(Online-Artikel.de) - Jeder Entwicklungsschritt, speziell in der Kindheit, wird begleitet von Angst.
Allzu oft versuchen wir – die Erwachsenen -, Kinder vor Situationen zu schützen, die ihnen Angst machen. Nicht selten wollen wir uns sogar selbst weismachen, dass die kindliche Welt voller Glück ist und Angst(-momente) nicht kennt. Gefühle der Angst zu meiden, nicht zuzulassen oder auszureden, führt jedoch nicht dazu, Angst als natürliche Emotion kennen zu lernen und mit ihr umgehen zu lernen.
Hier sollte aus meiner Sicht elterliche Begleitung ansetzen. Es ist für die Kinder wichtig, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen, sie kennen zu lernen und sich ihnen zu stellen. Das können sie aber nur, wenn wir als Erwachsene die Wirklichkeit ihrer Ängste anerkennen, wenn wir versuchen mitfühlend zu verstehen, wie es ihnen in der Konfrontation mit ihren Ängsten geht und wenn wir sie darin unterstützen, Rüstzeug zu entwickeln, mit dem sie die Angst als Partner akzeptieren und nutzen lernen. Denn Angst führt auch zu Mut und Stolz, wenn sie überwunden wird!!
Wovor nun haben Kinder Angst? Sie haben Angst vor dem Alleinsein bzw. vor dem Verlassen werden. Sie haben Angst vor Ablehnung und Liebesentzug, Angst davor, die Eltern könnten sich trennen. Sie haben Ängste, die den eigenen Körper betreffen und sie erzählen immer wieder Träume, die ihnen Angst machen. Kinder haben Angst vor Dunkelheit und vor dem Einschlafen.
Die Ängste der Kinder unterscheiden sich kaum von denen der Erwachsenen.
Kinder erleben ihre Ängste allerdings sehr oft sehr viel intensiver noch als Erwachsene und fühlen sich ihnen noch stärker ausgeliefert, ähnlich einer Nussschale, die auf dem aufgewühlten, offenen Meer hin und her geworfen wird. Kinder sind von ihren Ängsten zuweilen ganz besetzt und ausgefüllt.
Kinder „sind ihre Ängste" mit Haut und Haaren, während Erwachsene Ängste haben. Erwachsene können ihre Ängste reflektieren, sich von ihnen distanzieren, ihnen einen bestimmten Platz einräumen oder auch zuweisen, sie können ihre Ängste kontrollieren und sogar ignorieren. Sie können mit ihrer Angst ein ernstes Wörtchen reden und sie können ihrer Angst gut zu reden. Sie können sich Mut machen und sich trösten. Sie können all dies, weil sie schon viele Erfahrungen mit Angst gesammelt haben und dadurch ein Gespür dafür haben, wie sie mit ihren Ängsten am Besten umgehen, um sie zu besänftigen und um ihnen einen hilfreichen Platz einzuräumen. Sie wissen genau, ob sie eher streng sein müssen mit ihnen oder eher einfühlsam sein und darauf eingehen dürfen.
Kinder haben noch nicht so viel Erfahrung mit ihren Ängsten und oft entzieht sich ihnen auch der Grund dafür, warum sie Angst haben. Während der Erwachsene Ursachenforschung betreiben kann und aufgrund seines Erfahrungsschatzes dann auch zu Schlüssen kommen kann, woher die Angst kommt, ist das Kind darauf angewiesen, dass wir es darin unterstützen, Gründe für seine Angst zu finden und vor allen Dingen den Bedeutungsrahmen um die Angst herum so verändern zu helfen, dass das Kind mit der Angst weiter leben kann und es nicht von ihr blockiert und vom Leben abgehalten wird.
Was aber, wenn sich ein Kind nicht wahrgenommen und verstanden fühlt mit seiner Angst? Oder noch schlimmer, was, wenn Eltern die ureigensten Bedürfnisse ihrer Kinder gar nicht wahrnehmen oder erkennen und deshalb Bedingungen schaffen, die das Kind überfordern oder unterfordern? Haben die Kinder deshalb Angst, weil die Bedingungen nicht kindgerecht oder nicht altersgemäß sind, dann werden die Eltern natürlich auch kaum einen Zugang zu den Ängsten ihres Kindes bekommen, weil diese ja darauf beruhen, dass nicht gut für sie gesorgt ist. Kinder behalten Ängste, die solche Wurzeln des elterlichen Nichtwissens haben, für sich, schon allein auch deshalb, weil sie sich ein gutes Elternbild bewahren wollen. Kinder fühlen sich paradoxerweise im schlimmsten Falle sogar noch schuldig dafür, dass sie solche Ängste haben. Sie machen diese Ängste oftmals mit sich aus. Für das Kind fühlt sich das an, als ob es sein Haus mit einem Tiger teilt.
Tiger sind unberechenbare Raubkatzen, sie reißen auch dann, wenn sie gar keinen Hunger haben. Sie können sich vorstellen, wie diese inneren Empfindungen, den Alltag des Kindes dann mitbestimmen. Wer Angsterregendes von außen oder innen nicht steuern kann, kann kein selbstbewusstes Eigengefühl entwickeln. Kindliche Ängste zeigen sich dann als Ausweg oft indirekt über Bilder, die sie aus dem Inneren heraus kreieren. Die Kinder haben dann Angst vor Hexen, Wölfen, Gespenstern, vor Handschuhen, vor der Dunkelheit, vor Blut, vor bärtigen Männern, vor scharfen Gegenständen, vor Zwergen und Riesen oder gar vor Kröten und Ratten. So beklagte sich einmal eine alleinerziehende Mutter bei mir recht unwirsch und ungeduldig über die Ängste ihres Kindes.
Ihre Tochter habe eine recht rege Fantasie. Es sei furchtbar, was sich ihr Kind so alles zusammenreime. Sie wundere sich, wo es all diese Geschichten und Spinnereien her hat. Sie habe gar keine Lust, sich mit diesen Hirngespinsten zu befassen. „Immer wieder sage ich ihr, es gibt keine Hexen oder du brauchst keine Angst haben vor irgendwelchen Drachen und Ungeheuern, trotzdem hört das Kind nicht auf, sich an mich zu klammern, sobald ich zuhause bin. Also von mir hat sie das nicht. Auch kann sie ohne mich nicht einschlafen. Aber wenn ich müde von der Arbeit komme, möchte ich nicht gerade die restliche Zeit im Bett meiner Tochter verbringen. Wenn ich es tue, schlafe ich meist selbst ein und der Abend ist für mich gelaufen."Über mein Nachfragen stellt sich heraus, dass das 8-jährige Mädchen über weite Strecken des Tages auf sich allein gestellt ist. Es schaut über Stunden fern und das kreuz und quer, nicht nur, wenn die Mutter nicht da ist, sondern auch, wenn die Mutter da ist und es schaut immer allein. Es nimmt offensichtlich viele Bilder und Geschichten in sich auf, für die es noch nicht reif ist.