Diskussionen um das Kopftuch in Schule und Öffentlichkeit
Ein rechts orientierter Mann und seine Meinung über die muslimische Kopfbedeckung. Denkt nur er so, oder gibt es womöglich auch in intellektuellen Kreisen Vorurteile? Eine persönliche Begegnung.Es ist spät. Ich habe gerade mehrere Stunden in der Fachbereichsbibliothek gesessen und am letzten Schliff meiner Hausarbeit gearbeitet. Morgen ist schon die Abgabe und ich gehe im Kopf während meiner Fahrt quer durch Neukölln im Bus noch einige Details durch. Rücken an Rücken sitze ich mit einem Mann, der in Begleitung seiner zwei Töchter und seiner Frau zu sein scheint. Plötzlich, ich bin mit den Gedanken noch bei einer AGB-Kontrolle, furzt der Mann hinter mir so laut, dass sich mehrere Leute nach ihm umdrehen. Der Gestank seines Gases verbreitet sich unangenehm im Bus. Ich denke mir nicht viel dabei. Natürlich finde ich es, wie die anderen Fahrgäste auch, sehr unangenehm, doch das ist ja irgendwo auch menschlich, denke ich mir und möchte mich gedanklich gerade wieder meiner Inhaltskontrolle zuwenden als die Tochter des besagten Mannes lauthals gegen den Vater protestiert: „Iieh, du Sau, bist du pervers. Was sollte denn das?".
Lautes Gelächter der Mädchen hinter mir. Sie meinen es mit ihrem Protest wohl nicht sonderlich ernst. Doch dann bin ich schockiert. Gerade noch auf Grund der Konzentration und Beschäftigung mit meiner Hausarbeit leicht errötet, weicht mir im nächsten Moment die ganze Farbe aus dem Gesicht. „Wieso ich?", fragte der Mann, der mit dem Rücken zu mir sitzt, „Nicht ich, die mit Kopftuch, hinter mir!", fügte er unverhohlen hinzu. Ich bin schockiert. Was soll ich dazu sagen? Soll ich überhaupt antworten, auf irgendeine Weise reagieren? Ich bin perplex, müde und vor allem wütend. Nicht schon wieder, denke ich mir und überlege mehrere Busstationen, was ich tun kann. Eigentlich nutze ich die Zeit um mich etwas abzureagieren. Vergeblich.
„Du hättest ja antworten können: „Nein, das hätte ich besser gekonnt als Sie, aber meine Erziehung erlaubt mir so etwas nicht."", schlägt meine Mutter mir am Abend vor. Aber so etwas wäre mir in meiner Verzweiflung im Traum nicht eingefallen. Reagiere ich über, denke ich mir? Endlich steht die Familie hinter mir auf und wendet sich der Tür direkt vor mir zu. Ich schaue den Mann mit funkelnden Augen, immer noch sauer und mit zitterndem Körper an. Er schaut nicht zurück. Dann fällt mir auf, dass der kräftige und groß gewachsene Mann mit Bierbauch Springerstiefel an hat und einen metallenen Reichsadler an seine Jacke geheftet hat. Nun ja, denke ich, anscheinend bist du da einem bekennenden rechtsradikal orientierten Menschen über den Weg gelaufen.
So jemand ist ja in Neuköln eher selten, versuche ich mich zu beruhigen. Und vor allem: Gut, dass du lieber nicht geantwortet hast, wer weiß wie diese Person reagiert hätte? „In Neuköln eher selten...", geht es mir noch einmal durch den Kopf und fast gleichzeitig sehe ich das Gesicht meiner ehemaligen Oberschulleiterin vor mir. „Betül, wir müssen uns mal über dein Scheiß Kopftuch unterhalten", hatte sie mir nach einer von mir organisierten Podiumsdiskussion gesagt. Und noch viele andere Gesichter folgten...
Betül Ulusoy