Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Dem Thema ‚gut und böse' begegnen wir in diesem Buch wiederholt in verschiedenstem Kontext und das selbstverständlich nicht ohne Grund. Ich möchte dieses spezielle Thema ganz beabsichtigt in Beziehung zur Freiheit bringen, um uns seine zentrale Rolle in der Entwicklungs Geschichte der Menschheit bewußt zu machen. Hierbei gewinnt das Thema enorm an Wichtigkeit, weil ‚gut und böse' darüber hinaus, daß wir sie als moralische Instanz erfahren, an die wir entweder glauben oder nicht glauben und der wir wiederum versuchen, gerecht zu werden oder nicht, seine indirekte Wirkung auf alle Menschen zeigt, welche jeden unabhängig von den verschiedenen Glaubens Auffassungen gleichwertig beeinflußt. In dieser zugegeben etwas ungewöhnlichen Betrachtungsweise zeigt sich uns auf, daß dieses Glaubens System von ‚gut und böse' einen weitaus höheren Stellenwert in der Menschheitsgeschichte im Sinne eines
Regulators inne hat, der die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins als äußere Führung begleitete. Es hatte also einerseits lange Zeit die Aufgabe, das destruktive, das zerstörerische Element im Zaume zu halten, welches in einer Welt von Gegensätzlichkeiten, also auf einer Erfahrungsebene der Dualitäten, um der Freiheit genüge zu tun, als Wahl Faktor bestehen muß. Um der ultimativen Möglichkeit des Neins, dem zerstörerischen, dem
Anti Wachstumsgen, welches uns aus unserem freien Willen gegeben ist, Grenzen zu setzen, um die kreative Kraft mit der destruktiven in einer lebensfähigen Balance zu halten und um nicht zuletzt die Kontinuität des Lebens als solches zu gewährleisten. Die Wachstums Gegenkraft ist also auch mit einer Sicherungs Funktion versehen worden, um der ursprünglichen Zielgerichtetheit in Richtung Bewußtwerdung gerecht zu werden
Wäre die kreative Kraft der Antrieb, welcher das anvisierte Ziel manifestieren möchte, nicht immer die treibende und letztendlich auch die dominierendere, gäbe es das kontinuierliche Wachsen und Heranreifen bis zur Vollendung wohl nicht, da offensichtlich, wenn wir die Welt betrachten, bei den Jahrtausenden währenden Kriegen, bei all der uns sichtbaren destruktiven Haltung, die wir dem Leben, unseren Mitmenschen, unserer Umwelt, dem Leben an sich entgegenbringen, eigentlich kein Happy End möglich ist, und objektiv gesehen dürfte die Menschheit, die Welt unter diesem Gesichtspunkt auch schon lange nicht mehr bestehen. Hier muß also ein Wirken vorhanden sein, welches den wunderlichen Fortbestand ermöglichte und dem diese moralische Stimme des ‚gut und böse' zugrunde liegt und uns sozusagen seit Anbeginn der Zeit in weiser Voraussicht nie ohne Netz auftreten ließ. Das heißt, solange wir in einer gewissen Unbewußtheit leben und agieren, hat dieser Glaube von ‚gut und böse' direkte Wirkung auf uns, schränkt uns ein, beengt uns aber schützt uns somit auch. Und im steten Bewußtwerden lösen wir uns vom seinem direkten Einfluß und gewinnen darüber hinaus Freiheit und Bewußtheit, welche uns irgendwann in ihrer erworbenen Fähigkeit die Grenzen des ‚gut und böse' übersteigen lassen und wir somit in erwachsener Haltung dem konstruktiven und destruktiven Prinzip entgegensehen können, um dann bewußte, freie Entscheidung fällen zu können.
