das Foul von Ribéry
Spielt er oder spielt er nicht? So lautet die entscheidene Frage vor dem Showdown in Madrid.Bereits nach dem Foul Ribérys an Lisandro Lopez im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals zwischen dem FC Bayern und Olympique Lyon bekam diese potenzielle Konsequenz in vielen Köpfen eine besondere Eigendynamik, speziell in jenen, welche den Bayern wohlgesonnenen sind.
Rote Karte im Hinspiel, somit definitiv im Rückspiel gesperrt, und dann...?
Die Bayern, soviel konnte aus dem Verlauf dieses Hinspiels bereits früh herauslesen werden, duellierten sich nicht mit der größten Hürde auf ihrem Weg ins Finale. Diese haben sie bereits im Old Trafford von Manchester überquert und selbst das Achtelfinale von Florenz hatte ihnen deutlich mehr Kraft abverlangt als jenes Duell mit dem französischen Kontrahenten.
Wobei dieser Klassenunterschied auch einer starken Bayern-Mannschaft zugesprochen werden muss, die sich im Laufe der Saison permanent steigerte und das `Van-Gaalsche-System´ nicht nur begriffen sondern nun auch in die Tat umzusetzen vermag. Dieser Umstand brachte die Fans in eine fingernägelschonendere Situation als in den beiden Runden zuvor. Die Bayern agieren, dominieren und zelebrieren gegenwärtig mit der Klasse eines Champions-League-Finalisten.
Das zuvor hoch ambitionierte Lyon motivierte auch den heimischen Fußballverband, das, zwischen diesen beiden Aufeinandertreffen eingeplante, Ligaspiel gegen Monaco kurzerhand auf einen Ausweichtermin im Anschluss an das internationale Duell zu verlegen, um die europäischen Botschafter auf nationaler Ebene zu schonen. Viel wurde vor dem Hinspiel über diese Maßnahme und ihre manipulativen Auswirkungen diskutiert. Anschließend jedoch nur noch selten, nachdem die Bayern ihre Klasse in der heimischen Allianz-Arena eindrucksvoll demonstrierten, was das überschaubare Ergebnis von 1:0 nicht leistungsgerecht widerspiegelte. Die qualitative Degradierung der Franzosen glich nach dem Hinspiel bereits einer verhärmten Kreatur die sich im Colosseum dem aussichtslosen Kampf gegen Raubtiere stellen muss.
Die Reise nach Madrid war bereits so gut wie eingetütet und das Rückspiel bekam mehr den Stellenwert einer `Anwesenheitspflicht´.
Allein die Sorgen konnten nun Franck Ribéry gewidmet werden, der sich in jenen Apriltagen nach einem Rotlicht-Skandal außerhalb des Platzes nun mit einem Rotsperren-Skandal auf dem Platz auseinandersetzen musste. Hart, befanden viele diese Entscheidung, grenzwertig, nicht eindeutig rot, dunkelgelb bis hellrot war der Tenor. Die Zeitlupe dieses Foulspiels wurde an diesem und den folgenden Tagen häufiger eingeblendet und diskutiert als Robbens Siegtor. Und noch einmal, weils so traurig war, voilà:
Dutzende Male sahen die Zuschauer wie Ribéry von rechts nach innen zog, sich den Ball dabei ein wenig zu weit vorlegte bzw. er ihm wegsprang, wodurch sein Gegenspieler Lopez den Bruchteil einer Sekunde eher an die Pille gelangte als der rote Franzose.
OK, ein Foul, kein nennenswertes Herzklopfen unter den Zuschauern, zumal die Attacke zunächst nur als leichter Aufprall zweier Spieler gewertet wurde die frontal kollidierten.
Viele Zeitzeugen griffen ungerührt in ihre Chipstüten oder hievten eine Bierflasche ans Mundwerk ohne eine Notwendigkeit zu sehen jene Situation gesondert zu kommentieren, bis, ja bis der Mann in gelb die Karte in rot zückte. Quer durch die Arena war das Entsetzen spürbar und es übertrug sich sofort auf Millionen Sofas und Barhocker der Republik. Die Beschäftigung der `Szene des Spiels´ begann, welche durch keine zehn Traumtore oder einem über das Spielfeld rennenden Nudisten hätte in den Schatten gestellt werden können.
Ein Foul war es, keine Frage! Ribéry steigt Lopez auf den linken Knöchel, was in der Superzeitlupe wie ein mehrsekündliches Verharren des kompletten ribérischen Körpergewichts wirkte, offenbarte in Realgeschwindigkeit keine Böswilligkeit. Ribéry wollte den Ball an exakt der Stelle spielen von der Lopez ihn, diesen entscheidenden Sekundenbruchteil zuvor, weggeschossen hat. Was Ribérys rechter Fuß nur noch vorfand, während er sich bereits vor der unmittelbaren und unaufhaltsamen Fuß-Ball- bzw. Fuß-Fuß-Kollision befand, war leider Lopez´ Knöchel. C´est la vie!
Lopez krümmte sich am Boden, ließ sich vom Platz tragen, stand bald wieder auf und empfing die Glückwünsche der vorbeijoggenden Ersatzspieler ob der produktivsten Tat eines Protagonisten seiner Mannschaft in insgesamt 180 Minuten jener bajuwarischen Gourmetabende mit französichen Küchenhelfern aus der Feinschmeckerstadt Lyon.
