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ENGEL - die schöne Phantasie

Autor: Rabast | Erstellt am: 26.01.2011 | Gelesen: 4563
Kategorie: Kunst - Kultur & Religion | Bewertung: rateArateArateArateArateB
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(Online-Artikel.de) - Die Engelsvorstellung vor und nach dem babylonischen Exil


"Engel im Gepäck" - Spuren zum Alten Testament
Das Thema „Engel" eröffnet ein weites Spekulationsfeld. Hier ist viel Raum für Fantasie und Subjektivität, über deren Wirken und ihre Phänomenologie. Engel, gibt es die überhaupt? Wir brauchen sie, um eine liebe Überraschung zu beschreiben. Ein Mann wird gern ein geliebtes weibliches Wesen damit charakterisieren. Auch sind Engel als Weihnachtsschmuck unentbehrlich. Bis heute lassen sich Engelfiguren und -bilder jedweder Art gut verkaufen. Die frühen kirchlichen und mittelalterlichen Heiligenlegenden liefern ein reichhaltiges Material. Engel sind als göttliche Boten mit Flügeln dargestellt. In der Religion des Zarathustra finden sich die ältesten Belege für Engel.

Die Vorstellung eines fliegenden Gottes ist archaisch. Wo Gott in der räumlichen Dimension gedacht wird, überwindet er mit Flügeln den Raum zu einer fernen, jenseitigen Welt. Bei den Hethitern gibt es die Löwensphinx, das Symbol eines mächtigen Tieres mit Flügeln ausgestattet. Bei den Ägyptern sind es Isis und Osiris, die mit Flügeln ausgerüstet sind. Bei den Hurritern ist der Wettergott Teschup mit Flügeln dargestellt. Geflügelte Wesen sind nicht an Raum und Zeit gebunden.

In der Religionswelt der griechischen Antike gibt es keine Engel. Da fliegen die Götter selbst. Oder die Himmlischen benutzen das geflügelte Pferd Pegasus. Auch wenn Hermes als „Götterbote" bezeichnet wird, so ist er doch selbst ein Gott und nicht als Engel im zoroastrischen Sinne zu bezeichnen.

Für unseren Kulturkreis sind die Vorstellungen der Bibel über Engel prägend gewesen. Diese haben eine religionsgeschichtliche Entwicklung durchlaufen. Eine „Engel-lehre" (Angelologie) ist ein dogmatisches Konstrukt der christlichen Kirchen, das den geschichtlichen Werdegang außer Acht lässt. Völlig zeitlos werden dabei Aussagen der Bibel aneinandergereiht. Dabei wird die wesenhafte Existenz von Engeln unkritisch vorausgesetzt und nur die Art und Weise dieser Erscheinung systematisiert. Solche Angelologie schwebt im wahrsten Sinne im luftleeren Raum. Solch einer oberflächlichen Betrachtungsweise möchte ich entgegen treten, indem mein besonderes Augenmerk dem Alten Testament gilt.

Engel und Gott bei Zarathustra

Die Religion des Zarathustra gilt als die älteste bekannte monotheistische Religion. Der alleinige Gott Ahura Mazda hat einen Hofstaat und braucht ihn auch. Nur so kann der Überirdische auf vielfältige Weise in den Ablauf der Welt hineinwirken. In dieser Weltvorstellung haben Engel eine Funktion, die eines Mittlers. Der Höchste selbst erscheint selten, sondern lässt sich durch seine Gesandten vertreten. Ahura Mazda hat sechs Erzengel, die Amschaspands („Unsterbliche Heilige"). Die Weltordnung ist dualistisch gedacht, d.h. Gott hat noch einen Gegenspieler: Angra Mainyu (persisch Ahreman). Daraus wird später im Christentum die Gestalt des Teufels. Auch er hat seine Helfershelfer, die bösen Engel.

Die Engelsvorstellung des Abendlandes hat zweifellos ihren Ursprung in der abrahamitischen Religion. Und diese ist im Umfeld der religiösen Vielfalt in Babylon entstanden. Hier hatte die Religion des Zarathustra ihren festen Platz.

Auf den Punkt gebracht: Der Weg der Engelsvorstellung führt aus der Religionswelt des Zarathustra über Babylon nach Jerusalem und in die späteren Schriften von Christentum, Judentum und Islam.

