Seit vielen Jahren beschäftigten sich im CJD Braunschweig Pädagogen und Psychologen mit jungen Menschen, die zum Beispiel durch ihre überdurchschnittliche Intelligenz oder Hochbegabung, ungewöhnliche Interessen oder Integrationsschwierigkeiten besonderen Belastungen ausgesetzt sind.
Frauke Meier ist Diplom-Sozialpädagogin und Koordinatorin für den Bildungskompass im CJD Braunschweig. Im Interview schildert sie unter anderem ihre Erfahrungen mit einem Schüler, den sie eine Woche lang begleitet hat. Frauke Meier hat für sich ein Bild entwickelt, wie sie die Funktion des Bildungskompass am besten beschreiben kann: „Der Bildungskompass bietet eine sichere Navigation im dichten Nebel."
Als Nebel bezeichnet die 37-jährige Sozialpädagogin die Ratlosigkeit, in der sich viele Eltern und Lehrer bewegen, wenn sie einen jungen Menschen begleiten, der offenbar wesentlich intelligenter als der Altersdurchschnitt ist. „Oft spüren Eltern, dass mit ihrem Kind etwas anders ist, stehen dem aber hilflos gegenüber. Gleichzeitig wünschen sie sich die bestmögliche Förderung für ihr Kind" Es gibt Lehrer, so die Erfahrung der Koordinatorin, die in einigen Fällen einfach überfordert sind im Umgang mit höher begabten Jugendlichen. „Oft werden die Begabungen negiert oder einfach übergangen, weil Erfahrung oder zeitliche Ressourcen nicht ausreichen", berichtet Meier.
Die Situation, in der sich begabte Jugendliche bewegen, ist am Beispiel von Nils Wagner (Name geändert) eindrucksvoll zu erkennen. Frauke Meier schildert den konkreten Fall: „Nils ist 15 Jahre jung. Er begann mit vier Jahren zu lesen, war seinen älteren Geschwistern in vielen kognitiven Fähigkeiten weit voraus. Die zweite Klasse hat er übersprungen."
In den Folgeklassen nahmen die Schwierigkeiten zu. Er war nicht nur der Jüngste in der Klasse, was an sich schon schwer war. Vor allem aber hat er sich im Unterricht schlichtweg gelangweilt. Frauke Meier schildert, wie sich die Situation verschärfte: „Nils war, was den Lehrstoff betrifft, unterfordert. Andererseits geriet er immer mehr in die Rolle eines Außenseiters, der den Habitus eines Strebers hatte. Die Folge: Mündlich beteiligte er sich kaum noch, störte jedoch immer stärker den Unterricht. Und das wiederum verstärkte seine Außenseiterposition noch einmal."
Nils psychische Belastung veränderte die Familiensituation. Es gab häufige Auseinandersetzungen zwischen Nils und seinen Eltern; aber auch unter den Eltern schwelte ein Konflikt. „Mutter und Vater hatten unterschiedliche Auffassungen, wie mit Nils weiter umgegangen werden sollte. Die Mutter suchte Rat bei dem zuständigen Jugendamt. Die Mitarbeiterin kannte den Bildungskompass und gab Nils Mutter die Adresse des CJD in Braunschweig."
Der Aussicht, für eine Woche in einer fremden Umgebung mit fremden Menschen zu leben und zu lernen begegnet, Nils mit gemischten Gefühlen. Durch die sehr detaillierten Fragenstellungen in den Erhebungsbögen, die im Vorfeld des einwöchigen Aufenthaltes verschickt werden und die allgemeinen Informationen über Warum und Wieso des Bildungskompass erkannte Nils, dass er mit großer Sicherheit unter anderem auf Jugendliche treffen würde, die, wie er auch, als Außenseiter gelten, nur weil sie „anders" sind als ihre Klassenkameraden. Die CJD Sozialpädagogin erinnert sich: „Als Nils an einem Sonntag im Mai bei uns eintraf, war er schon ziemlich skeptisch. Aber das ist verständlich. Er hatte gegenüber allem, was Schule betraf, eine eher negative Haltung entwickelt. Aber es war ihm auch ein Stück Hoffnung anzumerken, dass er hier eine Alternative zu seiner verfahrenen Situation finden kann."
Nils „Fremdelei" war, wie bei vielen anderen Jugendlichen vor ihm auch, am Montagabend vorbei. Die Begründung ist einleuchtend: Für viele war die Unterrichtssituation (maximal 12 Kinder in der Klasse), ihnen zugewandte Lehrer und die Tatsache, dass sie endlich einmal richtig gefordert werden, der Kick. „Sie fühlen sich ernst genommen, lernen auch Jugendliche kennen, die einen ähnlichen Hintergrund und ähnliche Erfahrungen haben", ergänzt Frauke Meier.
Nils gab am Tag zwei des „Bildungskompass" Gas. Die Herausforderungen an die Teilnehmer innerhalb der Woche sind vielfältig. Es wird nicht nur der Wissensstand in den Hauptfächern abgefragt. Intelligenzdiagnostik (Feststellen der intellektuellen Begabung eines Menschen) und die Sozialkompetenz sind weitere, wichtige Kriterien, die am Ende ein Bild ergeben.
„Das Bild übermitteln wir als Expertise. In ihr befinden sich alle Ergebnisse der Beobachtungen und Tests, die der Jugendliche in der einen Woche „Bildungskompass" durchläuft. Ich gebe ein paar Beispiele: Verhalten im Unterricht; Durchhaltevermögen, Kreativität; Selbstorganisation; Leben in der Gemeinschaft; Bereitschaft, sich an bestehende Regeln zu halten, Verhalten im außerschulischen Bereich. Am Ende sehen wir also die individuellen Kompetenzen und Förderbedarfe eines jeden Teilnehmers. Dies ermöglicht uns eine umfassende Beratung über die weitergehenden schulischen Möglichkeiten der Schüler im Rahmen eines Abschlussgespräches am Ende der Bildungskompasswoche"
Und damit sind wir wieder am Anfang, beim Kompass, mit dem im Nebel sicher navigiert werden kann. Das Wissen „Wo stehe ich", „Wo steht mein Kind" gibt Sicherheit für wichtige Entscheidungen auf dem Weg durch das Leben der jungen Menschen. Und somit steht der Bildungskompass des CJD Braunschweig im Einklang mit dem CJD Motto: „Jedes Kind ist alles wert."
Frank Gottsand-Groß