Für die Hungernden am Horn Afrikas
Diese Kurzgeschichte widme ich den Hungernden im Horn Afrikas und in der dritten Welt. Diese bescheidenen Zeilen sind diesen Leuten gewidmet, deren Bett die kahle Erde und deren Decke der nackte Himmel ist… für sie schlägt mein Herz…
Sie hielt kurz an, atmete aus. Mit von einer seltsamen Mischung von Müdigkeit, Angst und Besorgnis gezeichneten Augen warf sie einen schnellen untersuchenden Blick auf ihr Baby, das sie mit dem einen Arm ganz umschlossen hat, so als würde sie es vor einer unbestimmten, aber drohenden Gefahr schützen wollen. In der Luft roch es nach Angst, nach Verzweiflung. Wenn die Angst Fleisch und Gestalt bekommt, wenn sie selbst so real wird, dass sie anfängt Schatten zu werfen, da kann man ihr nur mit Hoffnung entgegnen. Ihre Entschlossenheit glich ihre Schwäche aus und von beidem hatte sie eine Menge.
Mit der anderen Hand wischte sie von ihrer Stirn den Schweiß ab. „Diese kostbaren Tropfen…"- dachte sie sich, wenn sie nicht salzig wären, würde sie sie wieder ablecken. Sie wandte den Kopf zu dem kleinen Jungen um, der vor lauter Müdigkeit seine Schritte verlangsamte und so das Tempo der Mutter nicht mehr halten konnte. Den auffordernden Blick hat der 10jährige verstanden und beeilte sich. Verbale Kommunikation haben sie seit langem aufs äußerst Wichtige reduziert, denn in den Zeiten der Dürre, des Hungers und des Verdurstens bedeutet jede unnötige Muskelaktivität einen Verlust der kostbaren und ohnehin fast aufgebrauchten Energie. Auf den kleinen Jungen wartend betrachtete sie besorgt ihr Baby erneut. Es hat längst aufgehört zu weinen und zu schreien. Kein Wunder, denn dazu hat es auch keine Kraft mehr. Die letzte Mahlzeit ist lange her und die Brust seiner mageren Mutter ist so trocken, wie diese Wüste geworden. Seine Augen, die wegen des langen Hungerns und der mangelnden Ernährung größer erscheinen als sie wirklich sind, waren halb geschlossen, halb offen, so als würde es die Kraft nicht haben, sie ganz zu öffnen oder ganz zu schließen. Sogar die Fliege, die gierig ab und zu auf seinen Augen Halt machte, kümmerte es nicht. All das brauchte die Mutter nicht wahrzunehmen, um es zu wissen: die Zeit ist knapp und die Vorräte sind fast aufgebraucht! Sie nahm die Hand des Jungen, der gerade seine Mutter erreichte und sie machten sich wieder auf zu gehen.
Drei Geister, die sich in der dünnen Grenze ihrer Existenz fortbewegten. Es sind beseelte Geister, deren Geschichte nur zwei Dimensionen kennt; nämlich die des menschlichen Leidens und die des Schmerzes… es sind lebende Tote, deren Schicksal besiegelt und deren Qual unerschöpflich ist.
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Die brennende Sonne...die trockne Dürre... die warme, schwere Luft… das ist die Wüste… sie ist nicht mal schön hellgelb, wie man sich eine Wüste vorstellt, sondern eine dunkelgraue, deprimierende, ekelhafte Masse - eine unbarmherzige Welt, die der Hölle gerade entflohen ist, aber auch eine magische Welt. In dieser ausgedehnten Welt ist alles so intensiv…so betont, als würde sie keine Nebenexistenzen erlauben -eine vom Tod beseelte Welt. Auch die Pflanzen und die Tiere, die darin ihren Lebensraum gefunden haben, sind auf eine gewisse Art und Weise ein Teil dieser toten Seele, die für sich allein existiert und keine anderen Gestalten in ihrem Reich duldet, nicht mal wenn diese Gestalten eine besorgte, übermüdete Mutter, die mit ihren zwei kleinen Kindern ein Flüchtlingslager anstrebt.
Wer in die Wüste hineingeht ist verloren. Und wer es aus der Wüste schafft ist neu geboren. All das wussten diese armen Kreaturen nicht, und so, als würde die Wüste sie für ihre Unwissenheit bestrafen wollen, lässt sie den Sand ihre Füße brennen und die glühend heiße Luft ihre Hälse trocknen… in dieser Sonnenwelt hat der Tod das letzte Wort.