Bei roten Karten werden feine aber bedeutsame Unterscheidungen getroffen. Hier differenziert man zwischen Foulspiel und Tätlichkeit. Ein Foulspiel kann, in der Hitze des Gefechts und in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um ein sehr körperbetontes Spiel handelt, vorkommen. Bei hoher Geschwindigkeit sind psychische Fähigkeiten wie Timing und Antizipierung hin und wieder der Physis überlegen und ein Foulspiel kann sich als Konsequenz daraus ergeben. Es ist fahrlässig, ein Spieler handelt jedoch oft fahrlässig. Denn tut er es nicht, ist er chancenlos. Jede gelungene Aktion hätte auch ins Gegenteil umschlagen können, wie z.B. in diesem speziellem Fall.
Von Tätlichkeit wird dann gesprochen, wenn der Spieler seinen Gegenpart ohne den Kampf um den Ball attackiert. Ihm, à la Zinedine Zidane, den Kopf in den Brustkorb rammt oder, wie jüngst der Römer Francesco Totti an seinen Gegenspieler Mario Balotelli von Inter Mailand, eine Beinamputation versucht. Hier das Amokvideo:
Totti wurde nun die Quittung mit vier Spielen Sperre serviert. Tätlichkeiten werden zu Recht im Regelfall mit höheren Strafen belegt als reine Foulspiele. Dass Totti jedoch, für seinen chirurgischen Eingriff, ein einziges Spiel mehr gesperrt wurde als der französische Techniker enspricht einer falschen Relation.
Der Fall Ribéry kann unmöglich derart kriminalisiert werden, um in diese Reihe denkwürdiger Scharmützel eingegliedert zu werden. Seine Attacke erfolgte von vorn, nicht von der Seite, geschweige denn von hinten. Ihm ging es um den Ball, um nichts anderes. Dies wurde im Anschluss auch von dem Gefoulten Lopez bestätigt. Dennoch entschied die zuständige Uefa-Kommission auf eine `Tätlichkeit´ und eine Sperre von drei Champions-League-Spielen! Das Rückspiel in Lyon hat Monsieur Ribéry bereits abgesessen, das zweite wird das größte Vereinsspiel seiner Karriere. Mit entschieden passiver Beteiligung, aufgrund einer Fehleinschätzung des zuständigen Uefa-Sportgerichts. Der FC Bayern und Ribéry nahmen daraufhin zum zweiten Mal eine Entscheidung in diesem Zusammenhang mit Entsetzen auf und legten Einspruch ein. Eine Woche später folgte die Berufungsverhandlung in Nyon. Doch auch hier gelang der Verteidigung kein Durchbruch. Die Sperre von drei Spielen wurde bestätigt.
Nun gut, bei genauerer Betrachtung durfte man ohnehin nicht viele Erwartungen in eine Gerichtsbarkeit investieren, die vor der Wahl stand entweder Autorität als auch Kompetenz ihres eigenen Gremiums zu beschädigen, um einem einzelnen machtlosen Spieler entgegen zu kommen oder das eigene System solidarisch, im Interesse der Verbandsstruktur zu pflegen und zu stützen. Die politische Gewichtung dieser Entscheidung wog weitaus schwerer als eine rein objektive Auseinandersetzung mit dem Fall und einer entsprechend gerechten Entscheidung. Vergleichbar mit einem Vater, der in einer Auseinandersetzung zwischen seinem Sohn und einem fremden Jungen entscheiden muss. Er wird immer versuchen die Interessen des eigenen Rotzlöffels zu wahren. Die mafiöse Interessenverwaltung der Uefa konnten die Bayern letztendlich nur ohnmächtig über sich ergehen lassen. Auch wenn sich der Verein und der Spieler eine faire Auseinandersetzung erhofft hatten, was durch das Erscheinen von Ribéry und Vorstandsboss Rummenigge untermauert wurde, so mussten sie dieses schauprozessanmutende, abermalige Scheitern in der zweiten Instanz ertragen, um das finale Gesuch bei dem übergeordneten, und von der Uefa unabhängigen, CAS per Eilverfahren einzureichen. Der CAS (Court of Arbitration for Sport), der Internationale Sportgerichtshof, verhandelt nun den Fall Ribéry in letzter Instanz am 18.05.2010 in Lausanne, vier Tage vor dem großen Spiel gegen Inter Mailand in Madrid. Es kann davon ausgegangen werden, dass der CAS jene Szene zunächst mit der so wichtigen Titulierung `Foulspiel´ versieht und somit die Uefa-Definition `Tätlichkeit´ widerlegt. Die berechtigte Hoffnung der Bayern liegt nun in der Objektivität der dortigen Sachverständigen, die offiziell ohne lobbyistische Einflüsse walten können.
Das Urteil wird sich nach der Neueinstufung der Thematik wohl auf eine oder zwei Partien verringern. Das übergeordnete Ziel der Bayern lautet natürlich das Strafmaß auf ein Spiel zu reduzieren, um Ribéry für das große Finale zu entsperren. Dementsprechend taugt eine Minderung der Strafe auf zwei Begegnungen nicht viel. Die aktuell verhängte Sperre wäre eh mit der ersten, nahezu bedeutungsarmen, Vorrundenbegegnung der Saison 2010/2011 abgesessen.
Dementsprechende diplomatische Erwägungen des CAS würden so den deutschen Meister weiter als klaren Verlierer dieser Auseinandersetzung im Regen stehen lassen. Das Bemühen des FC Bayern, um ein gerechtes Strafmaß für ihren wichtigen Star ist redlich und eine vermutliche Strafmilderung durch den CAS wünschenswert. Zudem würde dies einen Autoritätsverlust für die Uefa bedeuten, welche die entsprechende Entwicklung durch Arroganz und subjektive Interessenvertretung eigenmächtig provoziert hat.
Von Björn Schniedenharn