Scilla Kalabrien
Reggio Calabria - Wer kennt das nicht? Man freut sich wochenlang auf den Urlaub. Will nichts weiter, als faul in der Sonne liegen, endlich Zeit haben zum Lesen, ansonsten alle Fünfe gerade sein lassen. Doch schon nach zwei Tagen kommen Zweifel. Faulenzen am Strand - schön, aber soll das alles sein?
Eine Top-Adresse für einen wohl dosierten Mix aus Strand- und Aktivurlaub in einer Gegend mit beständigem Sommerwetter bis weit in den Herbst hinein ist Kalabrien - das die Spitze des italienischen Stiefels bildet. Es ist zwar kein Geheimtipp mehr. Aber so von Touristen überlaufen wie die Toskana oder die Marche um Rimini ist Kalabrien mit seiner 780 Kilometer langen Küste längst nicht. Dabei ist diese Region landschaftlich um vieles aufregender. Denn der 1500 Kilometer lange Gebirgszug der Apennin, der Italien von Nord nach Süd durchzieht, schwingt sich am Ende des Stiefels noch einmal zu beträchtlicher Höhe von mehr als 2000 Meter in drei kleineren Gebirgen auf: im Pollino, in der Sila und im Aspromonte.
Da in Kalabrien kein Ort mehr als 50 Kilometer von einer der beiden Küsten entfernt liegt, bietet die Gegend beste Voraussetzungen für Ferien am Strand - mit Paddel-, Surf- oder Segeleinlagen - in Kombination mit Bergtouren und Städtetripps. Der 6800-Einwohner-Ort Tropea mit seiner malerischen Lage auf einem Felsen über dem Meer führt die Hitliste der Kalabrien-Reiseziele an. Wer dorthin eine Pauschalreise mit dem Flieger gebucht hat, sollte nicht am Geld für den Mietwagen sparen. Besser dran ist, wer per Auto oder Reisemobil auf Tour geht. Der kann auch Orte erkunden, die die meisten Reiseveranstalter nicht anbieten.
Nicht nur Einheimische schwärmen vom Kalifornien Süditaliens.Für Fritz Petermann steht fest, dass Kalabrien die schönste, landschaftlich abwechslungsreichste und klimatisch begünstigste Region im gesamten mittleren Mittelmeer ist. Seit er Rentner ist, verbringt er die meiste Zeit des Jahres im "Kalifornien Italiens", wie er sagt. Sein Wohnwagen steht auf dem Campingplatz "Thurium" - an der Ostküste, direkt am Ionischen Meer. Hier, in der Ebene von Sibari, kann er viele Touren mit dem Rad zurücklegen. Nur wenn Italien Sommerferien macht, fährt der Hesse nach Hause und freut sich schon auf die Ruhe, die in der Nachsaison wieder einzieht.
Petermann ist eine Instanz. Er könnte sich als Reiseleiter ein Zubrot verdienen. Viele Deutsche und Italiener kennen ihn - auch auf dem benachbarten Platz "Onda Azzurra", der außerhalb der Hochsaison voll in deutscher Hand ist. Seit das ZDF einen Film darüber drehte, wie hier deutsche Camper das Winterhalbjahr in vollen Zügen genießen, ist der Zuspruch ungebrochen.
Petermanns Lieblingsorte liegen im Pollino-Nationalpark, dessen höchster Gipfel es auf 2267 Meter bringt. In einer halben Fahrstunde ist Civita zu erreichen, eines der albanischen Dörfer in diesem Gebirge. Seine Lage 450 Meter über dem Meer erinnert an einen Adlerhorst. In dem Ort bewahrt die Gemeinschaft der Italo-Albaner in breiter Vielfalt ihre kulturelle Identität. Nach ihrer Flucht vor der Herrschaft der Osmanen auf dem Balkan gründeten sie zahlreiche Gemeinden in Kalabrien, viele im Pollino. Gäbe es eine Hitliste der saubersten Orte in Italien, würde dieses albanische Dorf wohl das Rennen machen.
Eine touristische Attraktion hat es mit dem Tal des Raganello-Flusses zu bieten, der das Pollino-Massiv auf 30 Kilometer Länge durchzieht und ins Ionische Meer mündet. Seit die 1998 eingestürzte Ponte del diavolo, die Teufelbrücke aus der Römerzeit, wieder aufgebaut wurde, ist dieser Ort ein Muss. Der Abstieg von Civita über viele steile steinerne Treppen in die Schlucht und zur Brücke lässt sich zu einer schönen Rundwanderung ausdehnen. Wer es ganz abenteuerlich liebt, kann sich bei einer Canyoning-Tour an der Seite eines Bergführers einer Flusswanderung durch den Raganello anschließen. Das Tal verengt sich stromaufwärts auf 13 Kilometer Länge bis nach San Lorenzo Bellizzi zu einem Canyon, den teils 800 Meter hohe Felswände säumen.
Lohnend im Pollino ist auch das kleine Örtchen Cerchiara di Calabria, das in 650 Meter Höhe treppenartig in den Berg gebaut wurde. Wenn es nicht zu heiß ist, kann man sich weiter zu Fuß über den Süd-Ost-Hang des Monte Sellaro zur Wallfahrtsstätte Santa Maria dell'Armi in 1015 Meter Höhe begeben. Die Mühen werden mit einem herrlichen Ausblick belohnt. Es führt aber auch eine Straße hinauf. Mönche bekommt man nicht mehr zu sehen, sie haben das Kloster bereits vor 200 Jahren verlassen.
Neben der eher lieblichen Ostküste sollte unbedingt die schroffe Westküste Kalabriens zum Programm gehören. Eine Straße und eine Eisenbahnstrecke führen um die gesamte Stiefelspitze, immer am Meer entlang, sie berühren am südlichen Ende auch die frühere Hauptstadt Reggio di Calabria. Entsprechend ist mancherorts der Lärm. Die streckenweise miserable, aber gebührenfreie Autobahn bleibt auf der Höhe im Hinterland. Von ihr kann man zum Beispiel in Lagonegro Nord abfahren und erreicht über viele Serpentinen die Westküste mit dem Tyrrhenischen Meer. Hier lohnt sich zunächst ein Abstecher gen Norden, nach Maratea. Idyllische kleine Sandbuchten mit türkisblauem Wasser säumen den Weg. Bausünden finden sich keine. Dafür gibt es einen Hauch von Rio de Janeiro: In 600 Meter Höhe überragt eine 21 Meter hohe weiße Christusfigur die Küste. Eine abenteuerliche Straße, die im letzten Teil nur auf etwas maroden Pfeilern ruht, führt hinauf, ebenso ein beschwerlicher Fußweg. Die Aussicht entschädigt für die Strapazen.
Richtung Süden schließt sich die überaus abwechslungsreiche Costa dei Cedri an: mit der Zedernküste zwischen Praia a Mare und der vorgelagerten Insel Dino, Grotten und Buchten, die nur per Boot erreichbar sind, und dem quirligen Städtchen Diamante. Letzteres ist vor allem durch seine Murales bekannt. Die naiven Wandermalereien wurden 1981 von 80 Künstlern an vielen Hausfassaden gestaltet. Sie machen den Spaziergang durch den Ort zu einer echten Entdeckungsreise.
Noch südlicher, am schroffen Capo Vaticano, das mit seinen kleinen weißen Sandstränden vor bergiger Kulisse als schönstes Küstengebiet Kalabriens gilt, überkommt einen der Wunsch, dass hier hoffentlich nicht noch im großen Stil für Touristen gebaut wird.
Mehr Infos gibt es im Reisebüro "Urlaubsparadies"
Ronny Storch