Ihre Schritte werden langsamer und schwerer, ihre Fußspuren werden zunehmend zu Schleifspuren, aber sie hat nicht den Luxus aufzugehen. Wäre sie allein gewesen, hätte sie bestimmt längst aufgegeben und auf ein besseres Jenseits hoffend, voller Resignation auf den Tod gewartet. Aber die Kinder! Eine Mutter lebt für ihre Kinder. Sie mit ihren vierzig Jahren hat genug erlebt und gesehen, jedenfalls so viel, um kein Verlangen auf Mehr zu hegen. Dies bezeugt ihr Äußeres: der gekrümmte Rücken, der die Schläge des Schicksals nicht standhalten konnte, das faltige Gesicht, auf dem jeder Tag der langjährigen Unterernährung und der chronischen Müdigkeit seine Spuren hinterließ. Ihr Gesicht ist das Gesicht einer 80jährigen, aber mit einem Unterschied: es ist ein verbrauchtes Gesicht, das von keiner Lebenserfahrung zeugt, sondern von einem Leben, das von einem unaussprechlichen Leid getränkt ist. … Eine Mutter lebt für ihre Kinder! Und ihr sind nur zwei geblieben…
Die Sonne schickt ihre Flammen und wirbelt den Sand auf… Ein paar Schweißtropfen kollern ihre Stirn herunter, nehmen ihren Weg in den Furchen ihrer Gesichtsfalten… für einen Augenblick sah es so aus, als würden Die Tropfen in einem Labyrinth ihren Weg suchen, getrieben von den monotonen Bewegungen des Laufens, gezwungen von der Anziehungskraft, und…
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Etwas Wasser haben sie noch, auch etwas trockenes Brot. Seine Mutter hält seine Schwester und er die Vorräte. Wer hat es leichter? Die Mutter mit dem 9monatigen Baby, das gerade am Verhungern war, oder der Junge, der die bescheidenen Vorräte trug? Über sowas verlor er keine Gedanken, denn der Hunger und der Durst setzten ihm zu und unter der Sonne schienen seine Gedanken zu einfachen gestaltlosen Empfindungen geschmolzen zu sein, Empfindungen wie Müdigkeit, Hunger, Durst. Der Junge warf seiner Mutter, die gerade eine kleine Pause einhielt, um gründlicher nach dem Baby zu schauen, immer wieder verstohlene Blicke zu. Auf eine bessere Chance würde er sicher vergeblich warten, dachte er sich, und ohne es sich genau zu überlegen, griff er in die Brottüte und stopfte etwas Brot in seinen Mund. Mit langsamen Mundbewegungen, damit er nicht auffällt, kaute er, doch die Trockenheit überließ ihm keine Spuke mehr, er verschluckte sich und hustete dann reflexartig. Mit vorwurfsbeladenen Augen wandte sich die Mutter zu ihm um, dann gab ihm eine Ohrfeige und sagte ihn ermahnend irgendwas davon, dass man nicht weiß, wie lange es dann dauern wird, bis sie das Lager erreichen und dass das Essen bis dahin ausreichen muss. All das tat sie während sie weiterliefen.
Die Ohrfeige kümmerte den Jungen nicht, die Mutter war so schwach, dass die Ohrfeige ihm nicht mal wehtat. In einem Universum, das von Schmerz, Demütigung und Leid bevölkert ist, das mit dem Messer der Vergangenheit das Antlitz der Zukunft bis zu Unkenntlichkeit verunstaltet, in so einem Universum macht eine Ohrfeige mehr oder weniger keinen Unterschied.
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Ob sie ihm wehtat oder nicht, ob er verstanden hat, dass sie es gut meinte, all das war ihr im Moment unwichtig. Über sowas kann man sich, wenn überhaupt, später Gedanken machen, etwa beim Kochen oder abends vorm Schlafengehen, aber für den Moment rang sie mit dem Tod und mit der Wüste um ihre Kinder. Ob sie in die richtige Richtung läuft? Ob die Wegbeschreibung stimmt? Das waren ihre Hauptsorgen. Das und das Baby, das in ihrem Arm jeden Augenblick seine letzten Atemzüge haben kann.
