Was nicht sein darf, kann nicht sein. Das dachte wohl der Geologe Professor Adolf Seilacher aus Tübingen als er 1996 zum ersten Mal im zentralindischen Dorf Chorhat einige bräunlich-verwitterte Sandsteinplatten betrachte. Die Oberfläche des weichen Gesteins war zerfressen von einem Gewirr gewundener Rillen und Gänge, den typischen Grabspuren von Würmern.
Doch der Sandstein von Chorhat besteht aus Sedimenten, die sich vor etwa 990 Millionen bis 1,15 Milliarden Jahren ablagerten. Zu einer Zeit also, während der es gemäß der Evolutionstheorie von der "kambrischen Explosion" noch gar keine mehrzelligen Tiere wie Würmer gab. Einzellige Blaualgen und Bakterien sollen damals die einzigen Bewohner der Erde gewesen sein. Vielzeller, so die Theorie, tauchten erstmals vor etwa 540 Millionen Jahren im Erdzeitalter Kambrium auf. Einem biologischen Urknall gleich sollen sich damals in den Urozeanen in nur wenigen Millionen Jahren die Vorläufer fast aller heutigen Tierstämme, wie Korallen, Würmer oder Schnecken entwickelt haben.
Getreu der Lehrmeinung ging Seilacher zunächst davon aus, dass die Rillen lange nach der Gesteinsbildung entstanden sind. Aber die rätselhaften Spuren ließen ihn nicht mehr los. Ein Jahr später kehrte er zurück, fertigte Abdrücke und nahm Proben. Eine radiometrische Analyse entlockte dem Chorhat-Sandstein dann ein uraltes Geheimnis: Vor 1,1 Milliarden Jahren bohrten bleistiftdicke ozeanische Sandwürmer diese bis heute erhaltenen Gänge. Der Wurm ist damit eines der ältesten bislang bekannten Tiere. Er lebte in Sandschichten am Boden eines flachen Meeres, das das heutige Zentralindien bedeckte und wies wahrscheinlich schon viele der heute typischen Wurmmerkmale wie Ring- und Längsmuskulatur, einen segmentierten Körper und einen durchgehenden Darm auf. Seilacher fand auch Überreste von Blaualgenmatten, die den Sandboden bedeckten und den Würmern als Nahrungs- und Sauerstoffquelle gedient haben könnten.
Während einige Fachleute den Fund als bahnbrechend für unsere Vorstellungen über die Entwicklung des Lebens erachten, haben andere dagegen Zweifel. So meint Bruce Runnegar, Professor für Paläontologie an der Universität von Los Angeles, Kalifornien, dass auch einzellige Algen für die urzeitlichen Grabungen verantwortlich sein könnten. Adolf Seilacher ist sich aber sicher, dass aufgrund des bei jeder Röhre konstanten Durchmessers nur Tiere mit Muskeln, also Mehrzeller, als Tunnelbauer in Frage kommen. Für viele andere Wissenschaftler wie den Evolutionsforscher Professor Martin Sudhaus vom Institut für Zoologie der Freien Universität Berlin wird die Bedeutung des Wurmfundes völlig überbewertet: „Man hat hier etwas entdeckt, von dessen Existenz sowieso fast jeder ausgegangen ist". Zudem war die kambrische Explosionshypothese bereits heftig ins Wanken geraten, als Forscher in Südchina auf die Überreste mehrzelliger schwammartiger Tiere stießen, und ihr Alter auf etwa 580 Millionen Jahre datierten. Weitere Kritik steuerten Molekularbiologen bei. Nach ihren Berechnungen lebten mehrzellige Urtiere schon vor über einer Milliarde Jahren.
Mit der Entdeckung des Urwurms könnte man sich eigentlich von der "kambrischen Explosion" verabschieden, denn wahrscheinlich hat sie nie stattgefunden. Doch der Disput über Wege und Schnelligkeit evolutionärer Entwicklung ist noch lange nicht beigelegt. So geht Adolf Seilacher davon aus, dass sich seine Würmer über mehrere Hundert Millionen Jahre nicht sonderlich verändert haben, die Evolution also eine lange Pause einlegte. Erst später, zu Beginn des Kambriums, habe es dann ein „explosives Auftauchen neuer Baupläne gegeben". Fast „wettrüstungsartig" legte die Evolution an Tempo zu. Völlig neuartige, mit Schalen- und Panzerskeletten aus Kalk oder Chitin ausgerüstete Tiere wie die am Meeresboden verankerten, muschelähnlichen Armfüßer, die Brachiopoden, und die asselähnlichen Trilobiten entstanden. Die "kambrische Explosion" ist damit zwar leicht abgewandelt aber wiederbelebt.
Für Martin Sudhaus und andere Evolutionsforscher ist die Idee einer rasanten, scheinbar aus dem Stand erfolgten Evolution abwegig. Wie bereits Charles Darwin hält er einen kontinuierlichen Ablauf ohne größere Sprünge oder lange Pausen für wahrscheinlich. Demnach müsste es zahlreiche Weichtierarten als Vorläufer der kambrischen Artenvielfalt gegeben haben. Doch Weichtiere hinterlassen nach ihrem Tod keine direkten Spuren, sie verschwinden quasi im Nichts, so als hätte es sie nie gegeben. Ihre Existenz lässt sich nur in seltenen Glücksfällen, wie bei dem Fund von Adolf Seilacher, nachweisen.
Die uralten Wurmspuren sind sicherlich ein wichtiger Fund in der Entstehungsgeschichte des Lebens, aber sie machen auch das Dilemma der Interpretation von Fossilien deutlich. Man erhält immer nur Blicke auf wenige Einzelbilder einer hochkomplizierten und hunderte Millionen Jahre dauernden Entwicklung. Über das was damals aber tatsächlich passiert ist, wird man noch lange streiten.
© Ulrich Karlowski