Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Wenn ich an dieses Thema denke, kommt mir sofort ein Gespräch in den Sinn, das ich vor längerer Zeit führte. Bei diesem Disput gab mir mein Gegenüber in einer etwas sonderbar vorwurfsvollen Art und Weise zu erkennen, daß er entschieden der Meinung sei, ich nehme die Dinge häufig zu leicht und mache mir die Dinge oftmals viel zu einfach. Das ließ in mir den Verdacht entstehen, daß sich hier eine weitverbreitete Ansicht darunter verbergen mochte, welche ich als das
Tabu der Einfachheit charakterisierte. In diesem Moment kam mir echte Verneinungs und Vermeidungs Tendenz der Einfachheit entgegen, eine unbewußte aber durchaus klare innere Haltung dem Leben gegenüber, die man unschwer als generelles Verbot erkennen konnte. Ich hingegen hatte wirklich ernsthafte Schwierigkeiten, den Sinn darin zu erkennen, den Grundsatz, die Dinge seien nun mal kompliziert, seien nun mal nicht einfach, als
Realitätsgrundlage zu sehen und dies in jener Totalität als Lebens Prinzip einzuräumen. Was ich in diesem Augenblick sah, war eine geistige Konstruktion, welche wir auch ein selbst gestaltetes Gefängnis nennen können und die eine Befreiung grundsätzlich unmöglich machte, falls wir diese Irrealität nicht enttarnen und uns von dieser falschen Vorstellung bewußt ablösen.
Ich hatte das ‚Labyrinth der Kompliziertheit' durchschaut und war zur Erkenntnis gelangt, daß die Suche nach einem komplizierten Weg aus einer ausweglosen komplizierten Situation nichts anderes ist als eine weitere Vermeidungs Strategie, welche den einfachen und wirklich gangbaren Lösungsweg aus der Bewußtheit verbannt. Und dies aus dem einfachen Grund heraus, weil im Falle der Lösung, im Falle des Herausfindens aus dem Labyrinth eine Konsequenz, eine Herausforderung, eine Verantwortung präsent wird, welche schon immer präsent war und in deren Angesicht wir nicht schauen mögen. In diesem Augenblick war mir bewußt, daß Lösungen, Betrachtungs Weisen wie z. B. ehrliches, realitätsbezogenes Hinschauen, klares, konkretes Hinterfragen stets in ihrer Einfachheit funktionieren. Und daß grundsätzlich der für uns begehbare Weg uns auch immer in einer einfachen dualen Erscheinung begegnet, obwohl es uns auf das unbegrenzte Entscheidungs Potential bezogen, welches uns gleichzeitig begegnet, anders erscheinen mag. In diesem Entscheidungs Potential ist eben auch beinhaltet, all diejenigen uns ersichtlichen und unzähligen Möglichkeiten, die da außer ‚Ja und Nein', ‚rechts und links gehen' auch noch bestehen. Hier tümmeln sich die unermeßlich vielen ‚Vielleicht', ‚Entweder Oder', ‚sowohl als auch', da dieses unendliche Potential eben ein grenzenloses Repertoire an Grauzonen zwischen dem ‚Schwarz und Weiß' beherbergt. Ein offensichtlich verwirrender Tumult, dem wir uns nicht selten hingeben und in dem Entscheidungs Unlust, also Entscheidungsfrust erwächst, da die zwischenzeitliche Kompliziertheit und Komplexität der eigentlichen einfachen Entscheidungen für uns zu einer quälenden Realität werden. Es ist wohl richtig, daß wir neben den einfachen Ja und Neins noch unzählige ‚Vielleicht' als Alternative haben, und diese gehören auch in gewisser Weise zum Ausdruck unserer Freiheit, dies ist wohl wahr. Dennoch bleibt oder ist der Weg, der sich vor uns ausbreitet schwarz oder weiß, es geht links oder rechts, ich kann gehen oder stehenbleiben, ich kann Ja oder Nein sagen.
