Der Jaguar XJ L im autonet.at-Intensivtest
Da wo S-Klasse, 7er und A8 maximal müde Seitenblicke ernten, sorgt der neue XJ für reges, wenn nicht gar aufgeregtes Interesse. Kaum abgestellt, wird das Raubtier aus Coventry umstreift, versammeln sich Männlein und Weiblein, um die neue Chefkatze eingehend in Augenschein zu nehmen, wird gemauschelt, getuschelt und fachgesimpelt. Wir
haben Mäuschen gespielt, uns unter die Taxierer gemischt um des Volkes Stimme zu hören. Punkto Front – und Seitenansicht herrscht Einigkeit unter den Betrachtern: schön, flüssig, elegant, sportlich, aggressiv. Heckwärts ist´s dann aber auch schon aus mit der friedlichen Eintracht: da werden Vergleiche mit Citroen C6 und Lancia Thesis gezogen, da wird von Mut gesprochen, von Eigenständigkeit, von vertanen Chancen, da wird der Vergangenheit nachgeweint und den neuen Zeiten gehuldigt. Und unsere bescheidene Meinung? Genau so, in dieser Reihenfolge.
Aufgekratzt
Es wäre für die Gestalter aus Coventry unter der Ägide des Chefdesigners Ian Callum sicherlich ein Leichteres gewesen, analog zur Front, auch heckwärts an der Formensprache des XF Anleihen zu nehmen. Das Ganze wirkte schlüssig, logisch und würde keines weiteren Kommentars bedürfen. Andererseits: Eben! So zumindest passiert das nicht, was derzeit bei Audi der Fall ist: A4, A6 und A8 zeichnen sich nicht gerade durch augenscheinliche Diversion aus, um es mal so auszudrücken. Der XJ hingegen lässt keinen Zweifel über seine ihm zugewiesene Position des Chief Executive Officers der Marke aufkeimen. Und eines sei auch angemerkt: Seine volle Wirkung entfaltet das Heck des XJ des Nachts. Dann sticht Ian Callums Intention bei der Gestaltung der Heckleuchten ins Auge: die LED-Streifen versinnbildlichen die Kratzspuren einer Raubkatze.
In den Wind gereimt Weniger die Rolle des Opfers als vielmehr jene des Täters nimmt der XJ von vorne betrachtet ein: da zeigt der Jaguar jene Krallen, die ihm die Blessuren am Heck beigebracht haben. Die schmal geschnittenen, zugekniffenen Scheinwerfer flankieren ein weit aufgerissenes Kühlermaul. Einen besonderen Reiz übt das feine Wechselspiel zwischen scharfen Kanten und fließenden Linien der Alu-Karosserie aus. Die markant modellierte, ellenlange Motorhaube, geht in eine extensiv flach gestellte Windschutzscheibe über, die in der Heckscheibe ihren Counterpart findet. Dazwischen findet sich, bezogen auf die Länge des Fahrzeugs von 5,3 Metern, ein rekordverdächtig kurzes, infolge der nachgeraden Vollverglasung, ätherisch wirkendes Dach.
Highend-Noblesse
Der vom sattsam bekannten Innenleben gängiger Luxuskarossen etwas ermattete Blick, hellt sich angesichts der Interieurarchitektur des XJ auf. Da schlägt einem die ganze Wucht auf die Spitze getriebener Exklusivität entgegen. Kunststoff sucht man nahezu vergeblich. Das, was wie Alu aussieht ist es auch, die Klavierlackflächen sind der Oberfläche eines Bösendorferflügels würdig, dickes Leder spannt sich über Sitze, Armaturenbrett und die inneren Türenverkleidungen, ein Holzbogen („Riva"-Leiste) bildet den Horizont direkt unter der Windschutzscheibe und geht in die Holzverbrämung der Türen über. Das, was wir schon beim XF mochten, findet sich auch im XJ wieder: nach dem Druck auf den Startknopf, fährt der aus einem Alu-Stück gefräste Automatikwahlschalter aus dem Mitteltunnel empor.