„Engel" im Alten Testament

Die Vorstellung von Engeln im Alten Testament unterliegt einer Zweiteilung. Bis zu dem Zeitpunkt des „babylonischen Exils" (597 v.Chr.) ist die Religionswelt im kanaanäischen Raum polytheistisch geprägt. In Palästina herrschte religiöse Vielfalt. Bedeutend war die Verehrung des Gottes Baal als Regen- und Fruchtbarkeitsgott. Es wurden Götter der Tierkreiszeichen sowie der Mond verehrt. Es gab den Kult des Moloch und den des Sonnengottes. Im Tempel von Jerusalem wurde auch die Göttin Aschera, Frau des Schöpfergottes El, verehrt.(2.Könige 23,6) Der Glaube an nur einen Gott ist erst nachexilisch (etwa 520 v.Chr.)

Die vorexilische Engelsvorstellung

Streng genommen gab es im vorexilischen Jahwe-glauben noch keine Engel. Es gibt den Ausdruck „Engel Gottes", oder „Engel des Herrn".

Was ist mit diesem Ausdruck gemeint?

Dazu zunächst einige Beispiele.

In der bekannten Geschichte, in der Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll, erscheint der „Engel des Herrn".

„Sie kamen zu dem Ort, von dem Gott zu Abraham gesprochen hatte. Auf dem Berg baute Abraham einen Altar und schichtete die Holzscheite auf. Er fesselte Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf den Holzstoß. Schon fasste er nach dem Messer, um seinen Sohn zu schlachten, da rief der Engel des Herrn vom Himmel her: »Abraham! Abraham!« »Ja?«, erwiderte er, und der Engel rief: »Halt ein! Tu dem Jungen nichts zuleide! Jetzt weiß ich, dass du Gott gehorchst. Du warst bereit, mir sogar deinen einzigen Sohn zu opfern.«...

Noch einmal rief der Engel des Herrn vom Himmel her und sagte zu Abraham: »Ich schwöre bei mir selbst, sagt der Herr: Weil du mir gehorcht hast und sogar bereit warst, mir deinen einzigen Sohn zu geben, werde ich dich segnen! Deine Nachkommen mache ich so zahlreich wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meeresstrand." (1.Mose 22,9-17)

Der „Engel des Herrn" ist der handelnde Arm Gottes „vom Himmel her". Es ist Gott selbst.

Der „Engel des Herrn" oder auch der „Engel Gottes" bezeichnet die Anwesenheit Gottes.

Es geht nicht um ein weiteres Wesen neben Gott!

An anderer Stelle wird erzählt, es kam der „Engel des Herrn" zu Hagar, der Sklavin Abrahams.

Abram sagte zu seiner Frau Sara: »Sie ist deine Sklavin. Mach mit ihr, was du für richtig hältst!« Sara ließ daraufhin Hagar die niedrigsten Arbeiten verrichten; da lief sie davon.

In der Wüste rastete Hagar bei dem Brunnen, der am Weg nach Schur liegt. Da kam der Engel des Herrn zu ihr und fragte sie: »Hagar, Sklavin Saras! Woher kommst du? Wohin gehst du?« »Ich bin meiner Herrin davongelaufen«, antwortete sie.

Da sagte der Engel: »Geh zu deiner Herrin zurück und ordne dich ihr unter! Der Herr wird dir so viele Nachkommen geben, dass sie nicht zu zählen sind. Du wirst einen Sohn gebären und ihn Ismaël (Gott hat gehört) nennen; denn der Herr hat deinen Hilferuf gehört. Hagar rief: »Habe ich wirklich den gesehen, der mich anschaut?« Und sie gab dem HERRN, der mit ihr gesprochen hatte, den Namen »Du bist der Gott, der mich anschaut«. (1.Mose 16,6-13)

Die Anwesenheit Gottes wird nicht ohne weiteres erkannt, wie auch die nächste Geschichte zeigt. Mose wundert sich über einen brennenden Dornbusch. Aus diesem heraus muss Gott ihm mitteilen, dass er zugegen ist.

„Mose hütete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Als er die Herde tief in die Wüste hineintrieb, kam er eines Tages an den Gottesberg, den Horeb.

