Ich versuchte der Mutter einerseits zu vermitteln, dass Kinder in diesem Alter immer auch noch auf die Anwesenheit von Erwachsenen angewiesen sind oder mindestens auf das Gefühl, von ihnen gesehen zu werden, in dem, was ihre Situation ausmacht. „Haben Sie denn Ihrer Tochter schon einmal gesagt, wie dankbar Sie sind, dass sie das alles so gut mitträgt und dass Sie eigentlich wissen, dass sie damit noch überfordert ist? Haben Sie ihr dafür schon einmal als Ausgleich eine besondere Art der Zuwendung angeboten? Komm, heute am Samstag lassen wir es uns einmal ganz besonders gut gehen. Ich möchte dich massieren, mit dir ins Schwimmbad gehen, einen Ausflug mit dir machen, hören wie deine Woche war… ." Zum Anderen versuchte ich ihr zu sagen, dass es besser wäre, mit dem Kind fern zu sehen. Oftmals bräuchten die Kinder Unterstützung, um das, was sie am Bildschirm erleben, verarbeiten zu können. Im ersten Moment war die Mutter nicht in der Lage diese Handlungsangebote von mir aufzunehmen. Sie war ganz gefangen noch von dem komischen Gebaren ihrer Tochter, das ihr Nerv und Zeit raubt und zu dem sie dazu auch noch keinen Zugang findet. „Manchmal denke ich schon, dass sie regelrecht eine Angstkrankheit hat. Sie kann z. B. nur noch tagsüber aufs Klo.
In der Nacht vermeidet sie es, wie der Teufel das Weihwasser. Auch muss sie sich den ganzen Tag immer wieder die Hände waschen, weil sie das Gefühl hat, etwas angefasst zu haben, was sie dreckig macht." Ich könnte dieser Mutter sagen: „Das Kind will eben mit seinem Tagesbewusstsein kontrollieren, was es wieder hergibt. Da scheint soviel Unverdautes dabei zu sein, was ihr Angst macht, dass sie sich ihrem Körper nicht einfach anvertrauen kann. Das Kind kommt ja auch mit so vielen Dingen in Berührung, denen es noch nicht wirklich gewachsen ist, dass es verständlich ist, dass es diese am liebsten wieder abwaschen würde, um sie wieder loszuwerden. Das Kind bräuchte eindeutig Ihre wache Aufmerksamkeit als Mutter beim Verdauen dieser Erlebnisse, die es hatte und ebenso beim Bewältigen der Empfindungen, die es innerlich umtreibt. Natürlich bräuchte es auch einen mehr Halt und Wärme gebenden Rahmen." Es ist schwer, einer Mutter dies zu vermitteln, ohne ihr Schuldgefühle zu machen und ihr das Gefühl zu geben, dass sie eine schlechte Mutter ist. Im Grunde muss sie es Schritt für Schritt für sich selbst entdecken. Aber vielleicht wäre die Mutter am Ende froh, wenn sich ihr die Zusammenhänge erschließen würden, um die Angst ihrer Tochter herum. Denn möglicherweise hat die Mutter gerade einen solchen Anspruch, es mit dem Kind alleine schaffen zu müssen, die Aufgaben von Zweien übernehmen zu müssen und niemand sonst zu brauchen, dass sie sich selbst auch viel zu hart „an die Kandare" nimmt.
