Was den Wikingern einst recht und billig war, bringt bei einigen ihrer Nachfahren heute die Familienplanung durcheinander. Die Bewohner der im Nordatlantik gelegenen Färöer-Inseln laben sich, wie ihre Vorfahren, gerne am Fleisch von Grindwalen und Delfinen. Neben den Norwegern sind sie die einzigen Europäer, die regelmäßig Fleisch von Meeressäugern konsumieren. Sie täten gut daran, dies sein zu lassen. Grindwalfleisch ist eigentlich Sondermüll, vollgestopft mit Umweltgiften wie Quecksilber, PCB (polychlorierte Biphenyle), Kadmium und Pestiziden wie Dieldrin, die sich bei den am Ende der Nahrungskette stehenden Zahnwalen im Körper anreichern.
Fast ein Jahrzehnt intensiver Forschung hat ergeben, dass die rund 45 000 Bewohner der Schafsinseln auffallend hohe Konzentrationen der bei Grindwalen nachgewiesenen toxischen Stoffe aufweisen. Riskant ist dies besonders für Kinder, wie eine von Wissenschaftlern der Universität Odense, Dänemark, durchgeführte Langzeitstudie zeigte. Die von Philippe Grandjean angeführte Forschergruppe nahm 1022 werdende Mütter genauer unter die Lupe und untersuchte über Haarprobenanalysen deren Quecksilberbelastung. An 917 der geborenen Kinder wurden dann im Alter von sieben Jahren umfangreiche Verhaltensstudien durchgeführt. Die Wissenschaftler stellten bei ihnen Sprach-, Konzentrations- und Erinnerungsstörungen fest; typische Symptome einer Quecksilbervergiftung. Der Effekt war umso größer, je stärker die Mütter während der Schwangerschaft mit dem Umweltgift belastet waren.
Als Reaktion auf diese Testreihe erteilte die lokale Gesundheitsbehörde die Weisung, dass Frauen, die planen Kinder zu bekommen, schon schwanger sind oder bereits stillen, kein Walfleisch mehr essen sollen. Erst wenn sie sich sicher sind, dass sie kein Kind mehr zur Welt bringen wollen, könnten sie die Mahlzeit der Wikinger in Maßen wieder zu sich nehmen. Sämtliche Erwachsene wurden darüber hinaus angewiesen, den Walfleischkonsum auf zweimal im Monat zu reduzieren.
Die beim Färingernachwuchs festgestellten Schädigungen dürften sich nach Ansicht der Odenser Wissenschaftler auch bei anderen Wal- und Delfinfleischkonsumenten wie Norwegern, Japanern oder Inuitvölkern einstellen.
© Ulrich Karlowski