Dort erschien ihm der Engel des HERRN in einer lodernden Flamme, die aus einem Dornbusch schlug. Mose sah nur den brennenden Dornbusch, aber es fiel ihm auf, dass der Busch von der Flamme nicht verzehrt wurde.»Das ist doch seltsam«, dachte er. »Warum verbrennt der Busch nicht? Das muss ich mir aus der Nähe ansehen!« Als der HERR sah, dass Mose näher kam, rief er ihn aus dem Busch heraus an: »Mose! Mose!« »Ja«, antwortete Mose, »ich höre!« »Komm nicht näher!«, sagte der HERR. »Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden.«

Dann sagte er: »Ich bin der Gott, den dein Vater verehrt hat, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.« Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzusehen."(2.Mose 3,1-6)

Die Verborgenheit Gottes erzählt eine alte Fabel (Kennzeichen der Fabel: Tiere können sprechen). In diesem Fall ist die Anwesenheit Gottes zunächst dem Menschen nicht sichtbar war, wohl aber einem Tier.

Während Bileam mit seinen beiden Dienern dahin ritt, stellte sich ihm der Engel des HERRN in den Weg. Die Eselin sah den Engel mit dem gezogenen Schwert dastehen und wich ihm aus. Sie ging vom Weg ab ins Feld hinein. Bileam schlug sie und trieb sie wieder auf den Weg zurück. Da stellte sich der Engel an eine Stelle, wo der Weg rechts und links von Weinbergmauern begrenzt war. Die Eselin sah den Engel und suchte ihm auszuweichen; sie drückte sich an die Mauer. Bileams Fuß wurde eingequetscht und wieder schlug er sie. Der Engel ging nochmals ein Stück weiter und suchte eine Stelle, wo es keine Möglichkeit zum Ausweichen gab, weder rechts noch links. Als die Eselin ihn sah, ging sie in die Knie und legte sich auf die Erde. Bileam wurde vom Zorn gepackt und er schlug mit dem Stock auf sie ein. Da gab der HERR der Eselin die Fähigkeit zu sprechen und sie sagte zu Bileam: »Du hast mich jetzt schon dreimal geschlagen. Was habe ich dir denn getan?« »Zum Narren hältst du mich!«, schrie Bileam. »Wenn ich ein Schwert hätte, wäre es schon längst um dich geschehen.« Die Eselin sagte: »Schon so lange reitest du nun auf mir und kennst mich genau. Warst du bisher jemals unzufrieden mit mir?« »Nein, nie«, antwortete Bileam.

Da öffnete der Herr ihm die Augen und er sah den Engel mit dem Schwert mitten auf dem Weg stehen. Bileam warf sich vor ihm nieder, das Gesicht zur Erde. »Warum hast du deine Eselin nun schon dreimal geschlagen?«, fragte ihn der Engel des HERRN. »Ich selbst habe mich dir entgegengestellt, weil du auf einem verkehrten Weg bist. Aber deine Eselin hat mich gesehen und ist dreimal vor mir ausgewichen. Du verdankst ihr dein Leben, denn wenn du weiter geritten wärst, hätte ich dich getötet; nur sie hätte ich verschont.« »Ich habe Unrecht getan«, sagte Bileam. »Ich habe nicht gewusst, dass du dich mir in den Weg gestellt hattest. (4.Mose 22,22-34)

Aus den Beispielen erhellt, dass mit „Engeln" vor der Zeit des Exils keine Geistwesen eigener Art beschrieben werden. Solche Vorstellungen stammen erst aus der späteren babylonischen Zeit.

Das hebräische ml'k/malach wurde in der griechischen Bibelübersetzung mit aggelos, „Bote" übersetzt. Das hat zu einem weitreichendem Missverständnis geführt. Es brachte die Frage auf, begegnet Gott selbst in der jeweiligen Situation oder gibt es einen Boten als weiteres selbständiges Wesen in einer Erzählung? M.Mach stellt fest: „Das nomen mlk umschreibt eine Funktion und keine Wesensart."(Dissertation Universiṭat Tel-Aviv, 1987 originally in Hebrew, deutsch 1992 „Entwicklungsstadien des jüdischen Engelglaubens in vorrabbinischer Zeit", S.39)

