100 Dinge, die ein Vorschulkind können sollte
Auf der Suche nach den Möglichkeiten, das Bildungsniveau in unserem Land zu verbessern, fiel der Blick von Politik und Wissenschaft schon bald nach der ersten PISA-Studie auf die Einrichtungen der Kinderbetreuung vor der Schule. Plötzlich bemerkte man, dass Bildung nicht erst mit dem ersten Schultag beginnt, sondern viele Dinge bereits vorher angelegt werden. Von „Zeitfenstern" war nun die Rede und wer sich nicht genau auskannte, den überkam die Sorge, dass sein Kind keine Chancen im Leben hätte, wenn es nicht frühzeitig gefördert wurde.
Das würde aber bedeuten, dass alle heutigen über 30- oder 40-Jährigen unterentwickelt und ungebildet wären. Denn sie wuchsen in Einrichtungen für Kinder auf, in denen sie liebevoll betreut und engagiert gefördert wurden. Ist es nicht vielmehr die Umgebung, die dazu führt, dass Kinder heute anders entwickelt sind als die ABC-Schützen der 70er Jahre?
Wie auch immer, das Gute an der Diskussion ist, dass herausgearbeitet wurde, welche Fähigkeiten ein Kind benötigt, um in der Schule von Anfang an zu bestehen.
Die sog. Vorläuferfähigkeiten
Dazu gehören nämlich nicht nur Buchstaben- und Zahlenkenntnisse, wichtig sind auch emotionale und soziale Kompetenzen, ein Kind muss sich selbst kennen und vertrauen, aber auch andere akzeptieren und ihre Gefühle erkennen.
Wichtig ist, dass ein Kind gezielt und bewusst wahrnehmen kann – mit dem Ohr, mit den Augen, mit den Händen, mit der Nase, mit der Zunge. Nur dann kann es etwas beschreiben, kann es seine Umgebung einschätzen, z. B. ob es weglaufen muss, weil es nach Feuer riecht, oder ob es näher herangehen sollte, weil es nach Zuckerwatte duftet.
Je besser ein Kind seinen Körper beherrscht und seine Finger gezielt steuern kann, umso leichter wird es sich beim Schreiben tun, aber auch dabei, in der Klasse still zu sitzen.
Dass ein Kind, das in die Schule kommt, denken kann, scheint eine Binsenweisheit zu sein und dennoch wundern sich Lehrer, wenn Kinder keine logischen Zusammenhänge verstehen oder gar erkennen können, wenn sie nicht in der Lage sind, ein Erlebnis zu schildern oder sich kleine Aufträge zu merken.
Ebenso sind Lehrer verblüfft darüber, dass manche Kinder sich nicht mehr in ganzen Sätzen ausdrücken können. Sie werfen einzelne Wörter oder Satzfetzen in den Raum und hoffen, dass man sie versteht. Dabei ist die Sprache das wichtigste Werkzeug eines Schülers, ach was, eines Menschen. Je besser sie ausgebildet ist, je verständlicher ein Kind spricht und je größer sein Wortschatz ist, umso besser kann ein Schüler sich verständigen und umso mehr kann erfragen. Denn noch immer gilt die alte Weisheit: Nur wer etwas weiß, weiß, was er nicht weiß, für die Sprache heißt das, nur wer etwas benennen kann, weiß auch, was er nicht benennen kann.
Schließlich und endlich sollte ein Kind seine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas lenken können, das, was es malen, rechnen, schreiben soll nämlich, und sich auch dann darauf konzentrieren, wenn anderes vermeintlich interessanter ist. In einer Zeit, in der Eltern ganz selbstverständlich von einem Film zum nächsten zappen, ist das eine echte Herausforderung für viele Kinder. Ein Arbeitsblatt und eine Lehrerin lassen sich nun einmal nicht abschalten. Da heißt es durchhalten und Ausdauer beweisen. Auch diese sollten Kinder übrigens mitbringen, wenn sie in die Schule kommen.
Wie helf' ich meinem Kinde
Puh, mag mancher nun sagen, um das alles zu lernen, braucht man einen Kurs, der mehrere Jahre dauert. Weit gefehlt! All diese Fähigkeiten eignet sich ein Kind nebenbei ins seiner kindlichen Lernfreude an, wenn es ein anregungsreiches Umfeld hat, wenn es sich ausprobieren darf und am Alltag teilnehmen darf, wenn es drinnen und draußen spielen darf, was es möchte.
Anregungen, wie diese Nebenbei-Förderung im Elternhaus aussehen kann, enthält das Buch „100 Dinge, die ein Vorschulkind können sollte". Darin werden die oben beschriebenen sog. Vorläuferfähigkeiten auf konkrete Beispiele aus dem Leben eines Kindes übertragen. Auch wenn es wie eine Checkliste klingt, ist das Buch doch eher eine Ideenkiste, die Eltern anregt und Mut macht, auf ihrem Weg weiterzugehen. Das Buch beginnt mit einem Zitat Erich Kästners, das auch hier gut passt: „Manches, was man als Kind erlebt, erhält seinen Sinn erst nach vielen Jahren." Manches auch schon am ersten Schultag oder im ersten Schuljahr!
Dr. Birgit Ebbert