RMS-Scriptorin
Samstagnachmittag, den 24. September 2011 um 13 Uhr macht sich Vespertilio mit Hanniball auf den Weg der Aachener Kunstroute. Sie findet seit 1997 zum 14. Mal statt. Auf 31 Stationen zeigen 240 Künstler ihr Können. Jeden Routenpunkt kennzeichnet eine weiße Flagge mit dem Emblem der Kunstroute.
Ihren ersten Stopp legen sie in der Bachstraße 62 bis 64 in der „Ateliergemeinschaft Halle 1" ein. Durch das Tor über den Hof geht es eine Treppe hinauf unter das Dach. Nach der Eintragung in das Gästebuch betrachten sie sich die Bilder von Heinrich Hüsch. Er ist von Beruf Designer und kann in Halle 1 seinem künstlerischen Hobby speziell der Lithographie nachgehen. Sein Kunststudium absolvierte er an der Akademie. Eine großformatige Dreiergruppe mit dunklen Baumdetails vor weißem Hintergrund bildet das ansprechende Entrée. In einem hinteren Raum befindet sich eine Vielzahl von interessanten Miniaturen in teils gecrosster Fotomalerei. Unter dem Glasdach wird skizziert. Zwei großformatige Eselstudien einer Künstlerin runden die erste Etappe ab.
Als nächstes steht die „Galerie Sebestyen" auf der Route. Sie feiert ihr 40jähriges Bestehen. Diese Werke entsprechen wohl kaum unserem Geschmack.
Und nun auf zur Frankenburg, alias Burg Frankenberg, nicht Frankenstein. Als „Burgfäuleins" hat sich die Künstlergruppe „Triangel" hier niedergelassen. Himmelblaue oder rosafarbene Brillen sind eine illustre Betrachtungsmöglichkeit. Unbewusst wird lokalspezifisch in dem unteren Turmzimmer, wo ehemals die Mumie des Museums hauste, eine Rauminstallation mit korbgeflochtener Schneiderbüste über einem Paar Zehentrenner-Pantoffeln präsentiert.
Auf dem Treppenaufgang im ehemaligen Wohnhaus der Burg eine surrealistische Surfszene mit Skatboard, im Flur ein Reitturnier auf Siamesischen Katzen in Pferdegröße. Die Bilder von der surrealistischen Künstlerin Każa Poorter beeindrucken durch ihre typisch hyper realistisch exakte Ausführung von Abnormitäten.
In einer Ecke auf der ersten Etage, wo einst die Karolingerzeit und die Kaiserpfalz zu besichtigen waren, versetzen den Betrachter einzelne Szenen auf der Autobahn bei Nebelregen stimmungsvoll in das eigene Erlebte. Zu dieser diffusen Realität zählt auch eine einzelne Telefonzelle der Künstlerin Nadine Liesse, deren Homepage von einer Hommage an Maigret, die Weltausstellung 1958, Hergé und Aachen eröffnet wird.
Unter einer Käseglocke sind drei duftlose Seifenstücke arrangiert. An der Wand prangt eine Topflappen Montage.
Die Künstlerin Anita Werner liefert die Performance:
„Zeigt eine Kakophonie von Arbeiten und Tätigkeiten,
Pflichten und Erwartungen, die uns permanent bedrängen.
Die „WENN" Illusion
Wenn ich groß bin, werde ich Prinzessin.
Wenn ich 18 bin, fängt mein Leben an.
Wenn ich eine Familie habe, werde ich glücklich sein.
Wenn ich irgendwann einmal Zeit habe, fliege ich nach New York .
Wenn ich in Rente gehe, hole ich alles nach, was ich schon immer erleben wollte.
Wenn ich sterbe, wann habe ich gelebt?"
Zu gut deutsch: „Was Du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen!"
Nach einem kurzen Snack geht's weiter zu der „Ateliersozietät εt Zeigeraum PROZITRON" in der Lothringer Straße 91. Hier stehen im Kopfstand eine Holzskulptur mit eingeknickten Beinen und eine Schaufensterpuppe aus Trikotstoff mit einem übergestülpten Brautkleid an Stelle des Kopfes. Außergewöhnlich ist die Bilder-Reihe in Schwarz-Weiß Stummfilm Manier von Internet Aufnahmen der Bretonischen Küste. Als Malmittel setzte der Künstler Rainer Blum u.a. Bauschlamm ein. Es handelt sich um 18 Werke in sechs Dreierreihen.
Ein Stück weiter in der Friedrichstraße 97 empfängt einen die „Werkstatt Eigenart". Die Silhouetten eines Paars von Sabine Raatschen erinnern an die Darstellungsart des Kreuzwegs von Henri Matisse in der Chapelle du Rosaire de Vence.
Im verdunkelten Hinterzimmer findet die Performance „Light-Writing" statt. Hier kann der Betrachter mit in Aktion treten. Bei laufender Kamera mit geöffneter Blende angeschlossen an den PC wird mittels einer Taschenlampe, LED-Rahmen oder Leiste ein Bild erzeugt. Das Kunstwerk kann anschließend direkt auf dem Monitor betrachtet werden. Man überlegt Verbesserungen und setzt sie in die Tat um. Beispielweise ist der Schriftzug „Couscous" oder ein Smiley mit der Lampe erzeugt nun lesbar. Alles worauf das Licht während der Inszenierung fällt, bildet die Aufnahme. Hanniball ist natürlich Mittelpunkt.
Es folgt die Galerie Schoenen auf der Wilhelmstraße 103. Nicole Royé, eine Verwandte von Marga Benner-Royé offeriert ihre Werke in der Ausstellung „Raum und Zeit" mit typisch ruinösem Szenarium.