In den oben angeführten Belegstellen ist deutlich geworden, dass Gott selbst es ist, der als „Engel des Herrn" oder "Engel Gottes" mit einem Menschen in Verbindung tritt. Völlig fern liegt die Vorstellung, dass ein Engel ein eigenständiges Geistwesen ist. Das interpretieren erst spätere kirchliche Dogmatiker hinein. Der Engel der Vorexilszeit ist noch kein Engel im späteren Sinn. Gottes Gegenwart wird bei seinem Auftreten nicht sofort erkannt. Die Nähe Gottes tritt erst im Laufe der Handlung zutage. Die Bedeutung von „malach" will zum Ausdruck bringen, dass Gott sich in die Sphäre des Menschen begibt. Mit dem „Engel Gottes" ist Gott selbst dem Menschen der Erzählung nahe. Die sprachliche Wiedergabe mit dem griechischen aggelos (lateinisch angelus) verzerrt den Sinn früh-israelitischen Verständnisses.

Noch einen weiteren Aspekt gilt es zu beleuchten!

In der Religionswelt Kanaans glaubte man an eine körperliche Verbindung zwischen göttlichen Wesen und Menschen, wie dieses aus der überlieferten griechischen Mythologie vielfältig bekannt ist. Auch das ist archaische Religiosität.

Im 1.Buch Mose wird erzählt, dass sich „Gottessöhne" in die von Gott geschaffenen Menschen verlieben, sie heiraten und mit ihnen Nachkommen zeugen.(1.Mose 6,1-2) Daher kommen die Helden.

Die biblische Gestalt eines Simson entstammt einer solchen Engelszeugung. Bezeichnend ist die „Form", in der Gott sich einer Frau nähert. Es ist der „Engel Jahwes", der von der geschwängerten Mutter fordert: „Der Sohn, den du zur Welt bringst, soll von seiner Geburt an Gott geweiht sein". Dieser „Supermann" Simson war später zwanzig Jahre lang Anführer der Israeliten im Kampf gegen die Philister.(Richter13, 3-21)

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es in der Glaubenswelt der alten Hebräer noch nicht die Vorstellung von Engeln als selbständige Geistwesen gab. Der „Engel Gottes" ist ein Ausdruck für Gottes Anwesenheit. Völlig anders wird sich eine spätere Vorstellung von Engeln darstellen. Wenn z.B. ein Engel im Lukasevangelium in Lichtfülle auftritt und die Menschen derartig vor ihm erschrecken, dass er mit einem „Fürchte dich nicht!" antworten muss.

Das Ende des alten Israel

Hinweis zur Geschichte - „babylonisches Exil": Jerusalem lag an der Nahtstelle von zwei Großmächten: Ägypten und Babylon. In der Schlacht bei Karkemisch im Jahre 605 v.Chr. siegte der babylonische König Nebukadnezar über den ägyptischen Pharao Necho, dessen Vasall das Land Juda bis dahin war. Der Herrscher von Jerusalem hatte auf das falsche Pferd gesetzt. Im Jahre 597 v.Chr. musste Jerusalem kapitulieren. Ein Teil der Bevölkerung wurde in die Gefangenschaft nach Babylon abtransportiert. König Nebukadnezar zog 587 v.Chr. ein zweites Mal gegen Jerusalem. Er vernichtete die Stadt und den Staat Juda. Abermals wurde ein Teil der überlebenden Bevölkerung nach Babylonien deportiert. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, dass sich die Machtverhältnisse in Mesopotamien ein reichliches halbes Jahrhundert später grundsätzlich ändern werden.

Diese Zeit von 597 v. Chr. bis etwa 520 v. Chr. wird als das „babylonische Exil" bezeichnet.

Die in das babylonische Exil Deportierten mussten sich mit neuen Bedingungen abfinden. Sie lebten zum Teil in einem gemeinsamen Wohngebiet am Euphrat. Das biblische Buch Daniel weiß zu berichten, dass fähige junge Männer in der Schrift, in der Sprache und in der Kultur Babyloniens ausgebildet wurden. Einige besonders Erfolgreiche schafften es sogar in den Dienst am Königshof.