Reduziere ich also meine tatsächlichen Möglichkeiten auf ihre Aussage Essenz, kann ich in diesem Fall leicht zugeben, daß es für mich um das eine oder um das andere geht, daß es sich prinzipiell um eine generelle Entscheidung für mich selbst dreht. Dies heißt aber nicht, daß die Welt nur aus Schwarz und Weiß besteht, sondern daß ich ihrer Vielfalt mit Klarheit entgegengehen kann, welche mein Wünschen, mein Verlangen auf Schwarz und Weiß gesund reduziert, um letztendlich meinem individuellen einfachen Bedürfnis und meiner eigenen einfachen Alternative zu begegnen. Mit anderen Worten, der bunten unbegrenzten Lebens Vielfalt mit meiner Einfachheit der Entscheidung dem in mir existierenden Schwarz und Weiß entgegenzusehen. Wenn ich also meine Fragestellung klar und einfach halte, dann kann ich auch davon ausgehen, daß eine klare und einfacheAntwort erfolgt, daß der potentielle Weg als klar und einfach sichtbar wird. Damit ist natürlich nicht gemeint, daß Wege plötzlich ohne Steine sind, daß es nicht mehr weh tut, wenn man hinfällt. Auch nicht, daß man nur noch angenehme Gefühle hat, Angenehmes im Leben erfährt. Das ist hier natürlich nicht gemeint. Das Leben bleibt dennoch so wie es nun mal ist: eine Erfahrungs Studie mit einem recht weiten Spektrum, welches sich von Schmerz bis Freud, vom Allein Sein bis zur Einsamkeit, von der Erfahrung des Getrenntseins bis hin zur Einheits Erfahrung als solches zieht. Worum es hier wirklich geht, ist die Tatsache, daß wir, wenn wir es wirklich wollen, die Möglichkeit, das Potential unserer Bewegungsfreiheit klar ansehen können und uns andererseits auch unserem wirklichen und echten Bedürfnis mittels Klarheit aufrichtig stellen können. Und uns dabei auch bewußt ist, was für einen Preis wir für den jeweiligen Weg, für das Erreichen des jeweiligen Zieles bezahlen müssen. Und wir uns selbstverständlich auch bewußt sind über die Konsequenz, die die jeweilige Entscheidung mit sich bringt. Das ist hier mit Einfachheit gemeint ist, es ist die Annäherung an Objektivität, welche durch eine Vereinfachung des Betrachtungs Fokus erlangt wird und zwar durch die Einfachheit und deren willentlichen Beschränkung der Fragestellung.
In dieser Hinsicht habe ich festgestellt, daß wenn ich zur Bereitschaft komme, mich ehrlich zu fragen, was ich denn wirklich will, die Antwort doch weitaus konkreter ist als ich theoretisch erwartete. Ein gutes Beispiel ist hier die Frage: „Was ist ein liebevoller Umgang?", vielleicht in einer speziellen Krankheits-Situation. Das Labyrinth der Kompliziertheit erzählt mir hier nun, daß es wichtig ist, die Krankheit genauestens zu diagnostizieren, um das beste für oder auch gegen die Krankheit zu tun. Davon abgesehen, daß ich rein theoretisch zu hundert verschiedenen Ärzten gehen kann, um dabei mindestens zehn verschiedene Diagnosen zu bekommen, ist auch die Rangehensweise „ich muß erst einmal alles genauestens wissen" an sich schon von der ursprünglichen Frage nach dem liebevollen Umgang in diesem Moment von mir wegführend. Diese Frage ist nämlich an sich schon essentiell und braucht meiner Ansicht nach keine zusätzliche Information, um gestellt und beantwortet zu werden. Sie ist einfach und konkret und läßt durch ihre Schlichtheit auch nur eine einfache und ein schneidende Beantwortung gelten. Dies ist die Einfachheit, die hier gemeint ist und welche die Welt, die Wege, die Entscheidungsrichtungen in ein duales System von Entweder Oder scheidet. Und meint hier eben in dem Wissen, daß es natürlich nicht nur ein Entweder Oder gibt, uns dennoch der Einfachheit halber mutig und entschlossen für unser Entweder Oder zu entscheiden. Uns also unseren individuellen Entweder Oder bewußt zu werden, um unser Angezogenwerden für das eine oder andere in objektiver Bewußtheit entscheidend zu bewerten. Wenn ich mir also die Frage stelle, was ein liebevoller Umgang ist, dann berühre ich somit ein inneres Wissen, eine innere Gesetzmäßigkeit, welche die erscheinenden Dinge in ‚liebevoller Umgang' oder ‚nicht liebevoller Umgang' scheidet. Eine Zwischenlösung ist hier nicht möglich, hier begegne ich einer ultimativen, einer universellen Wahrheit und ich weiß, daß bei allem, was ich tue, denke oder fühle, immer nur das eine oder das andere zutreffen kann. Mit anderen Worten, wenn ich mit diesem Fokus mich oder die Welt betrachte, ist mir unvermeidbar bewußt, ob es das eine oder das andere ist, was anziehender auf mich wirkt.