Das Werk „1.Oktober" von Martin Eller ist ein Blickfang in dieser Galerie.
Honoré Daumier begegnet uns im Deutsch-Französischen Kulturinstitut auf der Theaterstraße 67 im Haus Matthey. Das Thema lautet: „Die Zeitung in der Künstlerkarikatur."
Schräg gegenüber Theaterstraße 80 in der „Galerie il quadro" hat der Künstler Rüdiger Hans sein Comic aufgeschlagen. Riesige gelbe Science-Fiction Illustrationen in Manier eines bebilderten Diktionärs schildern seinen „friedvollen" Roman. In seinem künstlerischen Austoben hat dieser sich den Gang zum Psychiater erspart.
Eine satirische Fußball Kegel Performance mit ferngesteuertem Mobil unter schwarzer Lockenperücke erleben wir in der Bahnhofstraße 33 vor der „Produzentengalerie am Bahnhofplatz."
Das Graffiti in erster Linie Kunst ist, vermittelt das Forum „Icke3.0" von Lazy65 mit fachkundiger Führung. Der gesellschaftskritische Aspekt lautet diesmal: „Society needs black Sheep", bildnerisch erfasst in den zwei Canvas Werken mit den Darstellungen eines schwarzen und eines weißen Schafes. Beide tragen einen sogenannten „Knopf" in ihrem rechten Ohr: Das „Schwarze Schaf" eine goldene Creole als Zeichen der Versklavung. Das „Weiße Schaf" mehrere Siegerplaketten der Vermarktung und den Schriftzug „overkill", es scheint das schwarze neidisch zu beäugen.
Ein Wortspiel: „Schmierfink" und ein weibliches Porträt demonstrieren die gesprühten Kunstfertigkeiten. Einer der Writer hat sich die regionale belgische Fritte mit Schnurbart und Zylinder als Markenzeichen erkoren. Das Resultat der Live Performance ist ein Lazy charakteristischer Autonomer mit einer Pink-Rose.
Beschwingt machen wir uns auf den Heimweg während über Aachen ein pinkfarbener Hubschrauber seine Bahnen zieht.
Was bietet die Kunstroute noch?
Ein KuKuK der besonderen Art hat sich auf der Grenzstation Köpfchen eingenistet. KuKuK: „Kunst und Kultur im Köpfchen" bilden auf der Eupener Straße 420, also 209 Häuser neben uns und eine halbe Stunde Fußweg die „Grenzkunstroute 011 – ÜberGriffe" mit einem türkischen Schuhputzer, einem Landartfestival und dem Schülercircus „Configurani."
Dort wird ein Leuchtturm als Stangenlabyrinth auf- und abgebaut, „eine himmlische Sondierbohrung nach Erkenntnis".
Am Sonntagmorgen schwebt um 8 Uhr ein Heißluftballon der Aachener Zeitung mit lautem Gasschub über uns hinweg. Heute wollen wir uns die Hochschule in Angriff nehmen. Da Hanniballs Pfote verwundet ist, muss sich Vespertilio alleine auf Weg machen, aber ohne ihn ist es doof und macht keinen Spaß. So lässt er sich ein Jazz-Konzert entgehen, um schnell wieder zu Hause zu sein.
Der Lehrstuhl für Plastik der Architektur Fakultät präsentiert den „Locus Solus: Geheime Orte!" In dem Atelier in der Wüllner Straße befinden sich die Gipswerkstatt und die Werkstatt für Holzbildhauerei. Die Studenten sollen ein Gefühl für das Material und die Form bekommen. Die Künstler lassen sich u.a. von tierischen Behausungen inspirieren, um kuppelförmige Tonmodelle zu erzeugen. Es geht vom Mikrokosmos in Form von Mikroorganismen, Muscheln, Bonbons, Farbtuben, etc. zum Makrokosmos in Beton, Keramik, Holz oder Plastik. Es finden sich noch kinetische Installationen und abartig wirkende verrostete Plastiken.
In der Pontstraße präsentiert Erik Offermann seine Öllandschaftsmalerei in diffuser Optik, die er seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit anwendet. Die Signatur befindet sich auf der Rückseite der Gemälde, damit sie den Betrachter nicht stört. Zunächst geht der Künstler mit der Kamera beispielsweise durch den Aachener Stadtpark. Die Aufnahme setzt er im Atelier in seine typischen Gemälde um.
Mit der Ausstellung im Couven Museum „Das geheime Leben der Ornamente" werden Zeitzeichen gesetzt wie aus einem anmutigen Ornament makabre Phantasiegestalten werden. Bis auf eine fliegende Schildkröte in Miniatur Manier à la Leonardo begegnen einem nur Horrorinsekten. Man fragt sich hier unwillkürlich nach dem Protegé einer solchen Darbietung und welches kranke Gehirn von einer idealen realen Vorgabe zu einer derartig realen Horrorphantasie fähig ist.
In der Elisengalerie heißt es in schwarz-weißen Aufnahmen „Bonjour Tristesse". Gerd Bonfert thematisiert in Form analoger Photographie „Nur zwei Dinge".
Die Aachener Volkshochschule untermalt ihr Studium Generale mit den typischen Kästen-Werken von Mary Bauermeister als Studiengalerie „Renaissance of Optics".
Ein erlebenswertes Wochenende im September 2011 neigt sich dem Ende zu mit einer Kaiserstadt am Puls der Zeit!
Abends begegnet Hanniball seinem ersten Igel. Der kleine Geselle sitzt putzmunter auf der Wiese und reckt sein Schnäuzchen. Hanniball guckt ihn vergnügt an. Die Natur erzeugt eben doch die schönsten Kunstwerke.
©RMS-Scriptorin, alias: Rosa-Marita Schrouff.