Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Jetzt möchte ich einmal ganz im besonderen auf das Thema Dualität eingehen. Obwohl ich es schon in anderen Kapiteln angeschnitten habe, bin ich der Meinung, daß mit einer ganz bestimmten Betrachtungsweise etwas mehr Klarheit entstehen kann. Ich möchte hier nicht über die Einheits Erfahrung als solches sprechen, denn in der löst sich ja unsere Wahrnehmung von Dualität auf, und wir sind durchdrungen von der tiefen Gewißheit, daß eben alles Eins ist; dann besteht ja kein Bedürfnis mehr nach Erkenntnis und Erklärbarkeit, und wir befinden uns in einer
zweifelsfreien Zone. Es liegt mir hier vielmehr daran, das Einheitliche in ihrer scheinbaren Getrenntheit zu erfahren bzw. zu verstehen. Deshalb möchte ich die Thematik in Beziehung zum
Yin und Yang Prinzip setzen und eine vielleicht aufklärende Verbindung herstellen. Das Yin und Yang Prinzip verdeutlicht nämlich genau die tiefere Erkenntnis, die ich versuche zu vermitteln, wenn ich vom Erkennen und Wissen der Einheit
in der Dualität spreche. Denn ich spreche hier vor allem von einer Kenntnis, die ich mir erwerben kann, wenn ich die Dinge auf logische, analytische Weise betrachte, die uns, befruchtet mit einer gewissen Offenheit für die intuitiven Kräfte in uns, mit einem Verständnis von höherer Ebene her versorgt.
So gesehen können wir leichthin erkennen, daß die grobe Trennung von den Erscheinungen in polare Gegensätzlichkeiten eigentlich gar nicht möglich ist, weil wir die vielen Überschneidungen, Nuancierungen, mit anderen Worten, die Grautöne zwischen dem Schwarz Weiß Denken und Betrachten erahnen können und deshalb schon innerlich um den komplexeren Zusammenhang wissen. Das allgemein bekannte Zeichen des Yin und Yang Prinzipes, welches in den sich gegenüberstehenden Feldern, ob sie nun rot und blau, schwarz oder weiß sind, einen Punkt in der Farbe ihres jeweiligen Gegenübers beinhaltet, verdeutlicht und veranschaulicht das meiner Meinung nach sehr gut. Es weist somit unmißverständlich auf das Wachsen und Bestehen des einen im anderen hin. In dieser bildlichen Gestaltung wird genau das aufzeigt, was wir hier versuchen zu erspüren: Nämlich daß in einem Pol der Dualität, der oberflächlich betrachtet das Gegenteil seines gegenüberliegenden Pols ist, auch dieses scheinbar andere, Gegenteilige beinhaltet ist. Das, was wir oberflächlich als Dualität, als scheinbar gegensätzlich erfassen, kommt einer illusorischen und künstlichen Aufspaltung (Trennung) gleich, wobei eigentlich ein immerwährendes miteinander Verbundensein existiert. Wir können die Einheit als letztendliche Realität grundsätzlich als Ist Zustand voraussetzen, auch wenn wir sie gerade nicht in ihrer ganzen Totalität erfahren können. Die Aufspaltung der Realität in die duale Welt der Erscheinungen, in zwei scheinbar gegenüberliegende, gegensätzliche Pole findet ihren Sinn darin, daß die Eigenschaften, die ihr eigen sind, in vielerlei Hinsicht ein perfekt gestaltetes Umfeld für unsere menschliche Entwicklung bieten.
Um hier nur eine dieser konstruktiven Auswirkungen der „dualen Realität" zu erwähnen, möchte ich an dieser Stelle daran erinnern, daß ohne eine „künstliche", erschaffene Wahrnehmung des voneinander Getrenntseins unser Erleben von einem Gegenüber und die Kommunikation mit demselben nicht möglich wäre. Was bedeutet, daß es nur eine scheinbare Gegensätzlichkeit, eine scheinbare Trennung gibt, ein notwendiges Szenario, um die irdisch spezifische Erfahrung auf dieser Welt zu ermöglichen. In Wirklichkeit waren wir jemals weder von irgend etwas getrennt noch werden wir es je sein. Unsere Wahrnehmung erlaubt ein Erleben des scheinbaren Abgespaltetseins vom Ganzen und somit auch dem Individuellsein. Wir sind also immer Eins mit allem, und das Erleben von Trennung ist eine von uns selbst erschaffene und auch von uns selbst entschiedene Illusion, die dazu dient, uns selbst mit der einzigartigen Erfahrung des „Alleinseins", mit der Individualität und mit dem „All Eins Sein", also mit unserem Erleben des Ungetrenntseins an sich zu beglücken. Wir können die Dualität als Geschenk von uns und für uns betrachten, als Inhalt mit spezifischer Erfahrungs Auswirkung, welcher einerseits paradoxerweise vom „Behältnis der Ganzheit" in gewisser Weise völlig durchdrungen ist und andererseits von der Einheit als Gefäß formhaltend umfaßt wird.