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Doppel-P: Pferdeflüsterer und Pfarrer

Autor: hop | Erstellt am: 17.03.2009 | Gelesen: 5405
Kategorie: Politik - Gesellschaft & Soziales | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Ein langes Leben zwischen Pferden und Pfarrei

Gottfried von Dietze
Gottfried von Dietze
"Das Berittene Seelenheil" so nennt Gottfried von Dietze sich mit einem Schmunzeln selber. Irgendwie erinnert er an eine knorrige alte Eiche und wenn einer den Titel Pferdeflüsterer zu Recht trägt, dann wohl er. 1921 in Breslau geboren, mussten seine Eltern mit ihm und seinen sechs Geschwistern recht häufig umziehen, da der Vater Professuren an unterschiedlichen Universitäten erhielt. Dennoch spricht er heute noch von einer wunderschönen Jugend.

In Barby, wo die Saale in die Elbe fließt, hatten die von Dietzes ein großes Anwesen, wo sie auch immer die Ferien verbrachten. Hier lernte er vierjährig das Reiten, eine Leidenschaft, die sein ganzes Leben bestimmte. In Potsdam besuchte er das Gymnasium, hier erhielt er Reitunterricht von ehemaligen Gardeulanen. Da er nicht der Hitlerjugend angehörte, hätte er nach dem Abitur nie studieren dürfen, daher meldete er sich 1937 beim Kavallerieregiment als Offiziersanwärter. Diesem Regiment war die Reiterehre überaus wichtig, sie alle waren eher gegen Hitler. Das wusste dieser auch und war ihnen entsprechend wenig gewogen, später schaffte er sie sogar ab.

So war er im Krieg zuerst in Polen, dann folgte eine bemerkenswerte Leistung. Von Aachen aus ritt seine Division mit 15 000 Pferden durch Holland und Frankreich bis in die Pyrenäen – und das in 20 Tagen, von denen einige sogar noch mit Kämpfen verbracht wurden. Dann ging es wieder an die Ostfront, er musste Pferd gegen Panzer tauschen und kam nach Stalingrad. Eine schwere Beinverletzung rettete ihm das Leben, denn er wurde mit der "Tante Ju" ausgeflogen. Nach fast zwei Jahren Lazarettaufenthalt konnte er endlich wieder auf ein Pferd steigen und ritt in der Folgezeit wegen der Verletzungsfolgen lange im Damensattel.

Nach einem Studium der Betriebswirtschaft hängte er noch ein Theologiestudium an mit Auslandssemestern in Basel und Paris. Nach dem Studium ging er nach Schottland, wo er meist per Pferd oder aber auch Motorrad die deutschsprachige Gemeinde versorgte. War er auf einem Schimmel unterwegs, hieß es beim Volk: "Da habt ihr Gottes Wort schwarz auf weiß". 1952 folgte ein Ruf nach Nieder-Moos, wo er endgültig Wurzeln schlug und auch die Versorgung oft per Pferd machte. Seine Frau Marie-Else war Sportlehrerin und Krankengymnastin, da lag es fast schon nahe, dass sie zusammen in Nieder-Moos ein in Deutschland und dem Ausland vielbeachtetes Zentrum für therapeutisches Reiten initiierten und er war lange Jahre Vorsitzender des Deutschen Kuratoriums für therapeutisches Reiten.

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Den Begriff stellt er gerne als Kreis mit drei Segmenten dar: Medizin, Pädagogik und Behindertensport, in dessen Mitte das Pferd steht. Gerade für Behinderte ist die Teilnahme an einem Sport ungeheuer wichtig, dadurch stehen sie nicht abseits und durch Training gewinnen sie eine große Leistungsfähigkeit, die auch für alle anderen Lebensbereiche gilt. Gerade das Pferd sieht er daher als echte Lebenshilfe. Damit Behinderte den Reitsport ausüben können, sind kompensatorische Hilfsmittel erforderlich. Und gerade dabei hat von Dietze Tolles geleistet, denn er hat im Laufe von vielen Jahren für Behinderte ihrer Einschränkung entsprechend zahlreiche individuelle Hilfsmittel entwickelt, konstruiert und mit Hilfe von Sattlern anfertigen lassen. Das umfasste beispielsweise Requisiten für Arm- oder Beinamputierte, Ohnarmige, Querschnittsgelähmte und Kleinwüchsige, die dadurch aktiv Reiten konnten. Die Spitze des Behindertensports sind sicher die Paralympischen Spiele Und auch dabei kann er durchaus auf beachtliche Erfolge zurückblicken.

Gottfried von Dietze

Die beinlose Dr. Angelika Trabert beispielsweise, die bei ihm seit ihrem neunten Lebensjahr ritt, gewann mit ihrem speziellen Sattel immerhin mehrere Silber- und eine Goldmedaille bei den Paralympics. Oder Bettina Eistel, die durch eine Conterganschädigung nicht vollständig ausgebildete Arme und Hände hat, gewann mit speziellen, ihre Behinderung ausgleichenden Zügel die Dressur Weltmeisterschaft. Ähnliche Spezialzügel und –handschuhe hatte er auch für eine andere Contergangeschädigte konstruiert, die so Pferdewirtin mit Schwerpunkt Zucht- und Haltung wurde und die Prüfung mit "Gut" bestand. Das Heft "Kompensatorische Hilfsmittel für Behinderungen von Reitern" mit vielen solcher Anleitungen gab er heraus, zu beziehen ist es über das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten in Warendorf.

Trabert
Dr. Angelika Trabert

Sogar heute noch arbeitet er in kleinem Umfang mit Behinderten und seine Erfahrung mit speziellen Hilfen für solche ist immer noch gefragt. Er selber reitet noch viermal wöchentlich, das sieht er auch für sich selber als Therapie an. Dabei ist der Pfarrer dorfbekannt, denn die Strecken im Dorf legt er mit einem Elektro-Dreirad zurück, behütet mit einer Waschbärenmütze und einem alten Reitermantel, ist er ein echter Hingucker. In Verbindung mit der Hippotherapie wurde er um Hilfe bei der Ausbildung von Reiterstaffeln gefragt. Bereits zu Beginn des Krieges bildete er 1939 die erste Reiterstaffel aus, und so war das für von Dietze eine Ehrensache, sich auch hier einzubringen, schließlich ist auch er stolz darauf, ein Johanniter-Ritter zu sein. So half er beim Aufbau mehrerer berittener Rettungstruppen, ans Herz gewachsen ist ihm besonders die Fuldaer DRK Reiterstaffel. Hat er auch sein Pfarramt nach 33 langen Jahren in Nieder-Moos aufgegeben, das Helfen aber ist ihm auch weiterhin wichtig. So macht es ihm auch Freude, der nächsten Reiterstaffel in den Sattel zu helfen. Denn die von Marco Ebert initiierte DRK Reiterstaffel, die am 18. März ihre Gründungssitzung hat, wird auch von dem unglaublichen Erfahrungsschatz dieses Urgesteins profitieren können.

Barbara Hoppe
 
 
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