Interkulturelle Unterschiede
Falls Menschen aus zwei oder mehreren Kulturen zusammentreffen, genügt es nicht, sich dem Fremden offen und vorurteilsfrei anzunähern, oder die Sprache des fremden Landes zu beherrschen. Der Grund dafür ist, dass unsere gesamte Wahrnehmung und Informationsverarbeitung mit Hilfe von Denkgewohnheiten und Deutungsmustern geschieht, die unsere Kultur in uns aufgebaut hat. Verschiedene Kulturen zeichnen sich durch unterschiedliche Orientierungssysteme, d.h. durch mehr oder weniger abweichende handlungsleitende Denkweisen, Wertvorstellungen und Normalitätserwartungen aus. Als Reaktion auf das Wahrgenommene folgen daher angeeignete Verhaltens- und Handlungsmuster, die sich je nach Kultur stark unterscheiden können. So kommt es oft zu Spannungen in der Kommunikation oder zu ihrem Abbruch. Denn für jede Partei ist das eigenkulturelle Orientierungssystem maßgebend und dies ist meistens – wenn überhaupt – nur bis zu einer gewissen Toleranzschwelle flexibel. Von dieser Schwelle ab schwindet die Akzeptanz für Unterschiede.
Es besteht auch die Gefahr, dass man Mitglieder anderer Kulturen mittels Stereotypen beurteilt, welche die kulturelle Umwelt vermittelt, und deren Richtigkeit meistens nicht empirisch überprüft wird. Infolgedessen greift man zu schnell zum „Nationalcharakter" als Begründung für die Andersartigkeit. Dies ist für zwischenmenschliche Kontakte genauso schädlich wie das Zurückführen kulturbedingter Unterschiede auf – meist negative - persönliche Eigenschaften des Gegenübers.
Die bisher geschilderten Problemfelder interkultureller Kommunikation betreffen die Wahrnehmung des Fremden. Als weitere Ebene interkultureller Missverständnisse kann die sprachliche Ebene identifiziert werden. Aber auch hier stellt die Quelle kritischer Situationen oft nicht die unterschiedliche Sprache der Fremdkultur dar, sondern die Unkenntnis des kulturell geprägten Weltwissens und Erfahrungshorizontes, die sich in der Sprache niederschlagen.
Außer den oben geschilderten potentiellen Gefahrenquellen wirken beim Zusammentreffen der deutschen und ungarischen Kultur weitere, die Kommunikation störende und erschwerende Faktoren.
Deutschland und Ungarn haben zwar historisch traditionelle Bindungen zueinander, wurden jedoch bis in die frühen 80er Jahre durch den „Eisernen Vorhang" voneinander getrennt. So bildet die historisch-politische Situation der vergangenen fünf Jahrzehnte einen wichtigen Ausgangspunkt für die Unterschiede in beiden Kulturen: Es existieren sowohl in Ungarn als auch in anderen osteuropäischen Ländern Verhaltens- und Denkmuster, die für postsozialistische Länder, die alle mit den verschiedenen Aspekten der Transformationsproblematik zu kämpfen haben, zur Zeit noch typisch sind. Diese unterscheiden sich gravierend von denen der westeuropäischen Kultur, was in den Geschäftsbeziehungen zu Reibungsverlusten führen kann.
Diese kulturellen Divergenzen machen auch die generelle Gültigkeit westlicher Managementmethoden fraglich. Trotzdem haben am Anfang der 90er Jahre viele ausländische Investoren die Meinung vertreten, dass interkulturelle Kompetenz in Osteuropa nicht notwendig sei, weil sie davon ausgegangen sind, dass die Unternehmenskultur des Investors dominiert und alle eingeprägten Orientierungsmuster des untergegangenen sozialistischen Regimes verändern bzw. verwischen wird und muss. Es ist zu vermuten, dass diese Auffassung trotz entsprechender Rückschläge heute gelegentlich immer noch zu finden ist.
Die Kommunikation beider Seiten wird auch durch die Tatsache gefährdet, dass sie oft auf Deutsch verläuft. Dies kann in erster Linie dem deutschen Akteur eine Falle stellen. Wer sich nämlich sprachlich nicht anpassen muss, ist öfters geneigt, kulturelle Unterschiede zu verharmlosen, da ihm sein Gegenüber, das der deutschen Sprache mächtig ist, wie ein deutscher Mitarbeiter oder Verhandlungspartner erscheint.
Eine wichtige Voraussetzung für eine konfliktfreie Begegnung mit dem Fremden ist, dass die Akteure die Fremdeinschätzung der eigenen Person richtig nachvollziehen und sich selbst realistisch einschätzen können. Dies bedarf des Prozesses der Selbstreflexion: man muss sich seiner Kultur bewusst werden, bevor man eine andere kennen lernen will. So sollte vor der Begegnung nicht nur dem ausländischen Partner gegenüber Sensibilität vorhanden sein, sondern auch für die eigenkulturelle Prägung.
Falls bei den Kommunikationsteilnehmer keinen Sensibilität und reflexive Distanz vorhanden ist, bietet sich im Rahmen der Vorbereitungen auf eine interkulturelle Zusammenarbeit (z.B. Auslandseinsatz, Verhandlung mit ausländischen Partnern oder in der Sozialarbeit), bzw. im Falle bereits aufgetretenen kulturbedingter Probleme die Möglichkeit, die Hilfe von Experten in Anspruch zu nehmen. Als Experten für Interkulturelle Kommunikation gelten beispielsweise Trainer, Berater, Coaches, Mediatoren oder
Dolmetscher für Ungarisch, die eine spezielle Ausbildung im Bereich Interkulturelle Kommunikation absolviert haben, und dadurch für beide Seiten gewinnbringend als Vermittler fungieren können.
Autorin: Dr. Agnes Derjanecz