Dem System des ‚gut und böse' Seins steht auch jene erwähnte Rolle zu, welche dem Menschen für Jahrtausende eine Art Schein-Sicherheit ermöglichte, in welcher er gedeihen konnte, um sich mit dem erforderlichen Rüstzeug zu wappnen, und zwar die Bewußtheit an sich und die damit verbundenen Qualitäten, welche uns ermöglichen, einen weiteren Schritt in Richtung Freiheit zu gehen. Somit ist die Ära des ‚gut und böse' Seins, des Eingebundenseins in äußerliche Regeln und Gesetze dann vorüber, wenn eine gewisse erwachsene Bewußtheitsqualität etabliert ist und der Wechsel zur Erkenntnis, absolut frei zu sein, sich gewissermaßen selbst einläutet. Das Erfahren der einzigen und wirklich existierenden inneren Instanz ist folgerichtig dann erst möglich, wenn mündige und reife Mitarbeit am Lebenswerk gewährleistet ist. Die Menschheit ist hier an einem Grenzgebiet angelangt, braucht zum einen wohl noch Schutz, ist aber auch andererseits bereit, aus ihren Kinderschuhen herauszuwachsen. Meiner Ansicht nach erleben diesen inneren Quantensprung bereits viele Menschen auf ihre eigene individuelle Weise und auch auf die gesamte Menschheit bezogen ist ein Wandel in Richtung der erwähnten Loslösung von begrenzenden Systemen angeklungen. Wir sind demnach gerade dabei, uns von unserer Sicherungs Leine zu lösen und können der zumindest zeitweise hilfreichen Illusion des ‚gut und böse' den Rücken kehren, um uns weiterhin in Richtung Freiheit zu bewegen.
Mit anderen Worten, ‚gut und böse' existiert nicht und hat auch nie wirklich bestanden, außer als Mittel zum Zweck, als notwendiger Bestandteil dualer Bedingungen, als temporäres Inventar. Das einzige, was existiert, ist die absolute Entscheidungsfreiheit und selbstverständlich die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, welche aber die Freiheit an sich nur vorübergehend und auf unsere Wahrnehmung bezogen beeinträchtigen, aber nicht wirklich in grundsätzlicher Hinsicht. Das heißt, auch um dem Gott, dem schöpferischen Wesen, der uns innewohnenden letzten Instanz zu begegnen, müssen wir dieses beschränkende und das aber uns auch bisher lenkende Bild von der Existenz von ‚gut und böse' verabschieden und loslassen. Sicherlich sind die meisten Menschen auf dieser Welt noch nicht bereit, dieser unendlichen Freiheit zu begegnen, halten also lieber an Regeln und Gesetzen fest, um dadurch Stabilität zu erfahren und zu erhalten. Was ja auch lange Erden Zeit der eigentliche Sinn dieser aüßerlich unterstützenden Führung war und somit auch in Anbetracht des offenkundig bestehenden Bedürfnisses immer noch einer gewissen Legitimität und Berechtigung zugrunde liegt. Nichtsdestotrotz sind wir nun zumindest meiner Meinung nach in Hinsicht auf den größeren und umfassenderen Zeitplan der Weltengeschichte gesehen an einem Wendepunkt angelangt, wo diese unsere spirituelle Weiterentwicklung in Richtung Selbsterkenntnis in das Zurückerinnern, Gott selbst zu sein, mündet. Und da wir unserem Gottsein nur in absoluter Freiheit und Losgelöstheit begegnen können, ist es naheliegend, daß ein Quantensprung in Richtung einheitlicher und ganzheitlicher Betrachtungsweisen vonnöten ist.
In diesem Sinne ist auch jegliche Erfahrung eine Bereicherung, gleichsam wertvoll und vielleicht sogar unbedingt notwendig für den Bewußtwerdungs Prozeß, welcher uns exakt und in gewisser Weise zwangsläufig in dieser zu uns selbst führenden Umlaufbahn hält und welche sicherstellt, daß wir uns zur Einheit bewegen mittels unseres Darüberhinauswachsens über duale Bewertungs Systeme. Wenn wir bereit sind, diesen sicherlich außergewöhnlichen Schritt der Annäherung zu wagen, müssen wir unweigerlich all die Sicherungen, die scheinbar relevanten Regeln, Gesetze, Moralvorstellungen als nichtig und illusorisch erkennen, um uns für die Erfahrung unserer absoluten Freiheit zu öffnen und uns somit unserem Gottsein in seiner Totalität zu erinnern. Wenn wir bereit sind, in diesem grenzenlosen freien Raum zu sein, uns als Individuum nicht wegen der Angst, uns zu verlieren, in Regelungen und Systemen verankern müssen, also ohne eine künstliche Sicherungsleine in der lautlosen Leere zu schweben, begegnen wir auch unweigerlich Sichtweisen und ungleich komplexeren Zusammenhängen, welche unsere herkömmliche Art und Weise, die Dinge zu betrachten, ad absurdum führen. Hierbei gehört natürlich auch die Begegnung mit unserer inneren Weisheit dazu, welche allzu oft lange Zeit im Verborgenen lag und welche das sogenannte Böse, das Destruktive, welches wir auch mit dem Teufel, Luzifer und mit vielen anderen Namen betiteln, als nichtig anerkennt und um den tieferen Sinn des universell Göttlichen weiß. Dort nämlich, wo wir dieses innere Wissen berühren, erfahren wir, daß dies erwähnte Negative nur als in der Dualität Wahrgenommenes Bestand hat, und es ist für uns auf dieser Wahrnehmungsebene auch nur dort als existierend anerkannt.