In dem konkreten Beispiel eines Krankheits Falles, sagen wir z. B. bei einer Erkältung, stelle ich mir also nicht die Frage, was ist bei einer Erkältung ein liebevoller Umgang, was mich ja nur mit dem äußeren Wissen in Verbindung bringt und mich somit von meinem eigenen Zugang zur tieferen Erkenntnis abschneidet; was eine abstrakte Heran-gehensweise charakterisiert und meiner Ansicht nach nicht wirklich zum Erfolg führen kann. Sondern ich betrachte das, was ich gerade getan habe, was mich als Handlung, als Gefühl, als Gedankengut die letzten Tage begleitete, das, was ich im Augenblick gerade tue und auch das, was mir gerade in den Sinn kommt, was ich vielleicht tun möchte und frage mich, ob das ein liebevoller Umgang ist. Ich versuche, im Hier und Jetzt anzukommen und der Realität zu begegnen, welche alle Informationen bereithält, die ich benötige. Ich frage mich, ob das, was mir gerade ins Bewußtsein kommt, das, was ich für mein Wohlergehen tun möchte, ob dies wirklich ein liebevoller Umgang ist. Und wenn ich diese Frage mit diesem Fokus der Einfachheit stelle, mir bewußt, daß es nur eine Antwort geben kann, spüre ich sodann oder weiß ich auch in den meisten Fällen schon unmittelbar, was ich wissen möchte. Im Hier und Jetzt, im Augenblick, in der realen Begegnung mit mir selbst eröffnet sich ein Zugang zu innerem Wissen, bei dem in Bezug auf Entscheidungen hier kein lähmender Zweifel mehr besteht. Wenn ich bereit bin, meiner Wahrheit zu begegnen, ist Entscheidung meist nur noch eine Formsache und unbedingt einfach.
Ich stehe vielleicht vor dem Teeregal im Kaufhaus und sehe da Erkältungstee stehen. Dennoch möchte ich ihn nicht nehmen, obwohl da auf der Verpackung steht, daß es doch das ist, was ich möchte und brauche. Meine Wahrheit rät mir aber etwas anderes, und sicherlich fällt es uns oftmals schwer, bewußt zu dieser Klarheit zu stehen. Im günstigsten Falle bleibe ich einfach dieser inneren Weisung treu, und wenn sich Unsicherheit zeigt, nehme ich mir mehr Zeit und den von mir benötigten Raum. Ich warte also in diesem besagten Falle noch ein bißchen, gebe mir Zeit, meinem inneren Wissen Raum zur Ausbreitung, zur Bewußtwerdung zu gewähren. Und meine Augen wandern dann vielleicht weiter und entdecken Lindenblüten und mit einem Gefühl „Hmm, das ist es, das ist das, was ich brauche!" mit einem Gefühl des in mir Warmwerdens nehme ich die Packung und die Frage, ist das ein liebevoller Umgang mit mir hat sich schon von selbst geklärt. Ich bin nämlich der Liebe, welche ich zu mir fließen ließ, bewußt begegnet, lebe praktischerweise gerade den liebevollen Umgang mit mir, und auch wenn es außen nicht drauf steht, kann ich doch in mir deutlich lesen: „Ich liebe dich." Das heißt, ich begegne in meinem Leben ständig der einen oder der anderen Strömung, entweder ich neige mich in Liebe zu mir, oder ich strebe gerade in „Un Liebe" von mir fort. Dieser Kontrast läßt sich auch mit der Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen, relativ leicht erkennen, was sich bis hin zur schwarzen und weißen Versinnbildlichung verdeutlicht. So ist es auch mit den weiteren wegentscheidenden Fragen, Gegensatzpaaren, die ich nun noch aufführen möchte und die, wenn ich in deren Fokus mich und die Welt betrachte, eine Einfachheit entstehen lassen. Eine Einfachheit, mit der ich die Dinge anschauen kann und eine Einfachheit, mit der sich Entscheidung verdichtet, verdeutlicht und sich erleichtert.
Ist das wachstumsfördernd oder nicht? Ist dies ein Ja oder ein Nein zum Leben? Ist das Liebe oder nicht? Ist dies für aller Wohlergehen fördernd oder nicht? Bin ich im Hier und Jetzt oder nicht? Kann ich das ändern oder nicht? Brauche ich das in diesem Moment wirklich oder nicht?