Vor Jahren hatte ich mit diesem Thema eine außerordentliche Begegnung, die ich auch als eine ganz spezielle Wegmarkierung auf meiner ungewöhnlichen Lebensreise bezeichnen möchte. Nicht daß ich vor diesem Erlebnis keine Ahnung von der
inneren Instanz wie ich sie verstehe gehabt habe, ich hatte ganz im Gegenteil schon einige elementare Einsichten erhalten und hatte auch schon eine relativ ausgeformte Ahnung, in welche Richtung mich dies zwangsweise führen müßte. Ich konnte z. B. schon deutlichst wahrnehmen, daß mein Bedürfnis, mein Verlangen, dieser kraftvollen inneren Instanz mehr Einfluß geben zu können, stetig anwuchs, da es mir schon sehr klar war, daß diese Stimme meiner
inneren Wahrheit entsprang. Aber diese besagte Erfahrung brachte in der Absolutheit der essentiellen Aussage doch ein ungleich größeres Verständnis von der Konsequenz, welche das anwachsende Bedürfnis mit sich brachte, der inneren Instanz immer mehr Machtpotential einzuräumen und gleichfalls allem anderen dasselbe zu entziehen. Hier war ich von der Ahnung in die Gewißheit gerutscht, daß die innere Instanz eine Art
absolute Größe bezeichnet und die Begegnung mit ihr ein Meilenstein auf unserem Weg zur Freiheit ist.
Diesem mir denkwürdigen Tag ging eine Woche Fastenzeit voran, und außer daß dadurch meine physischen Sinne etwas geschärft waren, was ich nicht außergewöhnlich fand, war dies eine sehr ruhige und unspektakuläre Fastenzeit für mich gewesen. Ich hatte bisweilen sieben Tage gefastet, es war Karfreitag, und eigentlich wollte ich das Ganze noch ein paar Tage verlängern, und wenn ich mich richtig erinnere, wollte ich ursprünglich ca. zwei Wochen fasten. An diesem Tag war in dem spirituellen Zentrum, in dem ich mich zu jener Zeit aufhielt, ein großes Fest mit wirklich enorm vielen köstlichen Speisen, also ein Event mit einem Aufgebot von verschiedensten Leckereien, was den Augen und dem Gaumen zur intensiven Teilnahme einlud. Es war also für alles gesorgt, wonach das Herz des Genusses begehrte, und unser aller Verlangen nach Geselligkeit wurde mit der Anwesenheit der vielen lieben Leute gestillt, welche eigens zu diesem aufwendigen Zusammensein eingeladen waren. Irgendwann, vielleicht von dem äußerlichen Geschehen inspiriert, stellte ich mir die Frage, was mir denn das Fasten bis dahin gebracht hätte, ob ich definitiven Erfolg in irgendeiner Weise sah. Aber wie schon eingangs bemerkt, mußte ich zugeben, daß keine sonderliche Veränderung geschehen war, ich eben nur ein wenig Klarheit gewonnen hatte. Im selben Augenblick kam die Frage zum Vorschein, wie es denn eigentlich um meine Ernährung stehe. Diese Frage war wie schon erwähnt wohl vielleicht durch die äußere Betriebsamkeit inspiriert, welche sich ausschließlich um die Nahrungsaufnahme drehte und deshalb auch nicht ungewöhnlichen war.
So profan und unauffällig diese Frage sich präsentierte, so im Gegensatz dazu löste sie im Nu eine Kettenreaktion aus, welche mich in wenigen Sekunden vor eine unabstreitbare Tatsache stellte. Um das Ganze etwas abzukürzen, überspringe ich die meisten unzähligen Fragen und deren Antworten, die sich in dieser Kettenreaktion, welche sich in einer Spirale immer mehr dem Essentiellen zuneigte, in logischer Abfolge aneinanderreihten. Da dies zwar für mich nur in einem Bruchteil einer Sekunde stattfand, ich aber für die bloße Aufzählung viel zu lange brauchen würde, erwähne ich hier nur die für mich wichtigen Fragen und Antworten, welche sich als eine Art tragende Säulen in der Statik meines Gedanken Gebäudes erwiesen. Zu der Zeit ernährte ich mich bereits ca. fünf Jahre vegetarisch, daher war es nicht verwunderlich, daß dies das erste Hindernis war, an das ich stieß, also dies die erste Säule war, welcher dieser sich praktisch verselbstständigten, sich selbsterbauenden Konstruktion als innerer Halt diente. Und die Frage, warum ich eigentlich kein Fleisch aß und die prompte Antwort, daß ich dies tue, weil ich der Meinung bin, daß es nicht richtig wäre, öffnete den Raum für eine weit mutigere Spekulation. So landete ich in einem weiteren Sprung nach vorne bei der Erkenntnis, daß ich hier wohl gerade eine Fremdsteuerung meinerseits enttarnte, welche meiner blauäugigen Ansicht, frei zu sein und deshalb auch frei wählen zu können, einen empfindlichen Stoß versetzte. Das hieß, es gab für mich definitiv hier ein richtig und falsch, welches in meinem Namen richtete, und es stieg in mir die Ahnung auf, daß dies ein von außen angenommenes Glaubens System war, dem ich unbewußt Befehlsgewalt übertrug über wichtige Entscheidungen, die für mich und die Erfüllung meiner Träume und Bedürfnisse enorm bedeutungsvoll waren.
