Industriekletterer arbeiten seilunterstützt in großen Höhen
Industriekletterer führen Arbeiten in großer Höhe aus. Diese Arbeiten werden auf Grund des exponierten Ortes, an dem sie ausgeführt werden, Höhenarbeiten genannt. Der moderne Industriekletterer von heute setzt auf die aus dem alpinen Bereich kommende Seilunterstützte Zugangstechnik. Sie grenzen sich aber insoweit vom Sportkletterer ab, als ihre Tätigkeit gewerblich ist und nicht dem Erreichen eines sportlichen Zieles dient. Aufgrund ihres exponierten Arbeitsplatzes und ihrer gewerblichen Motivation werden Industriekletterer manchmal sowohl als Höhenarbeiter als auch als Gewerbekletterer bezeichnet.
Industriekletterer arbeiten also in großer Höhe, arbeiten gewerblich und verwenden zur Arbeitsplatzpositionierung Seilunterstützte Zugangstechnik. Dieses moderne Verfahren, sich unter Verwendung von Seilen am Arbeitsplatz zu positionieren, hat einige Vorteile. So können Industriekletterer auch dann eingesetzt werden, wenn der Ort, an dem die Höhenarbeiten durchgeführt werden sollen, für ein Gerüst zu hoch liegt oder wenn der Ort für einen Kran nicht zugänglich ist. Das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen liegt beim Einsatz von Industriekletterern auch dann in einem wirtschaftlich vertretbarem Rahmen, wenn die notwendigen Höhenarbeiten nur einen geringen Umfang haben, da keine Gerätekosten für einen teuren Kran und keine Gerüstmiete anfallen. Abgesehen davon, dass die bei der Durchführung von Höhenarbeiten entstehenden Kosten beim Einsatz von Industriekletterern deutlich geringer sind als beim Einsatz von herkömmlichen Mitteln zur Höhenarbeit, benötigen sie auch deutlich weniger Zeit für die Vorbereitung der Arbeiten. Die Zeit, die es braucht, ein Gerüst aufzubauen, ist beträchtlich. Auch einen Kran aufzustellen, dauert länger, als der Industriekletterer braucht, um sich zum Arbeitsort zu begeben. Das moderne Verfahren der Seilunterstützten Zugangstechnik macht Industriekletterer aber nicht nur zu einer kostengünstigen und schnellen Alternative zu herkömmlichen Mitteln zur Durchführung von Höhenarbeiten, es macht sie auch flexibel einsetzbar. Egal, welche Arbeiten durchzuführen sind oder welches Projekt in großer Höhe sie realisieren wollen, mit Industriekletterern lässt sich immer ein individuelles und kostengünstiges Höhenzugangskonzept umsetzen. Aufgaben, die Industriekletterer besonders häufig übernehmen, sind zum Beispiel: Sanierungsarbeiten an Hausfassaden, Montagearbeiten an Industrieanlagen und Windkraftanlagen, Wartungsarbeiten an Industrieanlagen und Windkraftanlagen, Gebäudereinigung an Glasflächen im Außenbereich, Dachreparaturen, Aufbringen von Korrosionsschutz, Anbringung von Großplakaten, Montage von Vorrichtungen zur Vogelabwehr (Taubenabwehr).
So gehen Industriekletterer bei der Positionierung zum Arbeitsplatz vor
Nicht nur in der Motivation, auch in der Vorgehensweise unterscheidet sich der Industriekletterer vom Sportkletterer. Der Sportkletterer steigt von unten zu seinem Ziel auf. Der Industriekletterer nähert sich dem Ort, an dem er die Höhenarbeiten ausführen will, in der Regel von oben an. Dazu befestigt er oberhalb des Arbeitsortes nach Möglichkeit an zwei unterschiedlichen Punkten ein Tragseil. Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Anschlagpunkte ausreichend fest sind und keine Gefahr besteht, dass sie ausbrechen. Das angebrachte Tragseil muss immer bis auf den Boden reichen. Die korrekte Länge des Tragseiles wird vom Industriekletterer vor Beginn der Höhenarbeiten überprüft. Beträgt die Höhe, in der die Arbeiten ausgeführt werden sollen, mehr als 50 m, und ist eine schnelle Rettung nach oben möglich, muss das Tragseil nicht bis auf den Boden reichen. In den meisten Fällen können die Seile von oben abgeworfen werden. Manchmal ist dies allerdings nicht möglich, weil Hindernisse das Abwerfen der Seile verhindern. Ist dies der Fall, müssen die Seile in einem Sack nach unten transportiert werden. Sind die Vorbereitungen abgeschlossen, legt der Industriekletterer das Auffanggerät in das Sicherungsseil ein. Was ein Auffanggerät ist, wird im Abschnitt zur Sicherheit bei Höhenarbeiten erläutert. Am Gurt des Industriekletterers ist ein Abseilgerät befestigt, in dieses legt er nun das Tragseil ein. Wurden Auffanggerät und Abseilgerät durch kurzes Belasten überprüft, beginnt der Industriekletterer den Abstieg. Hängt er mit seinem gesamten Gewicht am Tragseil, kann mit dem Abseilen zum Ort der Höhenarbeiten begonnen werden. Ist dieser erreicht, wird das Abseilgerät gesichert und die gewünschten Arbeiten können durchgeführt werden. Sind die Höhenarbeiten abgeschlossen, seilt sich ein Industriekletterer meist zum Boden ab. Nur wenn das Tragseil nicht bis zum Boden reicht (bei einer Höhe über 50 Metern), muss er wieder aufsteigen.
