Rainer Sauer/Autor
Ich kann wirklich nicht behaupten, daß mir Gefühle immer willkommen waren und schon gar nicht jene, die wir als unangenehm, lästig und manchmal gar als lebensbedrohend empfinden. Vermutlich habe ich bis zu meinem dreißigsten Lebens Jahr nichts anderes getan, als das Erleben von Gefühlen zu vermeiden und mich insbesondere vor den nicht so angenehmen zu scheuen. Meine Hauptbeschäftigung bestand sozusagen darin, Gefühlen auszuweichen, mich der Wahrnehmung derselben zu verschließen, also Mittel und Wege zu finden, meiner definitiv existierenden und vermutlich bunten und lebhaften Gefühlswelt zu entfliehen. Diese grundsätzliche Information stelle ich erst mal voraus, damit es nachvollziehbar wird, daß auch ich „durchaus meiner menschlichen Natur eigen" die Gefühls Vermeidung jahrelang in Gewohnheit praktizierte. Um dadurch faktisch festzustellen, daß die Gefühle zwar
immer offenen Durchgang zu uns selbst anbieten, daß dies aber nicht heißt, daß unser Durchschreiten von alleine geschieht, sondern daß wir uns entscheiden müssen, hinein und durchzugehen, und
wir es letztendlich sind, welche die Handlung des Durchschreitens in die Tat umsetzen. Was uns andererseits offensichtlich auch die Wahl lässt, und dies können wir wahrscheinlich alle aus eigener Erfahrung heraus mit Nachdruck bestätigen, daß wir uns auch verschließen, also gegen das Durchschreiten der Gefühle entscheiden können.
Das habe ich auch ausgiebig selbst angewendet, bis ich an einen Punkt kam, den ich mal die Erkenntnis derGefühls Relevanz nennen möchte, an dem ich nach langjährigem schmerzlichen Versuch, mir selbst zu entfliehen, glücklicherweise angelangt bin und die lebens notwendige Akzeptanz meiner Gefühlswelt erkannte. Dies bedeutet, daß auch die Erkenntnis, daß Gefühle ein Durchgang, ein direkter Zugang zu uns selbst sind, das Ergebnis des Durchstreifens unserer ureigenen Lebensweg-Landschaft ist. Erst als ich bereit war, meinen Gefühlen zu begegnen und diese meine innere Landschaft durchschritt, kam ich zu diesem Punkt, also zu der Wegmarkierung, welche mich dies erkennen ließ. Seit dieser Zeit sind Gefühle jeglicher Art prinzipiell ein Geschenk für mich, genauso wie das Leben an sich. Ich möchte hier aber nicht auf die Geschichtschronik, wie ich dahin kam und warum das so ist, näher eingehen. Ich möchte mich eher damit befassen, wie diese „Tatsache", welche mir zur Erkenntnis wurde, nämlich die Aussage Gefühle sind Durchgang zuuns selbst zu verstehen ist und wie dies im täglichen Leben Anwendung finden kann. Als erstes ist dabei zu erwähnen, daß Gefühle an sich immer neutral sind und nur mittels unserer subjektiven Wahrnehmung als angenehm und unangenehm empfunden werden. Je mehr ich mich mit meinen Gefühlen und mit meinem Körper identifiziere, desto mehr nehme ich diese duale und voneinander scheinbar getrennte Erscheinung wahr. Identifiziere ich mich hingegen mit dem Bewußtsein, also mit dem, der das Gefühl beobachtet, der dieses Gefühl sogar wert neutral betrachten kann, löst sich das Getrenntsein in Unangenehmes und Angenehmes auf, und die Gefühle als solches werden als das erkannt und gesehen, was sie nun mal sind: eine Kommunikationsform, ein Mittel der Verständigung zwischen Innen und Außenwelt, zwischen Körper und Bewußtsein und nicht zuletzt Dialog zwischen unseremhöheren Selbst, unserem Göttlichen Sein und unserer menschlichen Identität, welches wir auch „Ich" nennen können.