Auf höherer Ebene, auf dem Boden einheitlicher Verschmolzenheit, lösen sich Gegensätze wie ‚gut und böse' auf, sind hier gar nicht existent. Somit ist es auch durchaus verständlich, daß auf dieser Bewußtseins Ebene die Tatsache offen liegt, daß es auf das „göttlich Ewige" bezogen keinen relevanten Einfluß hat. Mit anderen Worten, alles was existent ist, ist auch vergänglich, wird geboren und stirbt und hat keine Einwirkung und schon gar nicht irgendeine Macht auf das, was ich das Unbekannte, das Unbenennbare nennen will, jenes, was alles gebärt und wohin auch alles wieder zurückkehrt. Dasjenige, was noch größer und unendlicher, also unvorstellbarer ist als das, was wir Gott nennen. Somit ist auch die Identifikation mit Gott noch nicht das Ende unserer Reise, ein tatsächliches Ende ist nicht abzusehen und aus Gründen, welche in der Natur der Sache selbst zu finden sind, liegen uns diese zukünftigen Etappen unserer Transformation noch gänzlich im Dunkeln und Unbewußten verborgen.
Ich möchte darauf hinweisen, daß ich mir selbstverständlich bewußt bin, daß die von mir ausgesprochenen bisherigen Aussagen im positiven sowie im negativen Sinne interpretiert und genutzt werden können und ohne Zweifel beiderseits genutzt werden. Daß dies vor allem Jahrhunderte lang im Negativen befürchtet und gefürchtet wurde und noch wird, scheint mir aber kein relevanter Grund zu sein, diese für mich wichtige Information nicht weiterzugeben bzw. nicht auszusprechen. Meiner Ansicht nach ahnt der wirklich Erkenntnissuchende, was seinem und dem allgemeinen Wachstum förderlich ist. Was ihn wirklich befreit oder gefangen macht, mit anderen Worten, ob sein Egoismus positiver oder negativer Natur ist. Ob ihn das, was er gerade im Namen der Freiheit tut, erhellt oder verdunkelt, er weiß eigentlich ganz genau, ob es konstruktiv oder destruktiv ist. Und wenn der Mensch an sich der Freiheit als solches nicht irgendwie erfahrbar nahekommt, wie kann man dann erwarten, daß er einen Schritt in Richtung Selbst Verantwortung geht und sich selbstständig und frei willig in seine erwachsene Rolle einfügt? Bei den Menschen, die wiederum nicht auf der Suche nach sich selbst sind, diese Begegnung mit sich selbst sogar eher noch vermeiden, ist das Ausleben sogenannter Freiheit definitiv nur eine illusorische und führt somit kurz oder langfristig in eine Entwicklungs Sackgasse. Da das Ausleben des negativen Egoismus eine willentliche Entscheidung ist, der sich im allgemeinen schon recht gut verbreitet und etabliert hat, wage ich zu vermuten, daß die Offenbarung, daß wir absolut frei sind, uns für eine Richtung ungestraft entscheiden können und daß wir auch keine Rechenschaft vor einer höheren Autorität abzuleisten haben, außer vor uns selbst, an sich keinerlei signifikante schädliche Auswirkung hat.