Die Sicherheit steht bei der Höhenarbeit immer an erster Stelle
Industriekletterer sind immer speziell geschulte Höhenarbeiter. Sie haben eine Ausbildung nach den Richtlinien der FISAT absolviert und verwenden immer genormte Spezialausrüstung, die den Anforderungen an die Arbeitssicherheit bei Arbeiten in großen Höhen entspricht. Industriekletterer verwenden ebenfalls immer ein zweites redundantes Sicherungsseil, das heißt, sie arbeiten mit zwei getrennten Systemen: dem Tragsystem und dem Sicherungssystem. Bei beiden Systemen kommt ein Statikseil aus Chemiefasern zum Einsatz, das auch extremen Belastungen standhalten kann. Am Tragsystem seilt sich der Industriekletterer auf und ab. Das Sicherungssystem dient ausschließlich der Sicherheit und wird weder zum Arbeiten verwendet, noch auf eine andere Art belastet. In das Sicherungssystem ist das Auffanggerät eingelegt. Das Auffanggerät ist ein am Sicherungssystem selbsttätig mitlaufendes Sicherungsgerät, das im Falle eines Versagens des Tragsystems oder bei einem Anwendungsfehler des Industriekletterers einen Absturz verhindert. Um zu gewährleisten, dass das Auffanggerät seine Funktion zuverlässig wahrnehmen kann, muss das Sicherungsseil straff hängen. Das Sicherungssystem wird vom Industriekletterer immer als erstes angelegt, und er bleibt mit ihm solange verbunden, bis er den absturzgefährdeten Bereich wieder verlassen hat. Beide Systeme sollten eindeutig gekennzeichnet sein, um jederzeit das Tragsystem vom Sicherungssystem unterscheiden zu können. Auch sollte der Industriekletterer immer darauf achteten, dass beide Seile nicht durch scharfe Kanten oder Reibung beschädigt werden können. Besteht eine solche Gefahr, muss ein Seilschutz angebracht werden. Bei der Durchführung von Höhenarbeiten wird immer mindestens zu zweit gearbeitet. Ein Teammitglied muss die Qualifikation FISAT-Level 3 – Aufsichtsführender im Bereich Seilzugtechnik – haben. Dieses Teammitglied ist der aufsichtsführende Industriekletterer. Der aufsichtsführende Industriekletterer ist während der gesamten Dauer der Höhenarbeiten für die Sicherheit zuständig.
Ein kurzer Überblick über die Geschichte der Seilunterstützten Zugangstechnik
Die Seilunterstützte Zugangstechnik kann noch nicht auf eine lange Geschichte zurückblicken. Das moderne Verfahren der Arbeitsplatzpositionierung mittels Seilunterstützter Zugangstechnik wurde 1970 erstmals auf Bohrinseln in der Nordsee angewendet. Dort wurden Industriekletterer zu Montage- und Wartungsarbeiten eingesetzt. Es zeigte sich, dass sie ein effizientes Mittel zur Durchführung von Höhenarbeiten sind, und so wurden immer mehr Industriekletterer eingesetzt. Um den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Industriekletterern decken zu können, wurde Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts der Verband Industrial Rope Access Trade Association (IRATA) gegründet. Der Verband hat heute über 15.000 Mitglieder.
In Deutschland spielten Industriekletterer lange Zeit kaum eine Rolle. Berufsgenossenschaften wollten ihren Einsatz sogar gesetzlich verbieten lassen. Ihrer Meinung nach entsprach eine seilunterstützte Arbeitsweise nicht den strengen deutschen Gesetzen zur Arbeitssicherheit. Aus Experten der Wirtschaft, der Industrie sowie Sachverständigen für Höhenrettung und Unfallversicherungsträgern gründete sich darauf hin 1995 der Interessenverband für Seilunterstützte Arbeitstechniken (FISAT). Im Jahr 1997 gab der FISAT Richtlinien zur Sicherheit beim Einsatz von Industriekletterern heraus. Diese Richtlinien überzeugten den Gesetzgeber von der Sicherheit der Seilunterstützten Zugangstechnik und Industriekletterer können seitdem auch ohne Ausnahmegenehmigung eingesetzt werden. Eine solche Ausnahmegenehmigung erwirkten 1995 die Künstler Christo und Jeanne-Claude für ihr Projekt „Verhüllter Reichstag". Zur Realisierung dieses Projektes wurden erstmals Industriekletterer in größerem Umfang eingesetzt. Diese Industriekletterer bewiesen, dass die Seilunterstützte Zugangstechnik sicher, effizient und leistungsfähig ist.
Jens Blank