Verbesserungswürdige Bordelektronik
In diesem geschmackssicheren Ambiente, wirkt, das muss leider gesagt werden, die Grafik des Touchscreen-Displays in der Mittelkonsole etwas deplaziert. Die Darstellungen für Funktionen wie Radio/CD, Navigation oder Fahrzeugeinstellungen wirken wie mit dem Kugelschreiber aufgemalt. Dazu kommt, dass das System nicht ganz fehlerfrei funktioniert. Etwa die Massagefunktion für Fahrer- und Beifahrersitz: Die lässt sich zwar aktivieren, nicht aber wieder ausschalten. Probleme gab es im Test auch mit der für ein Auto dieser Länge fast schon unabdingbaren Rückfahrkamera, die nicht immer ansprang, wenn der Rückwärtsgang eingelegt wurde. Und wenn wir schon mal beim herumgranteln sind: Die Polsterung für die Armauflage im Mitteltunnel ist genau dort, wo der Ellenbogen des Fahrers nicht ist. Dafür ist dort der Knopf für das Staufach und der Aschenbecher, die abwechselnd unbeabsichtigt betätigt werden.
V8. What else?
Aber (großes ABER): Das was sich beim von uns getesteten 5,0 Liter V8 abspielt, wird das Gaspedal über Gebühr penetriert, macht all das vergessen. Dann baut sich eine Soundkulisse auf, die durchaus dazu geeignet ist, Nackenhaare aufstellen zu lassen. Es ist halt wie es ist: So kann nur ein V8 klingen. Ein akustischer Hochgenuss, der einem in unseren Breiten viel zu selten zuteil wird. Das ist aber noch nicht alles: Wird der Dynamik-Modus für eine athletische Abstimmung aller fahrrelevanten Parameter aktiviert, geht der 1,8-Tonner ab wie ein Rakete. Beschleunigungswerte von 5,7 Sekunden auf 100 sind schon von innen ein brachiales Feeling. Von außen betrachtet ist der Anblick eines vorbei fliegenden 5,3 Meter langen, von gutturalen Brülllauten begleiteten Donnerkeils ein bewusstseinsveränderndes Erlebnis sein. Feine Figur mach der XJ auch, schlägt die Gerade einen Haken. Der Jaguar lässt sich gut kontrolliert um die Kurve wuchten. Die Lenkung reagiert spontan und unmittelbar, kleine Ausreißversuche des Hecks werden vom DSC dezent abgefangen. Und der Verbrauch? Na ja, Effizienzrekorde sind mit dem 5 Liter-V8 nicht zu erzielen, das liegt wohl in der Natur der Dinge. Allerdings haben uns knappe 11 Liter im Schnitt auch nicht die Krausbirnen aufsteigen lassen.
Was für eine Silhouette! Die fein modelierte, lang gezogene Motorhaube geht in eine extrem flache Windschutzscheibe über.
Von hinten nähert sich in gleicher Manier die Heckscheibe, daszwischen befindet sich ein kurzes, ätherisch wirkendes Glasdach. bild © Marion Rodler Fazit Der Jaguar XJ legt eine Grandezza an den Tag, die die Konkurrenz doch etwas profan aus der Wäsche schauen lässt. Die optische Neuausrichtung der Marke aus Coventry mag vor allem heckseitig für hitzige Debatten sorgen, an der unvergleichlichen Aura von Jaguar hat das nicht geändert. Punkto Fahreigenschaften, Komfort, Performance, Ambiente und Qualität spielt der XJ in der absoluten Top-League. Bringen die Briten noch die Sache mit der Bordelektronik unter Kontrolle, bedarf der Ab-Preis von 88.000 Euro keiner Hinterfragung. Für die von uns getestete Langversion des XJ 5,0 V8 müssen noch mal runde 50.000er draufgelegt werden.
von Christian Zacharnik
www.autonet.at