„Wir müssen schneller laufen, ich muss es schaffen…" -flüsterte sie sich selbst immer wieder und wieder zu und schüttelte dabei den Kopf, so als wollte sie damit jeden Zweifel daran, dass sie es schaffen werden, dadurch zerstreuen. Aber auch um sich zu motivieren, denn sie merkte, dass sie mit jeder Fußspur im Sand auch einen Teil ihrer Kräfte hinterlässt. Ihre Atemzüge überschlagen sich… die Hitze steigt zu ihrem Kopf, der sich im Moment unglaublich leicht anfühlt, ihre Schritte verlangsamen sich, aber an eine Pause ist nicht zu denken, vielleicht aber später, wenn sie den nächsten Bergschatten erreichen, aber jetzt? Jetzt muss sie schneller laufen, langsamer atmen und nicht anders rum… schneller laufen und langsamer atmen… und sie muss weitermachen. Das trotzige Schicksal aber scheint, das Lager gewechselt zu haben, auch ihre Kräfte verraten sie, es scheint so, als hätte sie keine Macht über ihrem Körper mehr, als hätten ihre Beine und ihr Kreislauf auf einen solchen Schwächemoment gewartet, um dann ihre Autonomie zu erlangen und ihren Streik zu verkünden… sie muss aber weitermachen. Die Farben vermischen sich zu einem verschwommenen Meer, in dem sie hoffnungslos tiefer und tiefer versinkt, sie flüstert weiter zu sich "eine Mutter lebt für ihre Kinder, ja eine Mutter lebt für…"
(Dunkelheit)
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Wenn man glaubt, dass Kinder viel Phantasie haben, dann kennt man offenbar diesen Jungen nicht. Phantasie ist ein Gedankenluxus, ein mentaler Kraftüberschuss. In seinem Kopf kreisen nur einfache Gefühle wie Müdigkeit, Hunger und Durst. An den Rand gedrängt schwimmen unklare, wie vom Nebel bedeckte Erinnerungen an einen kranken und hart arbeitenden Mann, seinen Vater, und seine anderen Geschwister. Er sollte die Ackerarbeit erlernen, befahl sein Vater, denn irgendwann, wenn sein Vater nicht mehr da ist, wird er mit seinen anderen Geschwistern das Vieh und das Feld erben, und irgendwann wird er auch ein Vater werden. „Ein Mann muss seine Familie ernähren" - sagte er immer. Dann kam aber diese lange Dürreperiode, bestärkt von Krankheiten und Krieg. Ein Unglück kommt selten allein. Nun war sein Vater nicht mehr da, seine Geschwister ebenso. Das Vieh verendete, das Feld trocknete aus und am Rand des Feldes liegen seine Geschwister und sein Vater begraben. So erging es fast jedem im Dorf. Wer es konnte, hat das Flüchtlingslager gesucht. Da sind nette Leute, die aus der Ferne kommen. Sie sehen anders aus, haben andere Hautfarbe, sehen gut ernährt aus und streiten nicht ums Essen. Wo kommen sie her? Diese weißhäutigen Außerirdischen? Es interessierte keinen. Eins ist nur wichtig: sie haben Essen, Wasser und Behausungen, und nur das ließ die Flüchtlinge diese Hoffnungsinsel in dem Hungermeer suchen. Vor nicht allzu langer Zeit war alles in Ordnung, da hatte er wenig zu essen und zu trinken, aber immerhin eine warmherzige Familie. Und jetzt? Jetzt hat er nichts! Nur seine Schwester und seine Mutter. Seine Mutter, der gerad sichtlich nicht gut geht, die schwankt und die gerade zu Boden fällt.
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Wie lang war sie bewusstlos? Bestimmt nicht lange, denn die Sonne hatte sich wenn, dann nur ein wenig bewegt. Der Junge beugte sich zu seiner Mutter, nahm ihre Hand in seinen kleinen trocknen Händen und sah sie mit angstvollen Augen an. Kaum bemerkte sie ihre Situation, erschrak sie auf und drehte den Kopf nach ihrem Baby suchend. Dem ging es unverändert, außer dass es schwache, protestierende Laute von sich gab. Sie dankte dem Gott, dass sie auf den Rücken fiel. „Gott sei Dank" pustete sie aus und damit auch die gestaute Angst. Sie trank mit dem Jungen etwas Wasser, spuckte vorsichtig etwas Wasser in den Mund der Kleinen und sie machten sich wieder auf den Weg.
