Bildfragment
Mariana Scvortova kam im Jahr 1963 in Chisinau in der damaligen Moldawisch Sozialistischen Sowjetrepublik (MSSR) als zweites von drei Kindern einer jüdisch-moldauischen Familie auf die Welt. Ihr Vater war ein anerkannter Bildhauer, ihre Mutter Lehrerin. Die Persönlichkeit ihres Vaters und der Flair des intellektuell-künstlerischen Umfelds prägten sie. Schon als Zwölfjährige wurde sie am Kunstgymnasium ihrer Heimatstadt aufgenommen. Es folgten ein Aufenthalt am Kunstgymnasium im Leningrad (St. Petersburg) und ein Studium an der Kunstakademie im damals progressiven Tallin (Estland).
Nachdem bei einem Brand ihres Ateliers alle ihre Bilder verbrannten, nahm Mariana Scvortova dies als Wink des Schicksals und entschied sich, Kunst zu schaffen, die nicht so leicht zu zerstören sein würde. Sie wählte als Hauptfach: „Kunst am Bau". Für ihre Diplomarbeit schuf sie auf 60 Quadratmetern Wandmalereien in Al-Fresco-Technik in einem Gemeindekulturhaus in einem moldauischen Dorf. Nach dem Studienabschluss unterrichtete sie zunächst an dem Kunstgymnasium in Chisinau, an dem sie selbst gelernt hatte. Gleichzeitig erfüllte sie den Auftrag für eine Wandmalerei (ca. 100m²) im Völkerkunde-Museum in der Stadt Edineti im Norden Moldaus, Glasmalereien für eine neue Erscheinung des Kapitalismus, einem Kasino, und im Jahr 1995 stellte Sie 11 Wandbilder (ca. 30qm) in der Kirche „Die Heilige Magdalena" in Den Haag, Holland fertig.
Zu dieser Zeit war der Zerfall der Sowjetunion mitten im Gang und die Folgen der Desintegration trafen auch Mariana Scvortova mit voller Wucht. „Die galoppierende Inflation hat meine Honorare für die monumentalen Werke aufgefressen." Im Rückblick sagt sie: „Die neunziger Jahre war die schrecklichste Zeit meines Lebens". Denn so fragwürdig das sowjetische System auch war, so gab es den Menschen zumindest einen festen Rahmen. Nach dem Zerfall trat anstelle dieses Systems totales Chaos mit Kriminalität und Korruption auf allen Ebenen. Inmitten dieses Chaos befand sich Mariana Scvortova, die von 24 $ Monatslohn als alleinerziehende Mutter überleben musste.
Als Deutschland die Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion erlaubte, entschied sich Mariana Scvortova mit ihrem Kind und ihrer Mutter in die Bundesrepublik zu ziehen. Ihre erste Station war Weiden in der Oberpfalz. Gleich nach Abschluss ihres Sprachkurses arbeitete sie als Kinderbetreuerin in der Hausaufgabenhilfe für ausländische Kinder, und schon nach einem Jahr fand ihre erste Ausstellung statt. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuße: Nur ein Bild wurde verkauft. Heute sagt sie: „Für mich war es eine Katastrophe. Ich konnte nicht begreifen, dass hier meine Kunst nicht geschätzt wurde. Im Nachhinein bin ich über meine damalige Naivität erstaunt."
Um in Deutschland doch noch Fuß zu fassen, zog sie 2000 nach München und bildete sich im Bereich Neue Medien weiter. Schnell fand sie eine Stelle als Webdesignerin bei einem großen Konzern. Doch schon bald musste sich die Künstlerin eingestehen, dass sie nicht für die Unternehmenswelt geschaffen ist. „Ich fühlte mich als ein Fremdkörper in diesem Organismus, es fehlte mir die Sinnlichkeit." Verzweifelt suchte sie nach einer anderen beruflichen Perspektive und bekam nach Monaten der Suche die Möglichkeit, Kunstkurse an der Volkshochschule (VHS) zu geben. Seit 2001 ist sie als Dozentin bei der VHS München und Umgebung tätig. Mit Erfolg hält sie Seminare für Fresko- und Temperamalerei, klassisches Zeichnen und Ölmaltechnik des XVII Jahrhundert sowie Mosaik, Aquarell und Pastelltechniken. Beim Unterrichten der klassischen Malerei wurde Mariana Scvortova auch ihre eigene künstlerische Positionierung klar: „Die fast fetischistische Liebe zu Detail und Material ist nur mit der Mehrschichtigkeit der alten Techniken zu erreichen."
Alle diese Merkmale der Werken von Künstlerin erwecken beim Betrachter eine breite Palette von Gefühlen. Sie sind nostalgisch, melancholisch, aber stehen im Klang mit dem modernen Leben. Das bedeutet auch, im Bild den Gegenpol eines verlorenen und unsicheren modernen Menschen zu entdecken.
Künstlerisch hat Mariana Scvortova ihren Platz gefunden, gesellschaftlich ist sie noch auf der Suche: „Es fällt mir schwer, diese Orientierung an Gewinn und Geld als einzigen Wert zu akzeptieren. Dann bleibe ich lieber eine altmodische Idealistin. Heute schaffe ich um zu schaffen."
München, den 18.02.10.
Weitere Infos:
www.marianas.de