Die Deportierten wurden in Babylon mit anderen Göttern konfrontiert. Der eine war Marduk, der alte Stadtgott Babylons. Ahura Mazda hieß der Hauptgott der Religion des Zarathustra, die später Staatsreligion des ganzen Persischen Reiches wurde. Der persische Großkönig Darius I. (522 – 486 v.Chr.) war Anhänger und Förderer der Zarathustra-Religion. Darius sah sich selbst als König von Ahura Mazdas Gnaden. Ahura Mazda ist bildlich als geflügelter Mensch dargestellt.

Der Judäer Nehemia war ein Beamter von hohem Rang am persischen Königshof. Es darf als sicher angenommen werden, dass die verschleppten Judäer in ihrem babylonischen Exil deutlichen Kontakt zu den Grundideen der religiösen Weltanschauung des Zarathustra hatten. Sie gingen dort zur Schule. Sie erhielten ihre Ausbildung, kulturelle und religiöse Prägung in Babylon.

Die Engelsvorstellung im Exil und danach

Ahura Mazda wirkt durch sieben Erzengel. Eine von Engeln durchflutete Welt war der religiöse Zeitgeist, dem der Glaube der Judäer ausgesetzt war. Solche Engelsideologie kommt z.B. in der Vision eines Jakob zum Ausdruck. Er sieht eine Treppe, die von der Erde bis zum Himmel reicht. Engel steigen auf dieser auf und nieder.

Ezechiel macht die mesopotamischen Keruben-Engel zu den Bodyguards des Judäergottes.

Die biblische Erzählung: In seiner Vorstellung reist der Himmlische in einer Art Raumfahrzeug. Dieses hat mehrere Räder, die wie Edelsteine funkeln, und deren Felgen über und über mit Augen bedeckt sind. In jedes Rad war ein zweites rechtwinklig eingefügt. So konnte sich das Fahrzeug in jede Richtung bewegen. Die Räder werden von geflügelten Gestalten, Keruben, gelenkt. Vier menschenähnliche Gestalten glänzen wie Metall, sie haben vier Flügel und Hufe, wie die von Stieren. Die Arme sind unter den Flügeln. Zwischen den Gestalten brennt ein Feuer wie das von Kohlen, aus dem kommen Funken und Blitze. Auf den Köpfen der vier geflügelten Gestalten befindet sich eine feste Platte, auf der ein Thron aus Saphir steht. Auf diesem ist eine menschenähnliche Gestalt zu erkennen. Mit diesem Gefährt kam der Gott Elohim, aus einer mächtigen Wolke, und von einem hellen Schein umgeben, angereist. Einem Ezechiel, dem Priestersohn, reichte er die Hand und stellte ihn in seinen Dienst. Mit diesem Fahrzeug reiste der Überirdische sowohl nach Jerusalem, als auch zu den Deportierten an den Euphrat.(Ezechiel 1)

Durch das „babylonische Exil" erfährt die Engelsvorstellung der Judäer eine Wandlung, streng genommen beginnt sie überhaupt erst hier. Die babylonische Engelsvorstellung wird von heimkehrenden Exilanten nach Jerusalem mitgebracht. („Engel im Gepäck",s.u.) Sie findet ihren Niederschlag in den späteren Schriften des Alten Testaments.

In Gestalt dieser Keruben werden Engel zum Begleiter des Gottes der Judäer gemacht. Die Kerubim (Mehrzahl von Kerub) entstammen Mesopotamien. Zwei Prachtexemplare haben später in beeindruckender Größe den Tempel in Jerusalem geziert. Es wird berichtet: „Für das Allerheiligste ließ Salomo zwei Kerubenfiguren aus Olivenholz schnitzen. Jede war fünf Meter hoch. Ihre Flügel maßen je 2,50 Meter, sodass die beiden Flügel ausgespannt eine Länge von fünf Metern hatten. Beide Figuren hatten genau die gleiche Größe und Gestalt. Salomo ließ sie nebeneinander im Allerheiligsten aufstellen. Ihre ausgespannten Flügel berührten einander in der Mitte des Raumes und reichten außen bis an die Seitenwände. Diese Kerubenfiguren wurden mit Gold überzogen." Die babylonische Vorstellung wird in die zurück liegende Geschichte Judäas hineinprojiziert. Zu einer Zeit, als ein König Salomo regierte (10.Jahrhundert), kannten die Israeliten noch keine babylonischen Kerubim. Mehr noch: Nicht nur im Tempel, sondern auch auf der Bundeslade, dem Aufbewahrungsort der mosaischen Steintafeln, repräsentieren zwei Keruben die Nähe Gottes. Die Wächter Gottes sind so imposant, dass sie selbst am Eingang zum Paradies einen (nachträglichen!) vortrefflichen Platz finden. Die Geschichte dieser Vorstellung führt später direkt zu unserem heutigen Weihnachtsengel. Die Entdeckung der Engel führen zu einer weiteren Veränderung.