Laufen auf dem brennenden Sand, den Schatten der Sandhügel suchen und für 4 oder 5 Minuten rasten, dann wieder laufen. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie gedacht, sie liefe im Kreis. Das ganze Universum schien für sie aus einer heißen, ekelhaften grauen Masse zu bestehen. Der Weg ist noch lang. Das Essen dürfte reichen, das Wasser aber nicht. Sie hat die Distanz verschätzt, und der Junge war am durstigsten, sie nahm ihm sogar den fast leeren Wasserkanister weg, damit er es leichter hat. Wenn sie das Lager nicht bald finden, sind sie alle verloren. Dazu kommt, dass die Landschaft gebirgiger wurde und die Aussicht wegen der vielen Hügel versperrt war.
Es dauerte nicht lange, bis sie zwei ausgebrannten Panzern begegnet sind. Sie standen da wie zwei Riesen aus einem anderen Zeitalter, in dem sie Tod und Schrecken verbreiteten. Jetzt dienen sie diversen Tieren und Insekten als ein Zuhause. Der Junge war am meisten vom Anblick fasziniert, die Mutter, die am Ende ihrer Kräfte war, war merklich erleichtert, denn nicht weit von hier war das Lager, wie man es ihr beschrieben hat. Irgendwo in der Nähe soll es auch weitere Panzer geben, da muss man dann geradeaus laufen, einen langen weißen Turm dann ansteuern. Ein paar Kilometer und sie sind am Ziel! Ein paar Kilometer, wofür sie keine Kraft hat, und wofür das Wasser nicht ausreichen wird, jedenfalls nicht für drei Durstige. Sie liefen noch weiter für eine Weile, dann fand sie ein großes Schild aus altem Holz mit der Schrift „das Flüchtlingslager Nayyabi. 5 Kilometer weiter östlich". Für den ersten Blick glaubte sie ihren Augen nicht, dann fing sie an laut zu lachen, so laut, dass sie darauf husten musste. Der Junge sah sie stumm an. Er verstand nichts. Die Mutter nahm Wasser in den Mund und spuckte es in den Mund ihrer Tochter und reichte ihrem Jungen das Wasser und befahl ihm, einen großen Schluck zu trinken. Er trank, dann begann er auch zu lachen. Die Mutter lachte weiter, lachte und hustete, lachte und… und weinte. Sie wusch ihre Tränen mit der Hand ab.
„ Wieso weinst du?" fragt der Junge seine Mutter.
„Hör mir gut zu" - sagte sie seine Frage völlig ignorierend, „kannst du dich daran erinnern, was wir besprochen haben?". Ohne auf eine Antwort vom Jungen zu warten, der ohne eine Mimik zu verziehen mit dem Kopf bejahend nickte, fuhr sie fort: „Du nimmst deine kleine Schwester und läufst da weiter, in diese Richtung. Vielleicht 4 Stunden oder so ähnlich. Du bist ein Mann, also pass gut auf sie auf. Mach keine Pausen, verliere keine Zeit. Hast du noch Durst? Ja?, dann trink doch! Ok. Also du läufst weiter, bis du einen langen weißen Turm siehst, dann lauf auf den Turm zu. Erst wenn du den Turm siehst, darfst du das letzte Wasser trinken. Trink und spucke deiner Schwester das Wasser so in den Mund, wie ich es gemacht habe. Kannst du das? Gut. Da, wo der Turm ist, sind diese netten Helfer, geh dorthin und sag deinen vollen Namen. Ok? Sie führen Listen, deswegen sag deinen vollen Namen und den Namen unseres Dorfes auch. Sag auch, dass du alle deinen Angehörigen verloren hast, und dass du dich wegen deines kranken Vaters verspätet hast. Sie werden sich gut um dich kümmern. Im Lager wirst du… ".
„Und du? Kommst du nicht mit?"- unterbrach er sie.
