Busaufschrift in Washington D.C.
Das fliederfarbene Meer und die „blaue Präsidentin"
Offizielle Angaben sprechen von 30.000 Gästen der Veranstaltung. Die Veranstalter wollen über 100.000 Gäste aus der ganzen Welt gesehen haben. Um sich von der „grünen Bewegung" im Iran zu unterscheiden, hat der sich als Sammelbecken der Exilopposition betrachtende Widerstandsrat, seine Besucher in einen hellen fliederfarbenen Dresscode gekleidet. Medial wie ein Staatsereignis organisiert und sehr diszipliniert durchgeführt, haben die Vertreter der Volksmodschahedin, die den Hauptteil des NWRI ausmachen, deutliche Signale an die Führung im Iran ausgesandt.
Die Modschahedin waren ursprünglich eine Maoistische Organisation, die später islamische Elemente in ihre Ideologie integriert haben. Im Westen betreiben sie seit über dreißig Jahren Lobbyarbeit für ihre Organisation und stellen sich selbst als einzige ernst zu nehmende Alternative zu dem System des Velayat-e-faghi im Iran vor. Im Iran wurden sie nach der Revolution von 1979 nach und nach von der Macht verdrängt. Dann kamen sie in der Zeit von Khatami und Clinton auf die Terrorliste der Europäer und Amerikaner. Das Europaparlament hat die Modschahedin mittlerweile wieder von der Terrorliste gestrichen, während eine große Gruppe von Kongressabgeordneten sich für das gleiche Ziel in den USA einsetzen.
Marjam Rajavi, die sich als Präsidentin Irans im Exil geriert, hofft, die Vertreter des Regimes im Iran davon zu überzeugen, dass die Modschahedin im Westen viel Einfluss gewinnen konnten und ein ernst zu nehmender Gegner sind. Weiterhin zielt sie in den Iran, wohin die Botschaft geht: „Leute seht her, die Mojahedin setzen sich für euren Freiheitskampf ein und sie haben starke Verbündete." Schließlich will man auch diejenigen Kräfte in den USA von sich einnehmen, die noch Vorbehalte gegenüber den Mojahedin haben. Rajavi, die bei der Veranstaltung als blau gekleidete Kontrast zu der fliederfarbenen Masse wirkte, präsentierte die Unterstützung von 3500 Parlamentariern aus 25 Parlamenten der ganzen Welt.
Die Falken und die Tauben
Die Rolle der als Falken bezeichneten John Bolton, José Maria Aznar und Alejo Vidal Quadras ist etwas zwiespältiger. Quadras, der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, setzt sich schon einige Jahre für die Modschahedin ein und bezeichnet sich selbst als Modschahedin. Er wettert regelmäßig gegen das Mullah Regime im Iran und führt einen engagierten Kampf für die Belange der Modschahedin auch im Camp Aschraf im Irak. Er gehört einer zentralistischen konservativen Partei in Spanien an.
Sowohl Bolton als auch Aznar sind als Neocons bekannt, die beide den Einmarsch in den Irak voll unterstützt haben. Manche Kommentatoren sehen das Auftreten der beiden in Taverny bei Paris als Drohgebärde gegenüber Iran. Andere deuten die Botschaft martialisch. Sie behaupten, gewisse politische Kreis in den USA wollen die Weltbevölkerung auf ein militärisches Eingreifen im Iran vorbereiten und belegen ihre Behauptung mit allerlei Details. So fahren in Washington D.C. Busse mit einem Bild Ahmadinedschads und der Aufschrift: „They are killing people
We are not against the Iranian people, but their state spreads the terror in the world." (Sie ermorden Leute. Wir sind nicht gegen das iranische Volk, aber ihr Staat verbreitet Terror in der Welt.) Der Auftritt Aznars und Boltons soll die Modschahedin salonfähig machen und sie als sofort einsetzbare Regierung in Stellung bringen, wenn das Regime mit Gewalt zu Fall gebracht wurde, so die Vertreter dieser These.
In den USA müssten die Antreiber eines solchen Plans noch die Demokraten überzeugen und das werden sie wohl, je eher die jüngsten Sanktionen gegen den Iran zu keinen erwünschten Ergebnissen führen sollten. In Europa müsste sich im Parlament die Fraktion der Befürworter der Modschahedin durchsetzen. Ihnen gegenüber steht im Moment noch die Fraktion derer, die an sanfte Reformen innerhalb des Systems und Dialog mit dem Iran glauben. Sie stehen hinter Mitgliedern des Systems, die eine sanftere Version des Regimes mit Mousavi an der Spitze wünschen.
Leider haben Vertreter der aufgeklärten iranischen Zivilgesellschaft, die sich eine Staatsform wünschen, die der Bevölkerung mehr politische Rechte einräumt und eine Trennung zwischen Staat und Religion ermöglicht, keine gewichtige Lobby in Europa, obwohl sie zahlreich sind. Ihr Wahlspruch heißt „ma bishoumarim" (wir sind Unzählige) und „Referendum, Referendum, Referendum." Sie halten die Zeit für reif, der iranischen Bevölkerung ihre Souveränität zu geben und die Möglichkeit unter internationaler Aufsicht selbst in einem Referendum für die zukünftige Staatsform zu stimmen.
Helmut N. Gabel,
mehriran.de