Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Hier möchte ich nochmals stark betonen, daß in letzter Konsequenz alles
Eins ist und Trennung wirklich nur in unserer Wahrnehmung existiert. Das heißt, daß Gotteserfahrung immer gleich auch Menscherfahrung ist und natürlich umgekehrt. Daß also jegliche Erfahrung, welche ein menschliches Wesen macht, auch gleichzeitig
eine Erfahrung ist, die Gott macht. Anders formuliert bedeutet dies, das, was das Individuum als solches erfährt, ist auch simultan eine Erfahrung des Kollektivs und demnach eine nicht voneinander zu trennende individuelle und gleichsam kollektive Erfahrung. Was natürlich den logischen Rückschluß ergibt, wenn Individuum und Kollektiv, wenn Mensch und Gott eins sind, ist auch in beiden die Quelle des ursprünglich Schöpferischen gleichwertig enthalten. Hier sind beide Schöpfer und Schöpfung zugleich und nehmen direkt oder indirekt am kreativen Gestaltungsprozeß teil und sind somit auch stimmberechtigte und voll verantwortliche Gestalter und Gestalterin im Bezuge auf alle existierenden Erscheinungen. Und von der Essenz, die in beiden gleichsam wirkt, findet alles sich Gestaltende, sich Entfaltende, was stetig wächst, lebt und stirbt, seinen Ursprung und somit seine uneingeschränkte Berechtigung und seine göttliche,
lebendige Sinnhaftigkeit. Diese prinzipielle Sinnhaftigkeit, die absolute Vollkommenheit eben, welche demnach in allem beinhaltet ist, läßt als notwendigen gedanklichen Schritt nur noch die
logische Folgerung zu, daß wirklich ohne Ausnahme jede menschliche Erfahrung gleichberechtigt eine Gotteserfahrung ist und Gott sich somit in jeder menschlichen Erfahrung auch zwangsläufig selbst erfährt. Das heißt,
jede Erfahrung = Gotteserfahrung.Und auf des Menschen Erleben, auf sein Sammeln von Informationen sowie auf die Aneignung von Bewußtheiten bezogen, können wir, wenn wir diese Formel anwenden, eben all jenes als Gottes Schau bezeichnen. Also generell die Behauptung aufstellen, daß unser Erlangen von Kenntnis und dies insbesondere in Hinblick auf das Erschaffen von Selbst Erkenntnis, eben die Bewußtwerdung an sich, welche demnach ja allem essenziell eigentümlich ist, nichts anderem entspricht, als daß Gott durch die Augen des Menschen sich selbst ins Angesicht schaut. Unsere Selbsterkenntnis eben immer auch die Selbsterkenntnis Gottes ist und demnach alles Lebendige untrennbar vom Ganzen Anteil hat am universellen Prozeß des Betrachtens und der bewußten Werdung.
Selbstverständlich gibt es hier ein paar kleinere Ungereimtheiten, welche aus unserer doch sehr begrenzten und meist dual beschränkten Sichtweise entstehen und auch auf dieser zweipolig beschränkten Bewußtseinsebene sicherlich gewisse Berechtigung besitzen. Jedoch lösen sie sich wie von selbst auf, wenn wir die Grenzen der Dualität überschreiten und somit das Land der einheitlichen Erfahrungsebene betreten. Um dem allgemeinen Verständnis zu Diensten zu sein, also eventuell etwas zu unserer Aufklärung beizutragen, werde ich eines von den unzähligen Wenn und Abers zur näheren Betrachtung heranziehen: eine Ungereimtheit wäre da z. B. daß wir auf die nicht seltene Idee stoßen, daß doch all diese Unvollkommenheit, welcher wir auf dieser Erde begegnen wie Gewalt, Hunger, Mißbrauch oder Elend als solches, um nur einige zu nennen, nicht Gott sein können. Es fällt uns schon schwer, solche unangenehmen Erscheinungen, eben die Unvollkommenheit an sich, als von Gott herkommend zu vermuten, also als gottes ursprünglich einzustufen. Und ungleich schwerer ist es für uns zu realisieren, wenn nicht sogar in manchen Fällen praktisch unmöglich, sie mit Gott gleichzusetzen, also zu behaupten, das, was wir da sehen, ist Gottes Angesicht. Tatsache ist, daß dies in einem dualen Begriffs System, also mit unserer dualen Auffassungs Fähigkeit auch nicht verständlich ist und auch in den uns zu Verfügung stehenden Worten und Begriffen, welche dieses System zu bieten hat, keine angemessene Ausdrucksweise findet. Also auf dieser Ebene gänzlich in den Bereich des Unerklärlichen fällt und allenfalls letztendlich unbefriedigend umschrieben werden kann.
Es ist also durchaus verständlich, daß wir immer wieder unvermeidlich diesem generellen Unverständnis in unserem „normalen" Auffassungsvermögen begegnen müssen, da diese Ungereimtheit auf dieser Ebene eben einfach existent ist, um nicht zu sagen, Teil unserer relativen Realität. Dennoch gibt es Mittel, welche das Überschreiten dieser Grenzen ermöglichen und diese sind z. B. die Meditation, das Paradoxon oder auch ein Gleichnis. Wenn wir uns hier in unserer Betrachtungsweise, in unserer Wahrnehmung durch ein beharrliches Üben umkonditionieren, erlauben wir uns den Zugang zur erweiterten Verständnisfindung. Diese Übungen öffnen uns den Raum hinter unserer Dreidimensionalität und geben uns Einblick in größere, komplexere Zusammenhänge. In jenen Praktiken können wir in uns Dimensionen aufsuchen und ergründen, welche dem normalen Tagesbewußtsein fremd und unmöglich erscheinen und in denen der hier in diesem Kapitel erwähnte Stoff leicht verständlich ist und keinerlei Verdauungsschwierigkeiten bereitet. Ich werde nun zum Schluß des Kapitels ein solches Paradoxon anführen, bei dem wir vielleicht einer den Sätzen unterliegenden tieferen Wahrheit begegnen, wenn wir es durch meditatives Betrachten zulassen, daß sich die scheinbaren Gegensätzlichkeiten auflösen dürfen. Eine paradoxe Aussage, welche ich z. B. dem Einwand: „Das kann doch aber gar nicht Gott sein!" als Antwort entgegnen würde, ist: „Es gibt nur eine Realität und die heißt Gott." Dennoch kann ich auch sagen, dies ist Gott und ist auch nicht Gott. Also auch das, was uns als Nicht Gott erscheint, ist letztendlich Gott, denn eigentlich gibt es nichts Existentes außer Gott, also kann dies auch nichts anderes wie Gott sein. Und diese universelle Realität, die wir Gott nennen, ist entstanden aus dem Urgrund allen Seins, der Leere, in der das Nichts und gleichzeitig alles Seiende bereits enthalten ist.