Schwimmen schafft den Ausgleich
Die am meisten ausgeführte Tätigkeit moderner Menschen ist sitzen. Ob im Auto, im Büro, ob vor dem PC-Bildschirm oder aber vor dem Fernseher. Immer sitzen wir, zudem häufig gekrümmt und verkrampft. Dass der Rücken da nicht selten anfängt zu streiken, ist nur mehr als nachvollziehbar.Bewegung tut not. Doch welche Bewegung ist die richtige? Aus Sicht des Rückens ist fast
jede Bewegung besser als gar keine. Und doch tut man sich schwer. Sport im Verein ist nicht jedermanns Sache. Und überhaupt mit 40, leicht angedickt und nicht unbedingt sportlich. Welcher Verein sucht solche Talente? Da bleibt nur der Skatclub oder gar die Doppelkopfrunde. Ach nein, da sitzt man ja schon wieder. Jogging? Die Knie ächzen unter der Last von 100 Kilo, zudem machen die X-Beine mich zum Antiläufer. Radfahren, wie jetzt noch bei der Tour gesehen? Sehr gut für die Knie, aber der immer gekrümmte Rücken, nein. Fitnessstudio? Gute Alternative, aber doch nicht das Richtige. Da bleibt dann nur noch
schwimmen!
Man konnte es ja jetzt wieder bei den Schwimmweltmeisterschaften sehen. Schwimmen ist so schwer doch gar nicht. Oder doch?
Leider reift bei den meisten schnell die Erkenntnis, dass die
Badehose allein nicht reicht. Anstatt zu kraulen, rudert man unkontrolliert durchs Becken. Beim Rückenschwimmen hat man ständig Wasser in der Nase. Brustschwimmen kann jeder und doch ist gerade dieser Schwimmstil nicht geeignet um Rückenproblemen zu begegnen. Hätte man doch besser in der Schule aufgepasst! Ich leg mich lieber auf die Couch. Falsch!
Dennoch, Schuld hat dieser Sportsuchende nicht. Selbst wenn er aktiver im Schwimmunterricht gewesen wäre, würde er nicht viel besser schwimmen können.
Die schulischen Vorgaben (Curricula) sind zu optimistisch. Am Ende kann man sich nicht viel mehr als über Wasser halten. Die zwei Einheiten in der Sekundarstufe I - zumal meistens bis zur siebten Klasse abgeschlossen - reichen nicht, entsprechende Schwimmfertigkeiten zu erlernen. Zu Recht muss die DLRG immer häufiger davor warnen, dass Kinder nicht mehr ausreichend schwimmen lernen.
Leider hat Schwimmen im Bereich des Schulsports keine Priorität. Auch die neuen Richtlinien, die seit ein paar Jahren gültig sind, brachten keine Verbesserungen, ganz im Gegenteil. Entsprechend desaströs lesen sich denn auch einige vom Land NRW als mustergültig ausgestellten Schulsportcurricula der Sekundarstufe I im Bereich des Schwimmens. Schwimmen fehlt zum Teil komplett!
www.schulsport-nrw.deDoch die
Richtlinien im Bereich des Schulschwimmens sind in sich auch mangelhaft. Schule hat die Aufgabe auf das Leben vorzubereiten. Das heißt, dass sich auch der Sportunterricht an der Realität orientieren sollte. Realität ist, dass die moderne Gesellschaft unter der Geißel von Rückenproblemen leidet und der Schwimmsport nun einmal das beste Mittel ist, dem erfolgreich entgegenzuwirken.
Anstatt die wenige zur Verfügung stehende Zeit im Schwimmen zum Erlernen der richtigen Kraul- und Rückenkraultechniken zu verwenden, wird auch Zeit damit verschwendet die Schmetterlingstechnik zu schulen. Das Ergebnis sieht denn auch so aus, dass kein Schwimmstil, außer Brustschwimmen, am Ende ausreichend beherrscht wird. Aber
es fehlt auch
an allem. Materialien wie Pullboy oder Schwimmbretter gibt es meist nicht mehr. Schlimmer noch, wenn nicht einmal Bäder, selbst Lehrschwimmbecken zur Verfügung stehen.
Konsequenterweise muss
eine Umorientierung im Schulschwimmsport stattfinden. Zum einen muss der Schwerpunkt auf die Vermittlung der Kraul- und Rückenkraulfertigkeiten liegen, während die Schmetterlingstechnik in spezielle Schwerpunktschulsportgruppen verbannt gehört, zum anderen müssen die jetzigen zwei Schwimmeinheiten der Sekundarstufe I um eine weitere ergänzt werden.
Da das Erlernen sportlicher Fertigkeiten im Alter von 15-16 Jahren besonders groß ist, sollte diese Einheit im Umfang von mindestens 25 Unterrichtsstunden im entsprechenden Alter, also in der 9. oder 10. Klasse angesiedelt sein. Zuerst sind jedoch Bildungs- sowie Gesundheitsministerien gefordert, obige Änderungen ohne langwierige Diskussionen in geänderten Sportcurricula umzusetzen, um damit auch den administrativen Rahmen zu schaffen, indem Schulen nachfolgend handeln können und müssen. Dass Schulen zum Teil kein Schwimmen mehr anbieten, ist schon schlimm genug. Dass das Land NRW die von diesen Schulen ausgearbeiteten internen Sportcurricula als mustergültig ins Netz stellt, ist schon beschämend.
Es wird Zeit, dass wir die Wichtigkeit des Schwimmsports in der Schule wiedererkennen und die entsprechenden Rahmen dafür schaffen. Nicht nur, dass wir damit langfristig eine Menge Geld im Gesundheitssektor einsparen könnten, die Lebensqualität von vielen würde auch erheblich gesteigert.
ArneFrentzel (Sportlehrer)