Die Kinder sprechen also in Bildern und Handlungen zu uns, die zunächst nicht unbedingt die Verbindung zu ihrer eigentlichen Angst offenbaren. Wir müssen hinhören, die Zeichen unserer Kinder aufmerksam wahrnehmen lernen und dürfen nicht alles, was sich in unserer erwachsenen Welt nicht gleich einordnen lässt, als Fantasiegebilde abtun. Wir dürfen die Bilder der Kinder aber auch nicht einfach mit unseren Bedeutungsgebungen überfrachten, sondern wir können sie dem Kind nur anbieten und müssen warten, wo unsere Versuche von Seiten des Kindes bestätigende Resonanz finden. Kinder plagen Verlustängste, Angst vor Selbständigkeit, Angst, sich schmutzig zu machen, Angst vor Körperkontakt, vor Fehlern, vor Krankheit und Tod, entführt zu werden, manchmal auch vor Schule, vor Prüfungen, vor Zahnarzt, davor, zu schnell zu wachsen oder vor Zurücksetzung. Sie haben Flugangst, Angst vor der Angst, vor Monster, vor Gespenstern, vor Ungehorsam, vor Gewitter und Donner, vor scharfen Gegenständen, vor Handschuhen, im Dunkeln, vor einem Umzug, davor, zu kurz zu kommen oder auch Angst vor medizinischen Eingriffen. Wenn sie Angst haben, haben sie eine flaue Leere im Bauch, schwabblige Knie, starkes Herzklopfen und sind begleitet von unruhigen Gefühlen rund um die Angst. All das gehört in den Alltag von Kindern, ohne dass wir gleich Schlimmstes befürchten müssten. Wenn wir uns den Ängsten der Kinder zuwenden, lösen sich die meisten recht schnell wieder auf.
Werden die Ängste der Kinder anerkannt, bilden sie im Laufe ihres Lebens dann ihre je besondere Art des Angsterlebens aus und entwickeln ebenso ihre individuellen Strategien, mit ihren Ängsten und ihrem Angsterleben umzugehen, wie der Erwachsene auch. Sie entwickeln also ihre je eigenen Angst- und Situationsbewältigungsstrategien.
Elterliche Haltung allerdings kann Angstbewältigung behindern. Was Kindern sicher nicht gut tut, wenn Eltern sie dazu auffordern, ihre Angstgrenzen zu ignorieren und allzu mutig zu überschreiten. Es ist aber genauso ungünstig, wenn Eltern ihren Kindern nicht zutrauen, dass sie mit ihren Ängsten fertig werden und einen kreativen Umgang mit ihnen finden. In der Biografie eines jeden Kindes gibt es auch entwicklungsbedingte und milieubedingte Angstsituationen, die das Kind zu bewältigen aufgerufen ist. Manchmal sind diese Situationen auch so angelegt, dass sie das Kind überfordern und es sie alleine nicht zu einer guten Lösung führen kann. Hier braucht es elterliche Hilfe, bleibt sie aus, fühlt sich das Kind in seiner Angst gefangen.
Wenig hilfreich sind auch Eltern, die überbehüten und dem Kind keinen Erprobungsraum zubilligen, in dem es altersentsprechend Erfahrungen machen kann, Eltern, die ihr Kind sehr eng an sich selbst binden, weil es sie vor eigenen Ängsten beschützen soll oder aber auch Eltern die ihrem Kind keinen Halt und keinen haltgebenden, überschaubaren Raum, - der vom Kind bewältigt werden kann -, zur Verfügung stellen und das Kind sich angstvoll in der Unbegrenztheit verliert. Auch fehlender Körperkontakt oder emotionale Leere kann ein Kind in der Angstbewältigung behindern.. In solchen besonderen Situationen, kann es geschehen, dass die Angst ein solches Ausmaß erreicht, dass sie ein normales Leben, einen normal gelebten Kinderalltag nicht mehr zu lässt. Schließlich wird die normale, gesunde Reifung des Kindes ja behindert. Nicht selten schützt das Kind die Eltern und sich selbst dann mit Nicht-Sehen, was zu einer Verschiebung der Ängste führen kann. Dann behindern die Ängste die Entwicklung, werden neurotisch oder pathologisch und verlieren ihre lebenserhaltende Schutzfunktion, sie können sogar das Kind in diesem Zustand schwächen, bedrohen und einschüchtern.
Nicht geliebt, angenommen, in der eigenen Entwicklung unterstützt und bestätigt zu werden, macht Kindern Angst. Sie betteln dann um Zuwendung und darum, gesehen und erkannt zu werden von den geliebten Eltern – wenn nötig mit destruktiv-störendem Verhalten. Spätestens dann schaffen es die meisten Eltern Gott sei dank, sich Hilfe zu holen, um besser zu verstehen, was in ihren Kindern vorgeht. Und das ist auch gut so.
Kinder bewältigen ihre Angst
So können Eltern helfenUrania VerlagISBN: 978-7831-6082-6Einband: kartoniertPreis: 12.95 €128 SeitenErscheinungsdatum: 1.3. 2008