Schulreform einmal anders gedacht. Bevor eine neue Reform der altherkömmlichen Art die letzte Reform der Reform ablöst, könnte mein Vorschlag Abhilfe schaffen. Natürlich rede ich hier über eine ernste, sehr ernste Sache. Aber trotzdem sollten wir bei allen Anstrengungen den Ernst der Lage nicht zu verkennen, einen gewissen Schuss Humor nicht außer Acht lassen. Die Computer werden über kurz oder lang auch den Sektor Bildung beherrschen. Ob es besser wird, ich wage es zu bezweifeln. Nun, wir sind nahe daran.
Reformieren wir einmal richtig:Es werden keine Schulen mehr saniert, Schulleiter werden nicht mehr eingestellt bzw. Lehrer nicht mehr befördert. Das gesparte Geld könnte in Computer investiert werden, die jedem Haushalt kostenfrei überlassen werden. Die Wirtschaft und das Handwerk stiften die Softwarepakete und sorgen dafür, dass Lerninhalte an die beruflichen Anforderungen angepasst werden. Mit anderen Worten, das duale System beginnt schon in der Grundschule, an zukünftigen Ausbildungsberufen orientiert. Bildung für alle, aber ohne Allgemeines zu vertiefen.
Die Vorteile:- Teure Schulgebäude entfallen und können für sinnvolle und für die Zukunft wichtige Zwecke wie „Die Tafel" oder Übernachtungsmöglichkeiten für obdachlose Ein-Euro-Jobber benutzt werden.
- Die Anzahl der Lehrer und vor allem der teuren Schulleiter kann drastisch reduziert werden. Die eingesparten Gelder können für Steuergeschenke an Bank und notleidende Unternehmen verteilt werden, damit die Wachstumsbeschleunigung so richtig in Gang kommt.
- Teure Anfahrtswege, Buseinsätze sowie Kilometerlange Fußwege entfallen. Dieses Mehr an Freizeit kann für wichtige Events wie Komasaufen, Talkshow-Fernsehangebote und andere sinnstiftende Dinge genutzt werden.
- Die Eltern wissen endlich wo ihre Kinder sind. Polizeieinsätze für die Suche nach Schülern, die der Schulpflicht nicht nachkommen entfallen.
- Die Verpflegungsprobleme und das Beschaffen von Südfrüchten für die Schüler und Schülerinnen der Ganztagsschulen lösen sich von selbst auf.
- Die Krankenkassen werden entlastet, da sich die Kinder nicht mehr in den zugigen Klassenzimmern oder auf dem Schulhof erkälten können.
- Freigesetzte Lehrer stünden der Politik zur Verfügung. Um hier steigenden Kosten vorzubeugen, könnten diese Politiklehrer dann über Ein-Euro-Jobverträge in die Parlamente einziehen. Da der Wirtschaft genügend Geld aus den Steuerersparnissen zur Verfügung steht, könnten Ausgleichslösungen über die Schaffung von zusätzlichen Aufsichtsratsposten angeboten werden.
Nun, wie soll aber der Unterricht stattfinden?
Das ist ganz einfach. Die notwendigen Unterrichtsinhalte werden über eine Internetplattform zur Verfügung gestellt. Die Schüler und Schülerinnen lesen diesen Lernstoff am Bildschirm. Dadurch wäre auch gewährleistet, dass Optiker und Brillenlieferanten auf Jahrzehnte hinaus gesicherte Umsätze hätten, Stichwort Wachstum.
Am Computer und mit Hilfe der Familie, sowie in Notfällen mit Hilfe eines Handy-Telefonjokers, werden die Aufgaben interaktiv gelöst und Lösungen und Fragen per Hyperspace an den Zentralcomputer übermittelt. Dort sitzen die aus dem Reformpaket übrig gebliebenen Lehrer und Lehrerinnen und bearbeiten die Lösungen und Fragen der Kinder und Kinderinnen. Zwischendurch ein wenig You Tube, Wikipedia, Wer kennt wen, Facebook oder andere lehrreiche Zusatzausbildungsundbildungsangebote, unterstützt durch die Nachrichten aus Dschungelcamp, DSDS und andere sozialpsychologische Unterstützungsprogramme und das Lernen erhält ein an Aktualität nicht mehr zu überbietendes maximiertes Niveau, welches von Schulen der klassischen Art nicht erbracht werden kann. Hier findet der Ausgleich zu den von Wirtschaft und Handwerk gesponserten Lernprogrammen statt. Allgemeinwissen von der Allgemeinheit gestiftet. Humboldt würde sich zwar mit Grausen abwenden, aber wen interessiert es? Talkshows und Sport als Soma für alle in der schönen medialen Bildungswelt.
Da dieses Angebot an Lockerheit, ungebremsten Entfaltungsmöglichkeiten und Aussicht auf umfassende Medienkompetenz nicht zu überbieten ist, werden alle Beteiligten endlich sagen können: „ Mann, dass ist es! Warum nicht gleich so?" Die Natur kommt ins Wohnzimmer, ich muss nicht mehr in die Kälte oder die Hitze hinaus. Reisekrankheiten ade, Fernreisen auf dem bequemen Wohnzimmersessel. Das ist Erdkunde pur! Biologieunterricht über die Webseite Körperwelten, Freunde in den communities treffen. Was war das früher auf dem Schulhof so anstrengend und gesundheitsgefährdend, vor allem im Winter. Oder hitzefrei. Ist nicht mehr gefragt. Im Sommer geht's mit dem Laptop an den Pool. Da macht Lernen doch richtig Spaß, Hitze genießen und dabei noch etwas lernen, super!
Die wichtigste Komponente der neuen Schulform aber ist, dass dies endlich bundeseinheitlich, vielleicht sogar europaeinheitlich verwirklicht werden könnte. Ideal dabei: wichtige Eingriffe hinsichtlich der Bildungspolitik könnten direkt aus dem EU-Parlament in die Lehrpläne eingewirkt werden. Ein unwiderruflicher Mausklick und die Bevölkerung wird wieder mehr gebildet, ohne dass jemand irgendwo an einer langweiligen Schule seinen Senf dazu gibt und die wichtige Reform boykottiert.
Also, was hindert uns daran, uns für eine richtige Reform zu entscheiden? Die Softwareindustrie könnte noch mehr wachsen, viele Bereiche der Wirtschaft würden beglückt, die Eltern könnten in schulischen Belangen endlich einmal mitreden ohne sich auf den Weg zu Elternabenden machen zu müssen, Lehrer hätten mehr Wahlmöglichkeiten, Schulbau-Denkmäler bekämen eine soziale Aufgabe und, und, und.
Aber vor allem wären die Schüler endlich dort wo sie sein sollten: in einer sie schützenden Umgebung, umsorgt vom multinationalen Netzwerk der unendlichen Bildungsvielfalt, bestärkt in ihren Träumen und Wünschen. Gefahrlose Lernumgebung verknüpft mit den Sorgen anderer Leute, von denen man lernen kann, dass es noch viel schlimmer kommen könnte, vor allem, wenn man als Bauer keine Frau findet.
Nur eine Frage bleibt noch zu klären: mit wem schreit man grundlos herum, wenn kein Lehrer da ist?
Reinhard Leinweber