländern, wird in vielen dieser Länder unübersehbare soziale und politische Veränderungen herbeiführen. Der Irak war nur der Anfang. Die demokratischen Bestrebungen im Libanon werden mit der weiteren Ausbreitung solcher Strömungen zum Erliegen kommen.
Die Unruhe bleibt und die Zukunft ist meines Erachtens ungewiss und beängstigend. Hisbollah wird keine Ruhe geben. Grade für Christen wird die Zukunft ungewisser bleiben als der Rest der Bevölkerung, da sie mehr Furcht vor der Zukunft haben und eine drohende Herrschaft des Höchstgelehrten sie am meisten bedrohen wird. Diese Bedrohung ist jedoch nicht nur für den Libanon, sondern auch für die ganze Region vorhanden. Gegebenfalles stellt sie für die ganze Welt eine Gefahr dar. Gerade in dieser Phase ist die Aufklärung und das starke Engagement liberaler Denker und Kräfte gefragt. Der Einsatz von Europa ist für die Durchsetzung demokratischer Instrumente und die für die Unterstützung demokratischer Kräfte und verfolgter Christen von besonderer Dringlichkeit und unvermeidbar.
Raif Toma