„Hast du noch Hunger? Nimm das ganze Wasser und das Brot."- Fuhr sie, seine Frage wieder ignorierend, weiter fort. „Vielleicht wirst du da Freunde aus unserem Dorf sehen, die es geschafft haben, dann schließ dich ihnen an …"
Er hörte nicht mehr aufmerksam zu. Er beobachtete lediglich seine Mutter beim Reden. Ihre trocknen Lippen hielten das rasche Redetempo nicht und zeigten kleine Risse, die anfingen zu bluten. Ihre Augen, ihr Gesicht… sie sieht sehr geschwächt aus, wieso will sie dann nicht mitkommen? Wieso lässt sie ihn alle Vorräte mitnehmen? Wird er allein weitermachen müssen? Als er beim letzten Gedanken war, ergriff ihn die Angst. Seine Mutter redete immerwährend weiter und weiter. „Und jetzt geh schnell!" schrie sie. Ihr Schrei holte ihn aus dem dunklen Sumpf seiner Gedanken heraus. „Wenn du nicht mitkommst, wirst du sterben" schrie er zurück.
„Nein" sagte sie beschwichtigend „Ich bin nur müde. Sehr müde! Ich ruhe mich aus, dann komme ich nach. Vergiss nicht, was wir besprochen haben. Keine Sorge. Ich bin nur so müde. Ich ruhe mich aus, dann komme ich euch nach. Notfalls wirst du allein weitermachen. Keine Angst, ich habe noch Essen und Wasser bei mir. Ich verstecke sie nur. Glaubst du mir nicht? Du kleiner Teufel! Kümmere dich nicht um mich, nur um deine Schwester. Sie hält das nicht durch, wenn du dich nicht schnell auf den Weg machst. Und jetzt geh, beeile dich". Der Junge wickelte die Vorräte um seinen Rücken, nahm dann seine Schwester, die fast keine Reaktion von sich mehr gab, in seine Arme und machte sich auf den Weg, da hielt ihn seine Mutter an und sagte zu ihm: „Du bist ein guter Mann. Kümmere dich um deine Schwester. Egal was passiert, weiche nicht von ihrer Seite, dein ganzes Leben lang. Ich entlasse euch beide in die Hände Gottes. Bleib ein guter Mensch. Du wirst studieren und was aus deinem Leben machen und irgendwann heiratest du eine nette Frau, die dir wunderbare Kinder schenken wird. Kümmere dich um sie, und sorge dafür, dass sie ein besseres Leben haben. Ich werde das alles nicht miterleben, aber vergesse nicht, ihnen von ihrer Großmutter zu erzählen, die immer auf sie stolz sein wird, wie sie jetzt auf dich stolz ist. Vergesse nicht, dass ich euch liebe, und jetzt los". Sagte die Mutter. Weinen wollte sie, aber der trockene Körper hatte keine Flüssigkeit mehr, um sie in Tränen umzuwandeln.
Sie verfolgte ihre Kinder mit ihren Augen; wie der Junge seine Schwester auf dem einen Arm trug und mit seinem kleinen Körper einen Hügel erkletterte. Am Gipfel des Hügels angelangt wandte er den Kopf zu ihr um, warf ihr einen langen leeren Blick zu, dann drehte er sich, ging in die Ebene herunter, bis er hinter dem Hügel verschwand.
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Sobald sie ihn nicht mehr sehen konnte, ließ sie sich fallen, ihr Herz schlug schneller und schneller, es schien so, als würde ihr Herz einen Wettbewerb mit ihrer Atemfrequenz liefern wollen… kalter Schweiß fand seinen Weg auf ihrer Haut. Sie kennte das von eben, aber diesmal wird sie bestimmt nicht nochmal aufwachen, das wusste sie und es störte sie nicht, denn in dem Moment, in dem sie die Augen für immer schließen wird, in dem Moment, in dem ihr Herz sich der ewigen Stille hergibt, in diesem Moment war sie ihrem Schicksal überlegen.
Was mag durch ihren Kopf gegangen sein? Was mag sich in ihrem Herzen bewegt haben? Welche Miene verzog sie vor der ewigen Starre? Wenn die Angst alles umhüllt und die letzten Zellen des mutigsten Herzens erobert und erbebt, da kann man ihr nur mit Hoffnung entgegnen, selbst wenn diese Hoffnung so trügerisch, so unsicher ist. Erst wenn die Verzweiflung einen Körper lahmlegt, seine Gedanken einfriert, seine Vergangenheit in Asche legt und seine Zukunft zu brennen beginnt, erst dann wird die wirkliche Hoffnung geboren. Zu hoffen bedeutet, sich der gewissen Ungewissheit zu ergeben, die Bemühungen zu verraten, die reale Welt zu verlassen und sich langsam in die Traumwelt einzurichten. Nur aus solcher Hoffnung wird jede Bewegung zu einem Akt der Revolution, die die Sorge in stolze Verachtung und Gleichgültigkeit verwandelt. Eben solche Hoffnung macht aus ihrem Versagen ein Martyrium… ein Martyrium, das die dunkle Welt erhellt und sie überragt. Sich selbst für eine Hoffnung zu opfern, selbst wenn sie so dünn und unsicher scheint, vermag ein Herz zu erfüllen.
