Osteopath Kai Haag
Viele Menschen leiden regelmäßig unter Rücken-, Kiefer-, Kaumuskel-, Kiefergelenk-, Nacken- oder Kopfschmerzen, haben Geräusche im Kiefergelenk oder Tinnitus. Diese Symptome können, wie auch Schmerzen hinter den Augen, Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen oder andere muskulären und/oder gelenkbezogenen Schmerzen, Merkmale einer so genannten Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) sein.Die Craniomandibulären Dysfunktion umfasst alle schmerzhaften und nicht schmerzhaften Beschwerden, die auf strukturelle, biochemische und psychische Fehlregulationen der Muskel-, und/oder Kiefergelenkfunktion zurückzuführen sind. Ursache der CMD ist meist, dass sich das Zusammenspiel der weichen und festen Strukturen der Kopfregion in einem Ungleichgewicht befindet, die Muskulatur verspannt und fortan Schmerzen erzeugt.
Auslöser sind oftmals eine anhaltende psychische Anspannung in Beruf und Familie, mangelnde körperliche Aktivitäten, eine nicht ausgewogene Ernährung sowie Schlafstörungen. Schmerzen im Mundbereich können jedoch ebenso die Folge von Kieferfehlwachstum, Karies oder Erkrankungen des Zahnhalteapparats sein. Auch Kieferregulierungen, Füllungen oder Zahnersatz können die natürliche Anpassungsfähigkeit der beteiligten Gewebe in der gesamten Kopfregion überbeanspruchen und eine CMD verursachen.
Spezialisten erforderlich
Hierzulande ist die Craniomandibulären Dysfunktion noch weitgehend unbekannt. Selbst viele HNO-Ärzte, Orthopäden und Zahnärzte lassen unberücksichtigt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Bewegungsapparat und der Craniomandibulären Dysfunktion geben kann, wenn etwa das Zusammenspiel der Zähne von Ober- und Unterkiefer nicht funktioniert und zu einer fehlerhaften Bisslage führt. Wer berücksichtigt, dass nächtliches Pressen und Knirschen eine Kaubelastung von 400 bis 800 Newton erzeugt, kann sich vorstellen, dass der Druck die umliegende Muskulatur belastet und auf Dauer zu Verspannungen und Schmerzen auch in anderen Teilen des Stütz- und Bewegungsapparates führen kann.
Um die Wahrscheinlichkeit chronischer Beschwerden zu minimieren und die Heilungschancen zu vergrößern, ist es Betroffenen zu empfehlen, möglichst frühzeitig einen qualifizierten CMD-Therapeuten aufzusuchen. Auf der Website des CMD-Dachverbands finden Interessierte einen Therapeuten in ihrer Region. In der Regel arbeiten die CMD-Behandler fachübergreifend mit Therapeuten zusammen. Dies können Ärzte, Zahnärzte sowie Osteopathen und Physiotherapeuten sein.
Zu Beginn der Behandlung erfolgt ein ausführliches Anamnesegespräch, dann eine ganzheitliche manuelle Funktions- und Strukturanalyse. Dabei untersucht der Behandler mit seinen Fingerspitzen die unterschiedlichen Kau- und Kopfmuskeln auf empfindliche Verhärtungen, da diese häufig die Ursache von Schmerzen an anderen Körperstellen sind. Dann wird die Druckempfindlichkeit des Kiefergelenks vor den Gehörgängen überprüft, um Entzündungen der Gelenkkapseln zu ermitteln.
Auch die Körperhaltung des Patienten wird wie die Drehung, Kippung und Neigung des Kopfes untersucht. Besteht eine Störung des Bisses kann die Diagnose mithilfe eines Kau-Simulators erfolgen. Schmerzphysiologische und –psychologische Erhebungen runden die Untersuchungsphase ab. Nur bei sehr komplexen Krankheitsbildern werden weitere apparative, radiologische und/oder psychologische Verfahren notwendig.
Interdisziplinäre Behandlung
Die Behandlung erfolgt - abhängig von der Diagnose - meist durch mehrere Therapeuten, die interdisziplinär zusammenarbeiten. Häufig besteht die Behandlung zunächst in einer zahnärztlichen Basistherapie, um Körper- und Mundstatik wieder zu harmonisieren. Knirscht und presst ein Patient mit den Zähnen, erhält er für die Nacht eine mit dem Physiotherapeuten oder Orthopäden abgestimmte Funktions-Schiene.
Mithilfe von Akupunktur, Schmerzphysiotherapie, Naturheilkunde und Entspannungsmethoden werden muskuläre Verspannungen bzw. Schmerzen reduziert. Ergänzend bekommt der Patient Anregungen, wie er etwa durch eine entsprechende Ernährung und ein Ausdauertraining sowie mithilfe von Dehn- und Entspannungsübungen den Behandlungsverlauf unterstützen kann. Bei Bedarf können schmerzlindernde, entzündungshemmende, muskelrelaxierende oder schlaffördernde Medikamente angezeigt sein, um die Lebensqualität des Betroffenen zu bessern und um zu verhindern – dies aber nur, damit die Schmerzen nicht chronisch werden.
Autor: Kai HaagKai Haag ist Osteopath, Physiotherapeut sowie CMD-Therapeut am interdisziplinären Institut für Prävention und Gesundheit in Bad Waldsee
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