
Viel ist in letzter Zeit von Elite-Internaten die Rede. Fast hat man den Eindruck, als gäbe es nur noch Elite-Internate. Eine bayrische Heimschule, die neben ihrem staatlich anerkannten Gymnasium einen "genehmigten" Zweig eröffnet hat, um nur ja auch Bewerber ohne Gymnasialempfehlung und Mehrfachrepetenten aufnehmen zu können, die normalerweise das Gymnasium verlassen müssten, wiederholt den Begriff "Eliteinternat" auf ihrer Webseite mit einer derartigen Aufdringlichkeit, dass sich beim Lesen unweigerlich allergische Reaktionen einstellen.
Ein weiteres peinliches Beispiel lieferte ein Spezialinternat für ADHS-Kinder und Legastheniker, das ebenfalls auf den Elitezug aufzuspringen versuchte, indem es seine gehandikapten Eleven als "verhinderte Elite" präsentierte.
Und nicht genug der Peinlichkeiten: Mehrere Institute der gehobenen Preiskategorie in Nord-deutschland gerieten erst kürzlich in die Schlagzeilen der Boulevard-Presse, weil Jugendämter problematische Kinder aus Kostengründen gern in solchen Luxusinternaten statt in den wesentlich teureren Heimen der öffentlichen Erziehung unterbringen.
Diese Praxis scheint sich - trotz erheblicher Risiken - neuerdings sogar in den angeblich ganz besonders "elitären" englischen Internaten auszubreiten. Hierdurch bestätigt sich die Vermutung, dass am oberen wie am unteren Rand der Gesellschaft wohl häufig dieselben Erziehungsdefizite anzutreffen sind - "
Teenager außer Kontrolle" - und dass die Nachfrage nach Eliteerziehung in Luxusinternaten in Wirklichkeit gar nicht so groß ist, wie dies PR-Journalisten in den Medien gern behaupten.
Als untrügliches Indiz für ein eher nachlassendes Interesse statusorientierter Eltern können jüngste Verlautbarungen aus Deutschlands bekanntesten Eliteinternat Schloss Salem gelten, wo man sich angesichts eines allgemeinen Trends zur Privatschule zwar betont optimistisch gibt, aber gleichzeitig einräumen muss, dass fast ein Drittel der Salem-Kundschaft nicht mehr in der Lage ist, den vollen Internatspreis zu bezahlen. Angesichts der zunehmenden Fälle elterlicher Zahlungsunfähigkeit wird in der Nobel-Wohnschule am Bodensee sogar über die Gründung eines speziellen Unterstützungs-Fonds nachgedacht.
Dies alles hört sich nicht gerade nach "Internatsboom" an. Und ob man sich auch künftig auf den Run zur Privatschule verlassen kann, sei dahingestellt. Gerade wieder wetteifern viele Bundesländer bis hin zum ehemals schulstrengen Bayern um die schülerfreundlichsten Versetzungsordnungen und die radikalste Absenkung der Abituranforderungen. In vielen Großstädten ist eine Rückwanderung ehrgeiziger OberstufenschülerInnen von Privatgymnasien auf öffentliche Lehran-stalten zu beobachten, weil es dort leichter scheint, ein 1,0-Abitur abzulegen.
Erfahrungsgemäß geht größere Schülerfreundlichkeit der staatlichen Schulen, sei es durch niedrigere Anforderungen oder durch Ganztagsangebote, gewöhnlich zu Lasten der Internatsnachfrage. Ins Internat schickt man dann letztlich nur noch die "aussichtslosen Fälle" - Elite ade.
Vermutlich liegt es an dem Widerspruch zwischen dem in Mode gekommenen elitären Getue und der eher ernüchternden Realität, dass in den Luxusinternaten weder die Überholspur- noch die Erzie-hungshilfe-Programme funktionieren. Selbst dem gern als rigide Eliteschmiede vermarkteten Schloss Salem attestiert dessen ehemaliger Leiter, Bernhard Bueb, lediglich dieselbe "beschädigte Erziehungskultur", die im ganzen Land den Ruf nach strengerer Erziehung hat laut werden lassen. Als zusätzliches Manko privater Nobelschulen erweist sich deren wirtschaftliche Abhängigkeit von ihrer zahlenden Kundschaft. Es ist leicht, markige Erziehungsprinzipien zu formulieren, aber offensichtlich sehr mühsam, diese dann auch durchzusetzen, wenn die Kundschaft zur liberaleren Konkurrenz abwandern könnte oder man bei geringer Auslastung jeden Schüler halten muss. Was von der Elite-erziehung übrig bleibt, ist eine "
Erziehung nach Kassenlage", die ihren Namen kaum verdient.
Ulrich LangeZentralstelle für Internatsberatung der Arbsitsgemeinschaft Verbraucherschutz im Bildungs- und Erziehungswesen (AVIB) gemn. e.V.