Ich fragte mich weiterhin, wenn ich doch, bevor ich meine Speisen einnahm, die Nahrung segnete und sie somit für göttlich einstufte, wie ich dazu kam, die Welt in zwei Teile zu spalten, also die eine Hälfte zu essen und sie zu segnen und die andere faktisch gesehen bei meinem Ritual der Segnung ausschloß. Warum ich, aus welchem Grund auch immer, der einen Seite der Erscheinungen Segnung zukommen ließ, weil ich sie angeblich für göttlicher hielt, wobei ich der anderen, ohne je ernsthaft hinterfragt zu haben, ob dies im Lichte der göttlichen Realität denn auch haltbar sei, diesen meinen Liebesdienst vorenthielt. Zu dem Zeitpunkt fand die Aufeinanderfolge der Erkenntnisreihe schon in rasender Geschwindigkeit statt. Und ich stand im nächsten Moment schon vor der Einsicht, daß Gott, die bedingungslose Liebe, das unendlich große, uns unbegreifliche göttliche Wirkungs Prinzip, wie immer ich es auch nennen mag, keineswegs irgendeinen Unterschied macht zwischen den Dingen. Daß also alles gleich wertvoll ist im göttlichen Scheine betrachtet und ich somit derjenige bin, der die Dinge unterschiedlich bewertet. Ich hatte in diesem Augenblick den tiefen Einblick in eine Realität, in welcher nichts außer Gott existierte, ich war mir bewußt, daß alles Gott ist und daß somit auch in allem Gott ist. Das bedeutete, daß ich die Welt und ihre Erscheinungen in Kategorien, Schablonen, in Bewertungs Skalen und in Maßstäbe wie „gut und schlecht", „richtig und falsch", in Erlaubtes und Verbotenes einteilte, daß ich es also bin, der die Dinge voneinander trennte.
Das etablierte die zwingende Frage in mir, warum ich das tue, wo ich doch gerade erfuhr, daß alles eins und alles göttlich ist. Warum spalte ich die Welt in Göttliches und Nicht Göttliches? Die Antwort war sehr einfach, aber prägnant. Ich tue die Dinge, weil ich es so gelernt hatte, weil ich es teils gehört, gelesen oder auch auf spekulative Weise synthetisiert habe und andererseits anerzogen, aufgedrängt oder auf sonstige Art und Weise vermittelt bekam. Was eine weitere Antwort ohne Frage ergab, nämlich dies alles war nicht meins, ich hatte nicht im geringsten damit zu tun. Es war in diesem Augenblick klar, daß ich eigentlich noch nie zuvor etwas tat, was ich wirklich wollte, wofür ich mich entschied und wofür ich die bewußte alleinige Verantwortung übernahm. Ich probierte immer nur anderer Leute Theorien aus und bewegte mich demnach immer nur in einem definitiv abgegrenzten Spiel Raum, der auf den Regeln und auf den für jeden ersichtlichen und allgemein anerkannten Gesetzen basierte, deren Übertretung nicht nur strengstens verboten war, sondern eigentlich unmöglich zu sein schienen.
Diese Illusion hatte sich nun aufgelöst, ich war spirituell erwachsen geworden, durfte damit beginnen, meine eigenen Regeln zu suchen und zu finden. Mir war gerade zu Bewußtsein aufgestiegen, daß ich meine eigenen Erfahrungen machen wollte und mußte um herauszufinden, wer ich wirklich war und was ich wirklich wollte. Ich wußte in diesem Moment, daß ich wirklich frei bin, das zu tun, was ich tun möchte und daß ich von nun an von Stunde Null an rechnen würde und eins nach dem anderen durchtesten würde, um mir meine eigene Meinung darüber zu bilden. Aber wie sollte ich das umsetzen? Diese Frage brachte mich an die ultimative Essenz, welche mich ein wenig erschüttern ließ, aber auch gleichzeitig eine innere Freude entfachte. Ich saß da auf meinem Stuhl, und die Welt in mir und auch die äußere Welt erhellte sich, alles wurde klarer und freundlicher, und ich war erfüllt von diesem einen Satz und den unglaublichen Konsequenzen, welche ich erahnte, die er als Schweif wie ein Komet hinter sich herzog: Es gibt nur eine Instanz und diese Instanz besteht in mir. Und dieser inneren Größe durfte ich mich von nun an in Vertrauen hingeben. Diese innere Instanz, das war mir gewiß, war der Ausdruck absoluter Freiheit, diese innere Instanz war aus Gott geboren und erlaubte mir als Individualität unbeschränkter Handlungs Freiraum.