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Frederik D. Tunnat: Karl Vollmoeller - Eine Biographie

Autor: assues | Erstellt am: 18.03.2008 | Gelesen: 7161
Kategorie: Literatur - Bücher & Zeitschriften | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Die erste Karl Vollmoeller Biographie in deutscher Sprache

Neben der Darstellung des Lebens und öffentlichen Wirkens Vollmoellers rekonstruiert Frederik D. Tunnat mit großem Sachverstand und viel Feingefühl auch das literarische Werk des Autoren und Dramatikers. So zeigt er die, teilweise bereits in dessen Jugend wurzelnden Ursachen und Motive eines nicht einheitlichen, sondern sehr eigenwilligen Werkes auf, das sich jedoch durch zwei Konstante auszeichnet; so gestaltet Vollmoeller im Laufe seines Lebens zwei Trilogien, an denen er teilweise 50 Jahre lang arbeitete. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs zieht sich Vollmoeller fast vollständig ins Ausland zurück und lebt entweder in Venedig, in Basel oder in Hollywood. Er wird, wie sein Biograph ausführt, mehr und mehr zu einem Manager in Sachen Kultur, indem er zwischen den Filmzentren Babelsberg und Hollywood pendelt und Kontakte und Kontrakte vermittelt.

Sein Tätigkeitsschwerpunkt verlagert sich für zwei Jahrzehnte hin zu Film und Talentförderung. Er nimmt sich begabter junger Schauspielerinnen und Schauspieler an, fördert zudem Tänzer/innen und hilft jungen Regisseuren. So unterschiedliche Men-schen wie Josephine Baker, Marlene Dietrich oder Josef von Sternberg, aber auch Emil Jannings verdanken Vollmoeller ihren internationalen Durchbruch. Frederik D. Tunnat arbeitet speziell an der Thematik der Umstellung vom Stumm- zum Tonfilm Ende der Zwanziger Jahre Vollmoellers Wirken sowohl in Berlin als in Hollywood heraus. Filme wie „Thunderbolt", „Lady of the Pavements" und insbesondere „Der Blaue Engel" tragen seine Handschrift und sind mit Vollmoellers Namen verbunden. Tunnat spürt in einem umfangreichen Kapitel den Hinter-gründen der Entstehung des Kultfilms „Der Blaue Engel" nach und rückt Vollmoellers Anteil am Zustandekommen und Gelingen dieses großartigen Films zurecht. So entlarvt er anhand einer Vielzahl von Quellen und Zitaten die falschen Aussagen Carl Zuckmayers und Josef von Sternbergs, die sich gegenseitig die alleinige Autorenschaft des Welterfolgs anmaßen.

Auch enttarnt Tunnat die Mär um die Entdeckung des späteren Weltstars Marlene Dietrich. Josef von Sternberg äußerte sich in seiner Autobiographie: „Vollmoeller war ... eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er war Dichter und ... sozusagen im Nebenberuf eine wandelnde Enzyklopädie alles Menschlichen ... kannte die berühmtesten Menschen ... und war für viele ein Beichtvater – auch für mich ... er war überall zu Hause und ständig auf Reisen." Ausführlich wird Vollmoellers Arbeit zur Zeit der Machtergreifung der Nazis bis zu seiner Emigration in die USA im Jahr 1939 beschrieben; sein „Flirt" mit dem faschistischen Regime in Italien. Sein langes Lavieren zwischen den deutschen Exilanten und den Regimes in Italien und Deutschland wird ihm Anfang 1942, nach dem Kriegseintritt der USA zum Verhängnis. Vollmoeller wird 13 Monate lang interniert und verstirbt drei Mal beinahe, angesichts äußerst menschenunwürdiger Haftbedingungen. Der letzte Abschnitt der Biographie widmet sich Vollmoellers New Yorker Jahre, während derer er seine 2. Trilogie mit einem voluminösen Altersroman, sowie mit einer Reihe von Altersgedichten abschließt. Dieser einzige Roman Vollmoellers erschien niemals auf Deutsch, sondern nur in New York und London auf Englisch.

Tunnat macht deutlich, wie elementar wichtig für die Einordnung Vollmoellers in die deutsche Literaturgeschichte gerade dessen Alterswerk ist, das weder von der deutschen Öffentlichkeit, noch von der Literaturwissenschaft nach dem Krieg bisher wahrgenommen und gewürdigt wurde. Die Biographie schließt mit der wahrlich mythenreichen Beschreibung von Vollmoellers Sterben in Hollywood im Oktober 1948. Sein Tod, insbesondere das äußerst merkwürdige Vorgehen des FBI im Vor- und Umfeld von Vollmoellers Tod lässt in der Tat Raum für zahlreiche Fragen und beschließt ein schillerndes, teilweise widersprüchliches Leben eines heute in Deutschland, wie die Biographie nach-weist, zu Unrecht Vergessenen. Ein hoch interessantes, gut geschriebenes Buch, das sich passagenweise wie ein Roman liest. Man spürt die große Nähe und Affinität des Biographen zu seinem Objekt. Das erklärt vielleicht, weshalb Frederik D. Tunnat nach fünfjährigen Vorarbeiten, zweijährigen Recherchen und einjähriger Nieder-schrift ein sehr fundiertes, kenntnisreiches Werk präsentiert, das anhand des Fokus auf Leben und Werk von Karl Vollmoeller, ein spannendes, faktenreiches Zeitgemälde der ersten fünf Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, weniger aus deutschem, als aus europäischem und teilweise nordamerikanischem Blickwinkel bietet.

Frederik D. Tunnat: Karl Vollmoeller – Dichter und Kulturmanager. Eine Biographie. Tredition Verlag, Hamburg, ISBN: 978-3-86850-000-4, 632 S., Ebook: 18,49 €, broschiert: 35,99 €.
 
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