Ja, vielleicht waren diese Überlegungen ihre letzten Herzregungen. Jetzt ist aber alles egal… Eine Mutter lebt für ihre Kinder… Eine Mutter stirbt aber auch für ihre Kinder… wir sehen jetzt, was ihr Sohn nicht sehen konnte - eine Mutter, die ein schwaches müdes Lächeln trägt… Eine Mutter, die ihre Augen zufrieden schließt, und zwar für immer.
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Seine Mutter hat die Länge des Weges bestimmt verschätzt. Er läuft mittlerweile seit mehr als 5 Stunden. Durst, Hunger und Müdigkeit machen seine Schritte langsamer. Es wird langsam dunkel und nichts ist in Sicht. Seine Schwester gibt in seinen Armen weiterhin keine Reaktion von sich, kaum spürt er ihre Atemzüge an seiner Brust. Daran, dass seine Mutter wiederkommen wird, zweifelte er nicht, oder er wollte es nicht. Sie kommt nach, sie hat es ihm versprochen. Ja, sie kommt nach und sie werden wieder sattessen und ihren Durst stillen, dann wird alles wieder gut werden, zwar nicht mehr wie früher, aber gut. Sie kommt sicher nach… Er konnte nicht aufhören, daran zu denken, und…
Ist es Fata Morgano oder sieht er wirklich einen hohen weißen Turm? Tatsächlich, es war so! Schneller lief er, glücklich lachte er. Ja, es wird alles wieder gut… es wird alles wieder…
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Es war still im Lager… das Tor war weit offen, so als würde es ihn einladen, einzutreten. Es war alles aufs Schnellste und Einfachste gerichtet, aber trotzdem geräumig. Mindestens tausend Leute würden drin passen, das blöde aber: da war niemand… keine einzige Seele! Was seine Mutter nicht wusste, das Lager ist seit 4 Tagen verlassen worden. Man hat geglaubt alle Überlebenden gerettet zu haben, man wartete vergeblich einen Tag in der Hoffnung, es würden noch Notsuchende eintreffen, aber als nichts derartiges geschah, entschloss man sich zu gehen und in einer anderen Region Überlebende zu suchen.
All das wusste der Junge nicht. Seine Mutter hat sich geirrt, dachte er sich. Die Nacht war eingebrochen. Was soll er machen? Es wurde schnell dunkel und kalt. Die Rache der Nacht an der Wärme des Tages - ist die starke Kälte. Er lag sich neben Zeltresten, drückte seine kleine Schwester kräftiger an sich, die sich immer kälter anfühlte, und flüsterte so leise, weil er sich im Dunkeln fürchtete "Keine Sorge. Mama meinte, sie kommt uns nach. Wir bleiben hier bis sie kommt. Ich weiche nicht von deiner Seite. Ich habe es als Mann versprochen". Seine Stimme kam wegen der Kälte zitternd und zerhackt. In den warmen Gedanken an seine Mutter suchte er sich und seine Schwester zu wärmen.
Er spürt jetzt nicht mal die Atemzüge seiner Schwester. Sie war sehr kalt geworden. Er drückte sie deshalb umso mehr, damit er ihr etwas wärmer wird. War es die Kälte? Der Hunger oder die Übermüdung? Irgendwann konnte er seine Augen nicht offen halten. Eine Müdigkeit machte sich über ihn her…Seine Augenlider wogen Tonnen. Irgendwas schien ihm im Schlaf verlockend. Er machte seine Augen zu und flüsterte mit einer zitternder Stimme „ Mutter…komm schnell! Bitte!". Es dauerte nicht mehr lange, bis es eine völlige Stille herrschte. Der Moment der Stille dehnte sich an Zeit und Raum… Es stiller Moment, für die Ewigkeit.
Zalloum, Nedall
Berlin, 17.08.2011
Mit besonderem Dank an Ira Ekmekciu und Olga Sabelfeld.