Digitalkamerakauf
Sind analoge Kameras rar geworden? Die Preise für analoge Film- und Fotoentwicklung explodieren, was auf geringe Nachfrage schließen läßt. Scheinbar werden auch nur noch digitale Kameras wirklich weiterentwickelt. Wer noch keine digitale hat, kauft sich eine. Sicherlich kann man einfach zur Ladentheke stapfen und das erstbeste Fotomaschinchen mit nach Hause schleifen. Um dann später festzustellen, daß man doch das andere Modell hätte in den Korb legen sollen.
Damit solche Fehlkäufe erst gar nicht vorkommen, denkt sich der Konsumfuchs am besten schon vor dem Gang an den Bezahlaltar durch die Kriterien, die bei der Wahl der Digitalkamera wichtig sein könnten. Anregungen für den Denkprozeß liefern die folgenden Absätze, wobei wirklich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird.
Manchmal stellt sich die Frage erst im Laden. Häufig aber schon vorher: Was muß ich beim Kauf einer Digitalkamera beachten, fragt sich dann der angehende Fotograf. Die Werbung macht es dem Ratlosen auch nicht leichter. Üblicherweise übertrumpfen sich auf bunten Anzeigeplakaten die Anbieter digitaler Kameras mit Millionen-Pixel-Rekorden. Aber kommt es wirklich darauf an? Was sind die Kriterien, nach denen sich die den persönlichen Ansprüchen näheste Fotoapparatur finden läßt? Im Grunde ist jeder Kamerakauf ein Kompromiß aus drei Kriterien: Bildqualität, Anwendungsqualität und Preis. Und los geht es mit den Details:
Als Aspekt Nummer eins soll hier die Bildqualität betrachtet werden. Es geht um das optische
Digitalkamera-Zoom, die Bildauflösung und um die Eigenschaften des bildgebenden Microchips. Auf das elektronische Zoom soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Für ernsthafte Fotografie ist das eher ein Ärgernis als etwas, wofür man Geld ausgeben möchte. Der im Objektiv entstehende Zoom stellt in der Regel einen Ausgleich folgender Interessen dar: Die möglichst hohe Lichtdurchlässigkeit steht in Konkurrenz mit dem Bedürfnis nach geometrisch korrekter Bildwiedergabe. Während für eine hohe optische Durchlässigkeit optimalerweise weniger Linsen verbaut werden, ermöglichen mehr Linsen eine bessere Korrektur. Alternativ verbessern auch höhere Linsenreinheit und feinere, mechanische Abstimmung die genannten wichtigen Objektivparameter. Das ist es auch, was das Objektiv einer Spiegelreflex- von dem einer Kompaktkamera unterscheidet - die Reinheit der Linsen und die optimierte mechanische Abstimmung.
Dazu kommt noch, daß die Fähigkeit einer Kompaktkamera, das Zoom einzufahren, in Konkurrenz zu dem Wunsch steht, alle zur optischen Korrektur nötigen Linsen einzubauen. Die technologische Herausforderung beginnt an der Stelle, wo die Optik sowohl grobschlächtig im Zentimeterbereich hin- und hergefahren wird um später möglichst mikrometergenau fein die Linsen zu justieren. Hat das Licht das Objektiv passiert, setzt der bildgebende Mikrochip daraus Punkt für Punkt das Bild zusammen. Dabei determiniert die Bildauflösung die Bildgröße. Besonders hohe Auflösungen werden für den Druck benötigt, wobei Auflösungen jenseits der 9 Mio. Punkte für den Großflächendruck geeignet sind. Das ist ungefähr auch die aktuelle Grenze bei Kompaktkameras, zu denen Aufnahmen mit passabler Bildqualität erzeugt werden können. An dieser Stelle klinkt sich die ultrakleine Chiplogik für Sie aus. Gleiche Bildgüte mit mehr Bildpunkten gibt es in den zweieinhalbtausend Euro teuren Spiegelreflexkameras mit den größeren, weil kleinbildformatigen, Bildsensorchips.
Neben der Bildqualität spielt die Anwendungsqualität eine entscheidende, für manche Fotografen sogar die Haupt- Rolle. Dabei geht es um alles, was das Leben mit der Kamera erleichtert oder eben auch nicht. Was nützt die allerbeste Kamera wenn man sie nie mitnimmt, weil sie zu schwer oder zu groß ist? Und was bringt dieses riesige Super-Black-hast-Du-nicht-gesehen-Display, mit dem sich das hochauflösende Meisterporträt praktisch in Druckauflösung genießen läßt, wenn zwei Minuten so einer Vorführung die Akkus leersaugen. Die Anwendungsqualität mag auch die Wünschelrute sein, die sicher durch den langen Entscheidungsweg führt, auf dem die Wahl zwischen Kompaktkamera und Spiegelreflexboliden fällt. Nicht umsonst heißen die kleinen, leichten Knipsis kompakt. Auf der anderen Seite läßt sich mit Spiegelreflexos auch akkuschonend prima mit ausgeschaltetem Display fotografieren. Auch hinsichtlich der Aufnahmelatenz und überhaupt dem gesamten Zeitverhalten sind die Großen meistens überlegen.
Wie bei jeder anderen Kaufentscheidung spielt natürlich auch bei Digitalkameras der Preis eine entscheidende Bedeutung. Allerdings gibt es kaum ein Konsumgut mit einer solchen Bandbreite an Preisen und den damit verbundenen Funktions- und Qualitätsunterschieden. Während Kompaktkameras ab 70 Euro zu haben sind, wenn man mal die Pappschachteln mit Auslöser ignoriert, können Spiegelreflexkameras mit ihren Objektiven leicht einige tausend Euro kosten. Tatsächlich sind durchaus Konfigurationen denkbar, in denen das Objektiv ein Vielfaches des Gehäuses kostet. Ab 450 Euro präsentieren sich die auch Body genannten technischen Wunderwerke in den Läden. Für rund 1000 Euro werden sehr ausgewogene Spiegelreflexkamerakonfigurationen inklusive eines 18-200 mm-Objektives angeboten. Ab 250 Euro gibt es recht anspruchsvolle, ebenfalls sehr ausgewogene Kompaktkameramodelle.
Wie wir gesehen haben spielt bei der Wahl der den persönlichen Ansprüchen am ehesten genügende Digitalkamera neben dem Preis auch die gewünschte Bildqualität und der Komfort in der Anwendung eine entscheidende Rolle. In dem Zusammenhang mag der Gedanke beruhigen, daß sich auch Profis durch dieselben Entscheidungsfahnen quälen dürfen wie der Hobbyfotograf von nebenan. Und hier kommt das non plus ultra Balsam für die Seelen aller Normalsterblichen mit begrenztem Budget. Wer schon immer eine Spiegelreflex sein Eigen nennen mochte, sich aber doch nur eine Kompakte leisten konnte möge doch nur mal zusammenrechnen, wieviel Kilogramm pro Sekunde er oder sie weniger durch Fotostreifzüge schleppen mußte. Wer sich als stolzer Spiegelreflexbesitzer jetzt Gedanken über Haltungsprobleme macht, erinnere sich der genialen Fotos auf eigenen Datenspeichern - jedes ein Kunstwerk mit seiner eigenen Entstehungsgeschichte. Jedem die seine, eben.
Bert Huck