Engel als Nachfolger von Propheten

Die Engelsvorstellung brachte eine weitere religiöse Wende mit sich. Im Judäerstaat vor dem Exil fühlten sich sogenannte „Propheten" berufen, den Willen Gottes zu verkünden. Das verursachte schon in früherer Zeit ein Chaos. Es wurde viel zu viel im Namen Gottes verkündet, und die Zahl der Propheten war viel zu groß. Der israelische König Ahab hatte angesichts einer bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzung mit Syrien alle Propheten des Landes versammelt. Er wollte sich den Kriegsausgang orakeln zu lassen. Und nun sind es vierhundert (!) Propheten, die sich eingefunden hatten.(1.Könige 22,6) Wegen des großen Andrangs musste die Versammlung auf einem freien Platz vor dem Stadttor Samarias stattfinden. Man kann sich gut vorstellen, dass ein Durcheinander von vierhundert Propheten im Zustand ekstatischer Begeisterung kein rechtes Ergebnis brachte und wenig von einem Willen Gottes erkennen ließ. Propheten als Sprecher Gottes könnten zum Problem für den Gottesstaat werden. Die Priester der Judäer zogen es vor, für die Zeit nach dem Exil auf Propheten als Sprachrohr Gottes zu verzichten.

Früher brauchten die Propheten keine Engel. Sie kamen nach ihrem Selbstverständnis im Auftrag Gottes. Nach dem Exil brauchten Engel keine Propheten mehr. Diese verkünden jetzt Gottes Willen. Das Reden in Engelszungen greift das spätere neutestamentliche Zeitalter auf und entwickelt es weiter. Eine besonders intensive Ausschmückung erfuhr die nachexilische Engelsvorstellung in der sogenannten „apokalyptischen Literatur" zwischen 200 vor Chr. und 200 nach Chr., als diese Literaturgattung weit verbreitet war.

Die Engelsvorstellung im Neuen Testament - das Absurde

Der Gottesbegriff im Christentum hat eine neue Prägung erhalten, indem Gott in Jesus Christus seinen Sohn geschickt hat. Damit ist die Engelsvorstellung, die dem damaligen Zeitgeist entsprach, eigentlich überholt. Gott kommt auf fundamental neue Art in die Welt der Menschen. Die neutestamentlichen Schriftsteller indes konnten sich so schnell nicht von einer Engelsideologie lösen. Sie entsprach zu sehr dem Zeitgeist. Die Schriften des Neuen Testaments bewegen sich in der Vorstellungswelt der apokalyptischen Literatur. So lässt der Evangelist Lukas einen Engel (er nennt ihn Erzengel Gabriel) zur Gottesmutter Maria eingehen. Ein Furcht erweckender Engel verkündet einigen Hirten bei Bethlehem die Geburt Jesu. Ein Engel ist es, der nach Matthäus den Stein vom Grab Jesu entfernt. In der Apostelgeschichte befreit ein Engel den gefangenen Petrus von seinen Ketten im Gefängnis. Im Neuen Testament begegnen sich Engel und Teufel. Der Teufel selbst begegnet Jesus in der Wüste.

Insgesamt kommt im Neuen Testament der Begriff „Engel" 175 mal vor. Diese Häufigkeit verleitet dazu, eine Engel-lehre über die gesamte Bibel zu systematisieren. Entsprechend werden die Engel nach ihren Aufgaben unterteilt. Sie schützen vor Gefahren, sie sind Retter und Befreier, sie verkünden den Willen Gottes, sie tragen die Seele ins Paradies, sie deuten die Zukunft, u.a.m. Der Todesengel tötet die Feinde. Die Engel bilden einen Hofstaat, der den Thron Gottes oder Jesus Christus umgibt. Im letzten Buch der Bibel nimmt die Engelsphantasie einen utopischen Raum ein.

