Gottfried von Dietze
"Das Berittene Seelenheil" so nennt Gottfried von Dietze sich mit einem
Schmunzeln selber. Irgendwie erinnert er an eine knorrige alte Eiche
und wenn einer den Titel Pferdeflüsterer zu Recht trägt, dann wohl er.
1921 in Breslau geboren, mussten seine Eltern mit ihm und seinen sechs
Geschwistern recht häufig umziehen, da der Vater Professuren an
unterschiedlichen Universitäten erhielt. Dennoch spricht er heute noch
von einer wunderschönen Jugend.
In Barby, wo die Saale in die Elbe
fließt, hatten die von Dietzes ein großes Anwesen, wo sie auch immer
die Ferien verbrachten. Hier lernte er vierjährig das Reiten, eine
Leidenschaft, die sein ganzes Leben bestimmte. In Potsdam besuchte er
das Gymnasium, hier erhielt er Reitunterricht von ehemaligen
Gardeulanen. Da er nicht der Hitlerjugend angehörte, hätte er nach dem
Abitur nie studieren dürfen, daher meldete er sich 1937 beim
Kavallerieregiment als Offiziersanwärter. Diesem Regiment war die
Reiterehre überaus wichtig, sie alle waren eher gegen Hitler. Das
wusste dieser auch und war ihnen entsprechend wenig gewogen, später
schaffte er sie sogar ab.
So war er im Krieg zuerst in Polen, dann
folgte eine bemerkenswerte Leistung. Von Aachen aus ritt seine Division
mit 15 000 Pferden durch Holland und Frankreich bis in die Pyrenäen –
und das in 20 Tagen, von denen einige sogar noch mit Kämpfen verbracht
wurden. Dann ging es wieder an die Ostfront, er musste Pferd gegen
Panzer tauschen und kam nach Stalingrad. Eine schwere Beinverletzung
rettete ihm das Leben, denn er wurde mit der "Tante Ju" ausgeflogen.
Nach fast zwei Jahren Lazarettaufenthalt konnte er endlich wieder auf
ein Pferd steigen und ritt in der Folgezeit wegen der Verletzungsfolgen
lange im Damensattel.
Nach einem Studium der Betriebswirtschaft hängte
er noch ein Theologiestudium an mit Auslandssemestern in Basel und
Paris. Nach dem Studium ging er nach Schottland, wo er meist per Pferd
oder aber auch Motorrad die deutschsprachige Gemeinde versorgte. War er
auf einem Schimmel unterwegs, hieß es beim Volk: "Da habt ihr Gottes
Wort schwarz auf weiß". 1952 folgte ein Ruf nach Nieder-Moos, wo er
endgültig Wurzeln schlug und auch die Versorgung oft per Pferd machte.
Seine Frau Marie-Else war Sportlehrerin und Krankengymnastin, da lag es
fast schon nahe, dass sie zusammen in Nieder-Moos ein in Deutschland
und dem Ausland vielbeachtetes Zentrum für therapeutisches Reiten
initiierten und er war lange Jahre Vorsitzender des Deutschen
Kuratoriums für therapeutisches Reiten.

Den Begriff stellt er gerne als Kreis mit drei Segmenten dar: Medizin,
Pädagogik und Behindertensport, in dessen Mitte das Pferd steht. Gerade
für Behinderte ist die Teilnahme an einem Sport ungeheuer wichtig,
dadurch stehen sie nicht abseits und durch Training gewinnen sie eine
große Leistungsfähigkeit, die auch für alle anderen Lebensbereiche
gilt. Gerade das Pferd sieht er daher als echte Lebenshilfe. Damit
Behinderte den Reitsport ausüben können, sind kompensatorische
Hilfsmittel erforderlich. Und gerade dabei hat von Dietze Tolles
geleistet, denn er hat im Laufe von vielen Jahren für Behinderte ihrer
Einschränkung entsprechend zahlreiche individuelle Hilfsmittel
entwickelt, konstruiert und mit Hilfe von Sattlern anfertigen lassen.
Das umfasste beispielsweise Requisiten für Arm- oder Beinamputierte,
Ohnarmige, Querschnittsgelähmte und Kleinwüchsige, die dadurch aktiv
Reiten konnten. Die Spitze des Behindertensports sind sicher die
Paralympischen Spiele Und auch dabei kann er durchaus auf beachtliche
Erfolge zurückblicken.

Die beinlose Dr. Angelika Trabert
beispielsweise, die bei ihm seit ihrem neunten Lebensjahr ritt, gewann
mit ihrem speziellen Sattel immerhin mehrere Silber- und eine
Goldmedaille bei den Paralympics. Oder Bettina Eistel, die durch eine
Conterganschädigung nicht vollständig ausgebildete Arme und Hände hat,
gewann mit speziellen, ihre Behinderung ausgleichenden Zügel die
Dressur Weltmeisterschaft. Ähnliche Spezialzügel und –handschuhe hatte
er auch für eine andere Contergangeschädigte konstruiert, die so
Pferdewirtin mit Schwerpunkt Zucht- und Haltung wurde und die Prüfung
mit "Gut" bestand. Das Heft "Kompensatorische Hilfsmittel für
Behinderungen von Reitern" mit vielen solcher Anleitungen gab er
heraus, zu beziehen ist es über das Deutsche Kuratorium für
Therapeutisches Reiten in Warendorf.
Dr. Angelika TrabertSogar heute noch arbeitet er in
kleinem Umfang mit Behinderten und seine Erfahrung mit speziellen
Hilfen für solche ist immer noch gefragt. Er selber reitet noch viermal
wöchentlich, das sieht er auch für sich selber als Therapie an. Dabei
ist der Pfarrer dorfbekannt, denn die Strecken im Dorf legt er mit
einem Elektro-Dreirad zurück, behütet mit einer Waschbärenmütze und
einem alten Reitermantel, ist er ein echter Hingucker. In Verbindung
mit der Hippotherapie wurde er um Hilfe bei der Ausbildung von
Reiterstaffeln gefragt. Bereits zu Beginn des Krieges bildete er 1939
die erste Reiterstaffel aus, und so war das für von Dietze eine
Ehrensache, sich auch hier einzubringen, schließlich ist auch er stolz
darauf, ein Johanniter-Ritter zu sein. So half er beim Aufbau mehrerer
berittener Rettungstruppen, ans Herz gewachsen ist ihm besonders die
Fuldaer DRK Reiterstaffel. Hat er auch sein Pfarramt nach 33 langen
Jahren in Nieder-Moos aufgegeben, das Helfen aber ist ihm auch
weiterhin wichtig. So macht es ihm auch Freude, der nächsten
Reiterstaffel in den Sattel zu helfen. Denn die von Marco Ebert
initiierte DRK Reiterstaffel, die am 18. März ihre Gründungssitzung
hat, wird auch von dem unglaublichen Erfahrungsschatz dieses Urgesteins
profitieren können.
Barbara Hoppe