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Konrad Stöcklin: Anatomie eines Justizmordes 1586

Autor: hapemetzold | Erstellt am: 11.07.2013 | Gelesen: 1847
Kategorie: Menschen & Biographien | Bewertung: rateArateArateBrateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Justizopfer aus Oberstdorf

Hexenverbrennung nach einem mittelalterlichen Flugblatt
Hexenverbrennung nach einem mittelalterlichen Flugblatt

Oberstdorf ist als wunderbarer Ferienort geschätzt. In Oberstdorf mit der Bergkulisse im Hintergrund erscheint die südlichste Stadt Deutschlands als Paradies auf Erden. Doch auch hier schreien die Steine ob des Blutes Unschuldiger, das hier vergossen wurde. Die Hexenverfolgung, ein finsteres Kapitel in der katholischen Kirchengeschichte, hat auch hier mindestens 15 Menschenleben gekostet. So auch das Leben des 37-jährigen Oberstdorfer Hirten Konrad Stöcklin.

Mit der Marktrechtsurkunde des Königs Maximilian erhielt Oberstdorf 1495 Wochen- und Jahrmärkte sowie ein Gericht und einen Galgen. Danach sollten die Richter unparteiisch Recht sprechen und alle Handlungen vor Gott verantworten können. So befahl es der König. Doch die Praxis sah ganz anders aus.

Der Gott der Bibel steht für Liebe zu den Menschen und Vergebung und hat stellvertretend für die Schuld aller Menschen seinen Sohn Jesus geopfert. Jesus starb, damit jeder, der an ihn glaubt, Vergebung für jede Form der Schuld bekommt, ganz gleich wie abartig und monströs diese Schuld auch sein sollte. Doch die katholische Kirchenspitze des Mittelalters pervertierte die Liebe Gottes zu einem System der Vernichtung für Abertausende. Tausende von Beamten waren Teil der Tötungsmaschine und gehorchten nicht Gott, sondern katholischen Hierarchen.

Den Oberstdorfer Konrad Stöcklin und viele andere hat letztlich der Bischof von Augsburg auf dem Gewissen. Und viele Namenlose halfen ihm dabei, das Unrecht durchzusetzen.

Am 29. Juli 1586 muss er sich erstmals in einem Verhör rechtfertigen. Die Verhörakten dokumentieren detailliert Fragen und Antworten sowie Folterinstrumente in späteren Verhören, die die gewünschten Antworten erzwingen sollten.

Zuerst wie bei jedem Verhör die Angaben zur Person: 37 Jahre, verheiratet, zwei Kinder von ursprünglich sieben, die bereits bei der Geburt oder später verstarben. Wohnort ist Oberstdorf. Sein auffälligster Besitz eine Kuh. Sein Beruf Hirte in Diensten der Gemeinde Oberstdorf: Rosshirte. Also ein armer und ungebildeter Mann.

Der Vorwurf: Ein toter Ochsenhirte aus Oberstdorf Jakob Walch soll ihm 1578 erstmals und dann später immer wieder erschienen sein. Bei diesen Kontakten würde seine Seele den Körper verlassen und dann nach zwei bis zweieinhalb Stunden manchmal unter Schmerzen wieder in den Körper zurückfahren.

Möglicherweise war Stöcklin Epileptiker. Vielleicht hatte der einfache Mann ohne höhere Schulbildung einfach zu viele Gespenstergeschichten gehört und schließlich geglaubt. Oder es handelte sich tatsächlich um eine okkulte Praktik. Dies war der Vorwurf und das vorweggenommene Urteil seiner Ankläger. Das Verhör des Gefangenen sollte nicht die Wahrheit ans Licht bringen, sondern allein ein Geständnis im Sinne der Anklage erpressen.

Diese Tendenz erkannte auch Konrad Stöcklin und versuchte sich in seinen Antworten, in ein besonders gutes katholisches Licht zu setzen, und denunzierte andere Oberstdorfer als Hexen und Hexer. Diese Doppelstrategie sagte den Verhörern nicht zu. Deshalb sollte eine zweite und dritte Befragung zu 146 Punkten erfolgen. Dieses Mal jedoch in Gegenwart des Scharfrichters, der dem Verhörten seine Folterwerkzeuge schon einmal vorführte, ohne sie jedoch bereits tatsächlich einzusetzen. Der Scharfrichter war ein hochqualifizierte Experte darin, den Opfern größtmögliche Qualen zuzufügen, ohne sie dabei zu töten. Auch dies eine totale Perversion des göttlichen Gebots der christlichen Nächstenliebe. Jesus trat nur einmal als Gewalttäter auf, als er die Geldwechsler aus dem Tempel trieb und peitschte.

Der arme Konrad Stöcklin blieb seiner Doppelstrategie treu: sich selbst gut verkaufen und andere zu denunzieren. Wohl aus Angst vor der angedrohten Folter denunzierte Stöcklin weitere Personen, u.a. auch die eigene wahrscheinlich bereits tote Mutter.

Nun machten die Verhörer mit ihrer Folterdrohung ernst und ordneten nun tatsächliche Folter an. Der Scharfrichter muss ausweislich des Folterprotokolles ein Meister seines Faches gewesen sein oder er konnte sich gut verkaufen. Jedenfalls fürchteten die Beamten, dass Stöcklin versterben könnte, nachdem ihm die Haut vom Unterleib bis zum Kopf vollständig abgebrannt worden war. Trotz allem kamen die Folter zu keinen neuen Erkenntnissen. Dessen ungeachtet wurde er am 23. Januar 1587 zusammen mit einer weiblichen Gefangenen bei lebendigem Leibe verbrannt.

Hape Etzold
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