Trau- und Eheringe
„
Heiraten heißt, seine Rechte halbieren und seine Pflichten zu verdoppeln." „
Die Ehe ist dazu da, Probleme gemeinsam zu lösen, die man alleine nicht hat!" Zwei mehr oder weniger sinnige Sprüche, die immer ihre Lacher finden. Ausgesprochen von Leid geprüften Ehepartnern sowie von prinzipiellen Gegnern der Ehe, die diese Weisheit gerne ungeprüft unter die Leute bringen. Es gibt viele derartige, sinnvolle oder nur humoristisch angelegte Sprüche und Weisheiten, die sich mit der Ehe beschäftigen. Diese werden vornehmlich im Vorfeld einer Hochzeit beim Paar angebracht, gerne beim Polterabend, wenn
Trau- und Eheringe schon längst gekauft sind und auch gleich nach der Trauung bei der Hochzeitsfeier im trauten Kreis mit Familie und Freunden.
Von dem libanesisch-amerikanischen Dichter, Maler, Mystiker und Philosophen Khalil Gibran, (1883 – 1931) erschien 1926 ein Buch mit dem Titel „
Der Prophet". Der Held dieses Buches heißt Almustafa und hat zu allen Themen des täglichen Lebens tiefgreifende Erkenntnisse und Ratschläge zu bieten, natürlich auch zur Ehe. Da spricht er u.a.: „
(...) Liebet einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel : lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein. Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher (...) singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch allein sein. (...) Und steht zu zusammen, doch nicht zu nah: denn die Säulen des Tempels stehen für sich. Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen."
Die Ratschläge von Almustafa sind von tiefer Weisheit und einer ausgezeichneten Menschenkenntnis getränkt. Sie laufen im Grunde darauf hinaus, sich als Einzelner in der Institution Ehe nicht zu verlieren - um die Entwicklung beider Seelen Willen. Ein schwieriges, Tabu besetztes Thema in Zweierbeziehungen, wo gemeinsames Wohn-, Ess- und Schlafzimmer mit Doppelbetten Tradition haben und sich nur wenige trauen, hier bewusst auszubrechen. Sie beziehen- um der Liebe Willen- zwei Wohnungen oder schlafen in getrennten Betten oder schaffen sich zumindest ein eigenes Zimmer, um hier kompromissloser die eigene Individualität ausleben zu können. Viele Beziehungen zerbrechen, weil einer oder gar beide sich nicht entfalten können. Man sieht, Khalil Gibrals Buch hat in über 80 Jahren nichts an Aktualität verloren. Offenbar sind die Probleme mit der Ehe prinzipieller Natur.
Andreas Mettler