Selbstverständlich kommuniziert unser Herz in einem ständigen Informationsfluß durch die Gefühle mit uns, wobei unsere Gefühle somit richtungsanweisende Qualitäten aufzeigen, mit anderen Worten, uns die Richtung weisen. Das heißt, Gefühle sind nicht nur unbedingt neutrale Informationsträger und somit aüßerst nützlich, sondern für unsere spirituelle Weiterentwicklung unbedingt vonnöten und haben demnach als unsere inneren Boten und Helfer das Prädikat unverzichtbar. In dieser Hinsicht sind nun unsere Gefühle immer ein Durchgang zu uns selbst. Das heißt, wenn ich mit dem Gefühl bin, wenn ich wirklich präsent bleibe und dem jeweiligen Gefühl geduldig Zeit und Raum gewähre, sich zu offenbaren, leitet es mich auf direktem Weg zu mir selbst. Und damit meine ich wirklich auch ganz speziell, daß mich dieser Durchgang zwar nicht immer und unbedingt, aber doch theoretisch und generell bis hin zu meinem wahren Selbst führen kann. Hierbei ist es eigentlich nur wichtig, daß wir jedem Gefühl offenherzig, egal welcher Erscheinungs Art es auch zugehörig sein möchte, mit Akzeptanz, Berechtigung, Würdigung und dem Wissen begegnen, daß es eine bedeutende Botschaft, eine Erzählung, eine Geschichte für uns bereithält und wir uns entscheiden können zuzuhören oder eben unsere Sinne dafür zu verschließen. Denn ein jedes Gefühl hat seine eigene Geschichte zu erzählen und seine eigene Botschaft zu überbringen. Und je nachdem, ob wir überhaupt zuhören und wie lange wir zuhören, können wir diesem Pfad folgen und dies im günstigsten Falle bis exakt dahin, wohin dieses spezifische Gefühl uns auf unserer abenteuerlichen Reise der Selbstfindung begleiten möchte.
Wenn wir diesem Pfad un entwegt folgen, der zweifellos immer ohne Ausnahme zu uns führt, kommen wir zu neuen noch unentdeckten uns innewohnenden Gefilden und gelangen zur Erlebnis Welt innerhalb von uns. Zu einer inneren Erlebniswelt, einem Gefühls Raum eben, der einen bis dahin noch unbekannten Aspekt und somit auch eine neue Ausdehnung und Weite unseres Seins erschließt. Und in diesem Sinne ist jedes Gefühl ein Zugang zu uns selbst, ein kontinuierliches Rufen, und stammt ganz nahe von daheim. Eine Standleitung quasi, welche immerzu eine Verbindung aufrechterhält zwischen unserem wahren Zuhause, unserem göttlichen Selbst und unserem derzeitigen Aufenthalt, eben unserer vorübergehenden Bleibe in unserem sogenannten Ich. Ein ständiger Kontakt zur inneren Führung, welche uns auf unserer Reise der Selbsterkenntnis begleitet. Wenn ich nun diesem Ruf, der mir den Weg nach Hause aufzeigt, ins Gefühl hinein folge, ist das, was dann geschieht, vergleichbar mit einem sich Hin Durchbewegen durch einen Geburtskanal. Es ist also einem sich Hindurch Schlängeln ähnlich, wenn ich mich meinen Gefühlen stelle und sie durchlebe. Einfach gesagt, der Weg führt mich in das Gefühl hinein und leitet mich weiterhin durch das Gefühl hindurch. Somit ist das Hineingehen in das Gefühl und das Durchschreiten desselben, also unser Hin Durch Bewegen durch den Geburtskanal, mit einem Prozeß des Neu Geboren Werdens und mit dem letztendlichen in uns selbst Ankommen gleichzusetzen. Möchte ich also zu Hause ankommen, ist es unbedingt empfehlenswert, die Gefühle als solches stets liebevollwillkommen zu heißen. Und dies, weil es eben die Gefühle sind, welche mich hier in der Ferne abholen und mich auf meinem Weg nach Hause begleiten.