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Kann denn Essen Sünde sien?

Autor: hop | Erstellt am: 13.03.2009 | Gelesen: 1518
Kategorie: Essen - Trinken & Rezepte | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Vortrag des bekannten Ernährungswissenschftler Pollmer

Danke für einen tollen Vortrag
Danke für einen tollen Vortrag
Wächtersbach (hop). Einmal mehr hatten die Bezirkslandfrauen wieder einen Top-Referenten geladen, denn sie hatten zum Vortrag "Kann denn Essen Sünde sein?" von Udo Pollmer in das Bürgerhaus Wächtersbach geladen. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass mit gut 400 Anwesenden die Hütte berstend voll war. Brigitte Trageser, die Vorsitzende der Bezirkslandfrauen, begrüßte die Gäste und den Referenten. Pollmer ist hinreichend bekannt, vertritt er doch sehr kritische Thesen und stellt Diätenwahn und Pillenschlucken als gefährlich dar.

Rhetorisch gut und mit klaren, schnellen Worten schildert der analytische Chemiker und Ernährungswissenschaftler komplexe Sachverhalte auch durchaus sehr plastisch, sodass den meisten Zuhörern so manches Mal vor Lachen die Tränen kommen. Dabei hat er auch keine Angst, vermeintliche Schulweisheiten und wissenschaftliche Erkenntnisse zu hinterfragen und an den Pranger zu stellen. So räumt er auf mit mach guten Pfründen für die Nahrungsmittelindustrie, Pharmazie, Ärzteschaft und seine Kollegen und macht zumindest nachdenklich. Empfehlungen variieren mit der Zeit, es gab Zeiten, da hieß es von der Wissenschaft, Fleisch sei gesund, dann waren es die Körner und mal die Rohkost. So dokumentiert er auch anhand von Tabellen, dass sich Grenzwerte auch von Land zu Land verändern, Weingenuss ist in Skandinavien nicht so gut angesehen wie in Frankreich.

Ganz toll geht es auch mit dem Tagesbedarf von Vitamin C zu, wofür in Australien, Thailand, Uruguay, England, Malaysia und Ungarn 30 Milligramm reichen, während für Frankreich 80 und Bulgarien 95 Milligramm erforderlich sind. West-Deutschland mit 75 Milligramm lag knapp darunter, während damals im "subklinischen Bananenmangelstaat DDR" 45 Milligramm ausreichen mussten. Höchste Vitamin C Dosen aber erhalte man mit Bierschinken und Bierwurst, da hier Vitamin C aus Haltbarkeitsgründen zugesetzt, aber nicht deklariert werden. Dabei habe sich herausgestellt, schon 5 Milligramm seien ausreichend. Somit sei Wurst der wichtigste Vitamin C Lieferant – und alle Insider wüssten dies, aber keiner spreche darüber. Stattdessen rede man den Leuten lieber ein schlechtes Gewissen ein und verordne für "richtige" Ernährung lieber Pillen. Der Nährwertgehalt eines Kopfsalates entspreche einem Glas Wasser mit einem darin aufgeweichten Tempotuch plus noch ein paar wenige Mineralien und Hormone. So sei "lieber Fleischsalat als Kopfsalat" angesagt - zumindest für den, der es mag.

Auch Kalorienangaben erfahren sonderbare Veränderungen, so hätten Erdnüsse heute doppelt soviel Nährwert wie früher. Das Credo, Knochen brauchten Calcium, sei sogar gefährlich, es verstärke dagegen arteriosklerotische Veränderungen und senke die Knochendichte und mit der Vitamin C Gabe steige die Herzinfarktrate an, die entsprechenden Studien aber ließe man unter den Tisch fallen. "Diät macht Knochen kaputt" sei das, was Ärzte sagten, die gut aufklären wollten. Die Senkung von Grenzwerten verursache Kranke. Eisengabe während der Schwangerschaft beispielsweise vervierfache das Komplikationsrisiko und zunehmend gebe es Todesfälle durch Wasserintoxikationen. Die These "viel trinken" führe dazu, dass schon Babys ständig mit Fläschchen Apfelsaftschorle und Co. versorgt würden. Diese Getränke enthalten aber kein Salz, was wiederum zum Tod durch Hirnödeme besonders bei Kleinkindern und alten Leuten führe.

Ebenso gefährlich sei auch die neue Mode, ungeschälte Kartoffeln zu essen. Und so ging es munter weiter, egal, ob die unsinnige "Schönheitspflege im Darm", für die er recht drastische, aber deutlich preiswerte Varianten nannte; die teilweise Verteufelung von Pizza und Nudeln, die aber sogar das Infarktrisiko verminderten; über Salzreduktion, die jedoch das Cholesterin hochtreibe; über hohen Kaffeegenuss, der in Wahrheit die Leberwerte und den Altersdiabetes senke, dafür aber die Lebenserwartung erhöhe, bis hin zu neuesten Erkenntnissen, die Zähne auf keinen Fall nach jedem Essen zu putzen, hier sei einmal aber dafür gründlich die deutlich bessere Variante. Fettsucht komme nicht vom Essen, sondern entstehe durch permanenten Stress. Die über Jahre implizierte Angst vorm Essen sorge für die Bildung des körpereigenen Kortison, des Kortisols, das auftreibe. Auch die geltenden Body-Mass-Indizes (BMI) führte er mit eindeutigen Tabellen ad absurdum.

Der Mensch sei im Laufe der Evolution angepasst an die Küche mit zubereiteten und gekochten Nahrungsmitteln bei verminderten Ballaststoffen, da er im Vergleich zu Affen einen kleineren Verdauungstrakt habe. Es gebe, so sein Fazit, keine einheitliche Empfehlung, die Menschen seien zu individuell. Für den einen sei beispielsweise Vollwertkost prima, für den anderen sei sie sogar langfristig schädlich. Jeder solle auf seinen Körper hören und das essen, was einem bekommt, nur Diäten sollten absolut tabu sein. Mit einerseits Widerstand, bei den meisten aber donnerndem Applaus wurde der streitbare Lebensmittelwissenschaftler für seinen informativen und unterhaltsamen Vortrag belohnt. Als Dank dafür überreichte ihm am Ende Brigitte Trageser eine Flasche regionales Rapsöl als Dank für sein eigenes Wohlbefinden.

Barbara Hoppe
 
 
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