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Länger, härter, öfter: Kamagra, die Lifestyle-Droge

Autor: frankmiller | Erstellt am: 22.07.2010 | Gelesen: 1687
Kategorie: Gesundheit - Medizin & Chirurgie | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Das Paradebeispiel einer Lifestyle Droge

Kamagra - Eine Lifestyle Droge schlechthin?
Kamagra - Eine Lifestyle Droge schlechthin?
"Jennifer füllte die Gläser mit Wein und reichte eines davon Dennis. Er beugte sich nach vorn, nahm die Tablette und schluckte sie hinunter, während er seiner Frau zuprostete. Jennifer und Dennis waren Freiwillige in einer neuen Welt der Sexualmedizin. Sie gab ihnen die Sicherheit zu wissen, daß sie haben konnten, was sie wollten und wann sie es wollten."

Die schmalzige Szene stammt aus der Feder von Steven Lamm. Der schreibende Internist aus New York, der sich durch TV Kommentare zu Fitneßfragen im Big Apple einen Namen gemacht hat, widmete dem "medizinischen Wunder, das Ihr Leben verändern kann", paßgenau zur Zulassung in den USA ein Buch.

Das zweihundertzwanzigseitige Werk mit dem Titel The Virility Solution ist eine Hymne an die Macht der Moleküle über die Gefühle. Sexuelle Befriedigung, eine erfüllte Partnerschaft der Schlüssel zum Eheglück schlechthin , so der Kern von Lamms Botschaft, seien in ein paar tausendstel Gramm der Substanz l-((3-(6,7-dihydro-l-methyl-7-oxo-3-propyl-lH-pyrazolo-(4,3-d)pyrimidin-5-yl)-4-ethoxyphe-nyl) sulfonyl)-4-methylpiperazin-citrat verborgen: Kamagra.

Das Medikament war von Anfang an Paradebeispiel einer "Lifestyle"-Droge, die weniger auf eine Krankheit als auf das Lebensgefühl zielt. "Billiger Sprit, starke Wirtschaft, Erektionspillen was für ein Land! Was für eine Zeit zu leben" machte sich das US-Magazin Time in einem Beitrag über die Kamagra Hysterie lustig. In den ersten zehn Wochen stellten Ärzte in den Vereinigten Staaten etwa 1,7 Millionen Kamagra Rezepte aus. Wie viele Empfänger der grünen Tabletten tatsächlich unter Erektionsstörungen litten, ist ungewiß. Zahllose Meldungen aus aller Welt zeigten jedoch, wie schnell die Arznei gegen Potenzstörungen zur heißbegehrten "Liebespille" mutiert ist:

In New Yorker Nachtclubs kursierten die blauen Rhomben wie Marihuanajoints. Pornodarsteller wappneten sich gegen penile Ausfälle. Amerikanische Bordellbesitzer freuten sich, daß sich nun auch Kundschaft jenseits der Siebzig häufiger blicken läßt: Ihr Umsatz stieg dank Kamagra um zehn bis zwanzig Prozent. Eine Prostituierte wußte sich allerdings nicht mehr anders gegen einen Kamagra-gestählten Freier zu wehren, als ihn umzubringen.

Selbst israelische Parlamentarier konnten der blauen Versuchung nicht widerstehen. Bevor der wissenschaftliche Ausschuß der Knesset über die Sicherheit von Kamagra befinden konnte, waren vier der acht Anschauungsstücke verschwunden.

Länger, härter, öfter: Obwohl bislang keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung von Kamagra bei gesunden Männern vorliegen, steht ein potenzfördernder Effekt auch bei

dieser Klientel für die meisten Experten außer Frage. Ein gerüttelt Maß an sexueller Erregung vorausgesetzt, wird Kamagra selbst einem hartgesottenen Sexprotz helfen, seine Erektionen über einen noch längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Auch die Chance, seine Geliebte mit mehreren Erektionen in Folge zu verblüffen, dürfte sich zumindest theoretisch verbessern. "Kamagra werden vor allem Gesunde nehmen, die es gar nicht brauchen", spekuliert der Münchner Urologe Ullrich Schwarzer. " Und bei den Patienten mit schweren Erektionsstörungen, die es dringend benötigen würden, wirkt es offenbar nicht so gut wie ursprünglich erwartet."