Menschen, welche sich auf diesem Weg der Egozentrik bewegen, verlieren zunehmend mehr den Kontakt zum Kollektiv, zur Außenwelt, zu höheren Welten und Werten, daß für sie in ihrer immer mehr isolierten, eigens erschaffenen Illusions Welt sowieso ab einem bestimmten Punkt nur noch das Ich als Instanz existiert und zählt und ihr Fokus auf das Materielle keinerlei Anregung für das sich Bewegen in die entgegengesetzte Richtung zuläßt, es eher sogar von sich abweist. Man könnte sagen, daß die Freiheit hier ins Destruktive zeigend in einer Spirale in die Mitte hin zum absoluten Nullpunkt führt, was einer Art Selbstreinigungs Effekt entspricht. Hier richtet also die Erkenntnis der absoluten Freiheit keineswegs Schaden an. Aber dem Erkenntnissuchenden hingegen ist meiner Meinung nach diese Information über die Natur der absoluten Freiheit sehr wertvoll, da sie ihm den Weg ebnet, sich von dem noch Begrenzenden zu lösen, um noch stärker in seine Selbstverantwortung und in das Nutzen seiner Schöpferkraft zu gehen. Um nicht zu sagen, ihm ist diese Information unverzichtbar für ein Weiterschreiten in Richtung Bewußtsein und erlernbare Freiheit. Im Lichte der dualen Erscheinung betrachtet sehen wir dann im Außen, daß sich im ersteren Falle „Böses" und im letzteren „Gutes" manifestiert. Und sollte uns dies auch nicht gefallen, wir können und dürfen die Freiheit des Menschen, sich selbst zu erfahren, nicht angreifen, aber wir können Wege eröffnen, welche ein einfacheres Ankommen bei uns selbst ermöglichen, wir können die Hindernisse aus dem Weg räumen, die denjenigen, die tatsächlich auf dem Pfad der Selbsterkenntnis wandeln, das Suchen und Finden erleichtert.
Auf das Paradoxon, Gott zu sein, also ungetrennt die Einheit an sich zu sein und doch gleichzeitig verkörperte Individualität, also scheinbar getrennte, isolierte Existenz, losgelöst von der Ganzheit zu erfahren, möchte ich nochmals gesondert eingehen. Und zwar möchte ich hier ein praktisches Beispiel anführen, welches das Thema in einen potentiell nachvollziehbaren „alltäglichen" Kontext bringt. So begegnen mir nämlich, während ich dieses Buch schreibe, diese zwei fast unvereinbaren Wesenhaftigkeiten, das Ganze und das Individuelle in einem fort. Ich identifiziere mich zum einen mit Gott, mit der Ganzheit, welche alles umfaßt, mit dem wahren Autor, also mit der Instanz, welche Ursprung ist, welche identisch ist mit dem Buch, mit dem Mensch, der es schreibt, letztendlich eins ist mit der Idee, als auch mit der Verkörperung derselben. Und zum anderen erlebe ich mich gleichzeitig in einem speziell präparierten und scheinbar isolierten Raum Zeit Gefüge, als Individualität, welche sich keineswegs mit dem Autor identifiziert, da sie sich durchaus bewußt ist, daß sie nur schreibt, was von irgendwoher diktiert wird. Beide simultan erfahren ergeben selbstverständlich eine kuriose Mischung, welche beide als getrennt voneinander existierende Wahrnehmungen erlaubt, aber auch noch zusätzlich eine Erfahrung gewährt, die ich das „1 + 1 = 3" Phänomen nennen möchte. Das bedeutet, daß ich zusätzlich zu der erwähnten Identifikation mit dem Individuum und mit dem Kollektiven, eine weitere dritte Wahrnehmung habe, die beiden als Quasi Hintergrund dient. Ich kann nicht wirklich beschreiben, was da vor sich geht, da es nicht in unserem herkömmlichen dreidimensionalen Wahrnehmungserleben stattfindet und ich somit auch nicht in Worten, welche an diese Paradigmen gebunden sind, ein Bild malen kann, welches doch keinerlei Relevanz in dieser dualen Erlebniswelt findet. Aber ich kann bestätigen, daß es dieses Dritte gibt und daß es grob umschrieben diesem Schweben in der Unendlichkeit der Leere entspricht. Welches ich paradoxerweise sehr subtil im Hintergrund und dennoch vordergründig als dominant erfahre und welches somit den beiden anderen Wahrnehmungen als nichts und dennoch schon alles beinhaltende Blaupause unterliegt. Es ist, als ob ich mit einer umfangreicheren Bewußtseinsqualität die beiden anderen irgendwie beinhaltend umspanne, begreife und paradoxerweise gleichzeitig feinstofflich durchdringe.