Insgesamt ist eine systematische Engelsdarstellung ein Kardinalfehler, auch ein „Kardinäle-fehler".

Die katholische Kirche hält in ihrem Katechismus (KKK328) an „geistigen, körperlosen Wesen" fest, die man Engel nennt. Obwohl schon Paulus vor einer Anbetung der Engel gewarnt hatte (Kol. 2,18), war der Zeitgeist für den Glauben an die Existenz von Engeln schon im Urchristentum stärker. Die neutestamentlichen Schriftsteller waren ihm erlegen. Das ist eigentlich paradox. Den neutestamentlichen Schriftstellern war nicht aufgefallen, dass der Glaube an den Gottessohn den zoroastrischen Engelsglauben ad absurdum geführt hat. Gott kam nicht mehr in der Form eines „Engel Gottes" wie in der vorexilischen Zeit. Durch den „Fleisch gewordenen" Gott in Jesus Christus hatte ein fundamental neues Zeitalter des Gottesglaubens begonnen.

Die Engel-lehre der frühen katholischen Kirche hat besonders Augustin (354-430) geprägt. Die Existenz der Engel an sich war in der mittelalterlichen Theologie nicht umstritten, gestritten wurde nur um deren Ausgestaltung. Ich will hier nicht darauf eingehen und verweise auf die umfangreiche Literatur; übersichtliche Darstellung bei Heinrich Krauss, Die Engel, s.u. Auch die Engel-lehre der Reformatoren will ich hier nicht referieren und verweise auf die Literatur.

Das Judentum ist in einer ganz anderen Ausgangsposition, sofern es nicht an Jesus Christus als den Messias glaubt. Wenn auch die Sadduzäer die Existenz von Engeln insgesamt bestritten hatten, hält das spätere rabbinische Judentum am Engelsglauben fest. Die philosophische Engel-lehre beginnt im Judentum mit Philo von Alexandrien (13 v.Chr.-50 n.Chr.) Der große jüdische Gelehrte des Mittelalters, Maimonides (1135-1204), sieht in den Engeln eine Umschreibung dafür, wie Gott durch die Naturkräfte wirkt.

Auch der Islam hält an Engeln fest, weil sie durch Mohammed in den Koran eingebracht wurden. Mystische Schulen und die arabische Philosophie haben eine ausgeprägte Engel-lehre entwickelt.

Wenn nicht-christliche Religionen die Tradition der Zarathustra-Religion fortführen, verwundert das weniger. Für das Christentum jedoch ist eine zoroastrische Engelsvorstellung sachfremd. Mit dem Erscheinen Gottes in seinem Sohn ist eine grundlegende Neuordnung der Religion gegeben. Die Engelsideologie war mit dem Weihnachtsgedanken (Gott ward Mensch) und der Auferstehung überholt.

Literatur

  • Alexander Kohut „Über die jüdische Angelologie und Dämonologie in ihrer Abhängigkeit vom Parsismus, 1866, Die Etymologie der babylonischen Namen und die Übernahme in den hebräisch-aramäischen Sprachraum hat der Orientalist, Judaist und katholische Theologe in seinem Buch überzeugend dargelegt.
  • Oliver Dürr, Der Engel Mächte. Systematisch-theologische Untersuchung: Angelologie
  • Kohlhammer 2009, ISBN 978-3-17-020854-4
  • Heinrich Krauss, Die Engel. Überlieferung, Gestalt, Deutung. C.H. Beck, München 2000,
  • ISBN 3-406-44735-X
  • Jochen Rabast, Engel im Gepäck. Spuren zum Alten Testament , 2009, ISBN 978-3-8372-0562-6
  • Jochen Rabast,Umbruch der Religion. Von der abrahamitischen Religion zu Judentum,Christentum, Islam. 2.Aufl.2011 ISBN 9783839136829

Das katholische Verständnis zeigt der Internetlink www.karl-leisner-jugend.de/Engel.htm

Das jüdische Verständnis im Internet www.de.chabad.org, www.hagalil.com.u.a.links

Dr.Jochen Rabast

 
 
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