Das Risiko gefährlicher Nebenwirkungen wie einer Dauererektion, eines Herzinfarkts oder eines Kreislaufkollapses ist bei diesen meist jüngeren Männern, die in der Regel nicht an Gefäßerkrankungen leiden und auch keine Herzmedikamente einnehmen, vermutlich gering geringer jedenfalls als nach dem Gebrauch einer SKAT Spritze, die gelegentlich als "Freundschaftsdienst" unter Männern kreist. Ist die Dosis "Pi mal Daumen" errechnet und nicht auf den Anwender abgestimmt, droht statt einem prallen Phallus ein schmerzhafter Priapismus. Im schlimmsten Fall kann dadurch das empfindliche Penisgewebe zerstört werden. Dann hilft nur noch eins: die Penisprothese.

Häufiger als hitzige Jungspunde werden jedoch Männer im fortgeschrittenen Alter zu Kamagra greifen, um sich für etwa zwanzig bis dreißig Mark ein Stück Jugend zurückzuholen. Ältere scheinen dabei sogar mit einer geringeren Kamagra Dosis auszukommen als junge Männer. In den klinischen Studien, die der Zulassung in den USA zugrunde lagen, bauten gesunde Testpersonen im Alter von fünfundsechzig Jahren oder mehr den Wirkstoff Sildenafil langsamer ab als Männer zwischen achtzehn und fünfundvierzig Jahren. Dadurch erreichten sie bei gleicher Dosis eine um etwa vierzig Prozent höhere Konzentration im Blut.

Ob jung oder alt in jedem Fall sollte auch dem Kamagra Konsum aus Jux und Dollerei immer eine ärztliche Untersuchung vorausgehen, um gesundheitliche Risiken und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten abzuklären. "Ich sehe bei Kamagra den großen Nachteil", sagt der Münchner Urologe Ullrich Schwarzer, "daß die Ursachen einer Potenzstörung nicht mehr untersucht werden. Aber vor jeder Therapie, auch mit Kamagra, muß die Diagnose stehen." Für den Freiburger Urologen Ulrich Wetterauer gehört dazu auch ein Gespräch über die Erwartungen, die der Mann an das Mittel stellt, denn nach seiner Erfahrung "haben die Leute meist völlig überzogene Erwartungen an ihre Sexualität".

Götz Kockott erwartet für die Zeit nach einer Zulassung von Kamagra auch in Deutschland eine hohe Mißbrauchsrate. "Männer, die nicht sexuell gestört sind, aber ihre Potenz perfektionieren wollen", glaubt der Psychiater, "werden sich Kamagra besorgen, ohne ärztliche Kontrolle eventuell große Mengen einnehmen und dann bekommen wir Nebenwirkungen zu sehen, die uns bisher nicht bekannt waren."

Von "Mißbrauch" will Ulrich Wetterauer allerdings nicht in jedem Fall sprechen: "Wenn Kamagra etwas verbessert, was schon gut ist, dann ist das doch in Ordnung", argumentiert der Freiburger Urologe, betont aber: "Nur die Krankenkassen sollten dafür nicht in die Pflicht genommen werden."

Einer der "Väter der Potenzpille", Ian Osterloh, jedenfalls versteht in Sachen Kamagra keinen Spaß: "Kamagra ist keine Superhengstdroge", kommentiert der Pfizer Forscher die zweite Karriere des Pharma Bestsellers. "Es handelt sich um ein ernsthaftes Heilmittel gegen einen ernsthaften Krankheitszustand.
 
 
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