Es gibt Hinweise auf systematische Unterschiede der hormonalen Komponente zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen (Perloff, 1965). In manchen neueren Berichten werden zwar im Hinblick auf den Substanzgehalt oder die Quantität von Stoffwechselprodukten im Blutsserum oder im Urin homosexueller Männer, verglichen mit den Werten einer heterosexuellen Kontrollgruppe, Unterschiede erwähnt, aber diese Ergebnisse können auch im Sinne einer Stützung der Theorie gedeutet werden, der zufolge ein biologischer und physischer Faktor als die Ursache von Homosexualität angesehen werden muss. Kolodny und andere (1971) haben zum Beispiel im Blutplasma einer Gruppe von ausschließlich Homosexuellen niedrigere Testosteronspiegel sowie einer beeinträchtigte Spermatogenese (weniger Spermatozoen in der Samenflüssigkeit und eine geringere Spermienmobilität) im Vergleich a) einer heterosexuellen Kontrollgruppe und b) einer von Homosexuellen mit nicht 100prozentiger homoerotischer Neigung festgestellt.
Die Autoren sind in ihrer Schlussfolgerung jedoch vorsichtig: "Es ist in der Tat zu berücksichtigen, dass der niedrigere Testosteronspiegel im Blutplasma auch die Folgeerscheinung einer ursprünglichen psychosozialen homosexuellen Orientierung sein könnte, die von höheren kortikalen Zentren aus über den Hypothalamus gesteuerte geringere Ausschüttung bewirkt". Wir erinnern an die von Arieti (1974) zitierten Studien über die Beziehung zwischen Amenorrhö und Zyklusstörungen bei Patientinnen mit schizophrenen Schüben sowie bei Neurotikern. Auf Grund dieser Informationen liegt die Vermutung nahe, dass die Gefühle oder die psychische Haltung die Hormonproduktion hemmen könne, und zwar wahrscheinlich mittelbar über Hypophyse.
Traditionsgemäß besteht eine Tendenz, einen physischen Faktor, bei dem sich eine Beziehung zu irgendeinem psychologischen Syndrom herausgestellt hat, allzu schnell als dessen Ursache zu betrachten. Aber er könnte ebenso gut oder sogar mit noch größerer Wahrscheinlichkeit dessen Folge sein. Die Untersuchungen über physische Korrelate der Schizophrenie warnen uns vor solchen übereilten Schlüssen. Manchmal ergibt sich in Bezug auf einen physiologischen oder metabolischen Faktor A oder B ein Unterschied zwischen einer Gruppe schizophrener Patienten und einer Kontrollgruppe. Meistens gelingt es aber nicht, mit Hilfe von nachfolgenden Kontrollstudien die ursprünglichen Ergebnisse zu bestätigen. Im Falle der Erkenntnisse von Kolodny u. A. besitzen wir bestenfalls eine interessante Vermutung über die hemmende Wirkung psychischer Faktoren auf die Produktion von Geschlechtshormonen.
Aber es wäre klug, selbst mit dieser Schlussfolgerung noch etwas zu warten, bis weitere Studien mit anderen Gruppen von Homosexuellen und Kontrollgruppen diese Ergebnisse bestätigt haben. Es könnte zum Beispiel auch sein, dass die gefundenen Werte Artefakte der Ernährungsgewohnheiten der betreffenden Personen sind. Wir müssten außerdem auch die möglichen Einflüsse von Marihuana und Barbituraten auf die Testosteronproduktion und die Spermatogenese kennen, denn die Autoren geben an, dass 43 % der von ihnen untersuchten Homosexuellen regelmäßig Marihuana und 20 % von ihnen Barbiturate oder Amphetamine nahmen.